bluſtrirtes Volksblatt.— Herausgeber: Hans Wocheuhuſen.
Kl. Jahrgang. 1868. ℳ 42.
Der Erbe eines Thrones.
Novelle von Hermann Uhde. Fortſetzung.)
7. der Maun im rothen Mantel.
un, an den dritten October 1589 wird man in den
(Drei Kronen“ noch lange denken, nicht wahr, Herzens⸗
Guillemette?“ fragte Meiſter Denis glückſtrahlend ſeine Gattin.„O, welche Ehre für uns— welche Ehre!“
„Und welch ſchöner Verdienſt; ſieh nur her!“
„Gold!“ rief der Kronenwirth, entzückt die Hände zu⸗ ſammenſchlagend.
„Drei ganz neue blanke Goldſtücke!“
„Mit dem Bildniß Karl's X., Königs von Frankreich!“ ſagte der Hauptmann verächtlich, indeß er eine der Münzen in Augenſchein nahm.
„Ein König unter unſerm ſchlichten Dache!“ jauchzte Meiſter Denis,„ein König von Frankreich an unſerm Tiſch, bedient von mir— eigenhändig— o Gott, dieſe Ehre!“
„Er iſt ja gar nicht König von Frankreich!“ unterbrach ihn der greiſe La Rameée.
„So! Weshalb nennt man ihn denn ſo? ganz einerlei, es iſt doch ein König.“
„Aber nicht der wahre König von Frankreich!“ beſtätigte finſter Jakob von Campdaraine.
„Aber wenigſtens werdet Ihr zugeben müſſen, daß er ein Fürſt war!“
„Er iſt Karl von Bourbon⸗Vendöme, Erzbiſchof von
Das iſt mir
nem Herzen Platz zu greifen. Er hatte dieſelbe Empfindung, wie etwa ein Blinder, welchem ein Lichtſtrahl die Nacht erhellt; er ahnte, daß das geheimnißvolle Dunkel, welches über ſeiner frü⸗ heſten Jugendzeit ausgebreitet lag, ihm neidiſch Glanz und Hoheit verbarg, und fühlte, dieſer Fürſt, dieſer Arzt und dieſe Ritter hätten den erniedrigenden und lügneriſchen Schleier von ſeinem Daſein hinwegnehmen können.
„Mein Vater“, wandte er ſich plötzlich an den Haupt⸗ mann La Ramce,„Sie hörten, was der Herr Cardinal von Bourbon und der Arzt ſprachen: wem ſoll ich denn ähnlich ſehen? O ſagen Sie es mir!“
„Sie allein wiſſen es, mein Kind. Ohne Zweifel ſpra⸗ chen ſie von einem Herrn aus dem Heere. Dergleichen Aehn⸗ lichkeiten ſind nichts Seltenes, aber ſie ſind nicht immer ſehr angenehm.— Es ſind jetzt gerade dreiundfunfzig Jahre auf den Tag— man ſchrieb den 3. October 1536— als man mich in Tournon gefangen nahm, weil ich Zug für Zug einem gemeinen Verbrecher ähnlich ſah, welcher beſchuldigt wurde, den Dauphin von Frankreich mit Gift vergeben zu haben.“
„Entſetzlich!“ riefen alle aus.
Der alte Mann ſenkte ſein Haupt, um ſeine Erregung zu verbergen, während Jakob leiſe zu ihm ſagte:„Habt Ihr denn noch nicht genug Buße gethan, Freund? Hört doch end⸗ lich auf, Euch mit dieſen finſtern Gedanken zu quälen.“
„O, niemals, niemals!“
S Rouen; Cardinal und Geſandter Seiner Heiligkeit des Papſtes.“„Laßt uns einmal überzählen, wie viel wir unſerer „Seht Ihr wol, das macht mindeſtens ſo viel, als drei heute Abend an der Tafel ſein werden“, rief Meiſter Denis aus. Fürſten!“ ſchrie der unverbeſſerliche Gaſtwirth, welcher mit„Ich, Guillemette und meine elf Jungen, ſind dreizehn— zäher Conſequenz an ſeiner erhabenen Illuſion feſthielt; dreio weh, ſchlechte Zahl! Franz, der Hauptmann und Herr
Johr⸗
ihres rten⸗
Fürſten ſind zuſammen ſoviel als ein König, und deshalb iſt die Ehre für mich um kein Haar geringer. Du ſiehſt, Frau, die guten Tage kehren bei uns wieder ein; gute Tage überall: draußen in der Luft, in unſerm luſtgeſchwellten Her⸗ zen, in unſerm Geldbeutel. Die zwei Monate ſtille Zeit ſind
von Campdaraine; ferner Simon Garlande, und, wie ich ſicher hoffe, Seine Ehrwürden der Herr Pfarrer, macht achtzehn; gerade anderthalb Dutzend. Geſchwind, Guillemettchen, laß uns die Ueberbleibſel vom Mahle des Königs, des Biſchofs, nein, des Fürſten— ich weiß nicht mehr, wie ich ihn nennen ſoll, abräumen und ſchnell alle Vorbereitungen zu der Feier
reichlich aufgewogen. Ah, dein Ehrentag ſoll glänzend ge⸗ 2. feiert werden, liebſter Franz!“ treffen. Jetzt heißt es, hurtig Hand anlegen.“ Der junge Mann lehnte nachdenklich am Fenſter: er Guillemette ließ ſich nicht lange nöthigen, ſondern griff
ſchaute hinaus, wie ſich in der Ferne der Arzt Lommeau hin⸗ ter einer Staubwolke verlor, welche ſein von ihm angeſporn⸗ tes Pferd aufwirbelte; der Reiter wollte den vorangegange⸗ nen Zug in möglichſter Eile wieder einholen. Lange ſchaute der Jüngling in die Weite, und als die glänzenden Harniſche der Ritter nicht mehr im Sonnenſchein funkelten, als Alles ver⸗ ſchwunden und vorüber war, da ſchien eine ungeheure Leere in ſei⸗ Wachenhuſen's Hausfreund. XI. 14.
wacker mit zu; bald war der Tiſch geſäubert und wieder mit den leckerſten Speiſen beſetzt. Achtzehn Gedecke lagen da, und am obern Ende der Tafel, dem Ehrenplatze, welcher für den ehrwürdigen Pfarrer beſtimmt war, prangte ein ſchöner Strauß weißer Roſen.
„Vortrefflich!“ rief Meiſter Denis aus, Werk ſeiner Hände mit größter Genugthuung betrachtete.„An
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indem er das
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