Jahrgang 
1868
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Setzen Sie ſich, ſagte die Dame, ohne den Schleier zurück⸗

zuſchlagen,der Augenblick wird nicht lange auf ſich warten laſſen.

Und in der That, nach Verlauf einer halben Stuude wurde die Hülfe Villena's nöthig. Hatte er bisher die Geſichtszüge der zu⸗ künftigen Mutter nicht zu gewahren vermocht, ſo konnte er dies auch jetzt ganz in der Nähe des Bettes nicht, denn auch ihr Geſicht war verſchleiert, nur ſo viel errieth er, daß ſie jung und ſehr ſchön ſein mußte.

s iſt vorüber, Madame, ſagte er nach einigen Augenblicken und übergab ihr das Neugeborene, das ſie in eine Wiege dem Bette gegenüber legte. Während dieſelbe den Rücken drehte, ergriff plötzlich die junge Mutter, die bis dahin trotz der Schmerzen ſtumm geblieben war, die linke Hand des neben ihr knienden Arztes und flüſterte ihm kaum hörbar zu:Mir und meinem Kinde droht der Tod.

Villena erwiderte den Händedruck und erhob ſich.

Sie bedürfen jetzt meiner Hülfe nicht mehr, ſprach er, ſich vom Lager zurückziehend,ich werde mich entfernen, die Geſundheit der Mutter erheiſcht die größte Sorgfalt während einer Woche.

Seien Sie außer Sorge, antwortete die Dame,ich werde Alles beſorgen; hierauf warf ſie ihm die Kapuze über und zog heftig an einer Glocke. Die Rückkehr geſchah in derſelben Weiſe wie die Ankunft; im Wagen forderte die Dame den Doctor nochmals auf, Schweigen zu beobachten.

Mein Gewiſſen gebietet mir zu ſprechen, Madame, ich bin ſehr froh, mein Wort nur bedingsweiſe gegeben zu haben.

Warum?

Weil ich nicht ſicher bin, ob dieſe geheimnißvollen Vorkehrungen irhend ein

Schön, mein Herr, erwiderte barſch die Verſchleierte,wenn Sie ſprechen, deſto ſchlimmer für Sie!

An der Thür ſeiner Wohnung ſtieg Villena aus und trat mit ſeiner Begleiterin ins Haus, wo dieſe ihm die Kapuze abnahm und dann wieder zum Wagen zurückging, es ſchlug zwei Uhr, als der Wagen davonfuhr. Am andern Morgen machte der Doctor, nachdem er lange überlegt hatte, ſeine Anzeige bei der Polizei und erzählte die Vorgänge der verfloſſenen Nacht. Bei einbrechender Dunkelheit fand er beim Nachhauſegehen unter ſeiner Thür einen Zettel, auf welchen mit Bleiſtift geſchrieben ſtand:Nehmen Sie ſich in Acht! So wie die Polizei die Nachforſchungen, zu denen Sie ſie aufgefordert haben, beginnt, werden Sie behandelt werden, wie Sie es verdienen. Noch am ſelben Abend befand ſich dieſes, mit grober und verſtellter Schrift geſchriebene Billet in den Händen der Behörde, gegen 10 Uhr aber büßte Villena theuer die Verachtung dieſer Warnung. Am Ein⸗ gang ſeiner Straße ſtieß ihn Jemand wie aus Verſehen an und bohrte ihm einen Dolchſtoß in die volle Bruſt, der ihn zu Boden ſtreckte. Die Wunde des Doctors iſt nicht tödtlich; die Nachforſchungen der Polizei haben bisjetzt noch keine Aufklärung über dieſe dunkle Geſchichte gebracht.

Alles Schuldigkeit!

Der König Karl Albert beſuchte vor zwanzig Jahren die kleine Stadt Bonville, die heute zu dem franzöſiſchen Departement Haute⸗ Sovvie gehört. Die Bürgerſchaft hatte ſich in bedeutende Unkoſten geſtürzt und ihre Mittel dabei ſtark überſchritten. Als der König ſeine Zufriedenheit mit dem Empfange bezeugte, ſagte der Syndicus mit tiefer Verbeugung:Sire, die Stadt hat nichts gethan, als was ſie ſchuldete; ſie ſchuldet aber auch Alles, was ſie gethan. Der König lächelte mit Verſtändniß aber erbot ſich nicht zur Zahlung.

Der Bazar in Raguſa. Raguſa in Dalmatien, die Hauptſtadt der ehemaligen Republik

gleichen Namens, deren Blütezeit in die Mitte des funfzehnten Jahr⸗

hunderts fällt, dürfte wohl als das ſchönere Endziel einer kurzen Seereiſe an der dalmatiniſchen Küſte und den daſelbſt liegenden inter⸗ eſſanten alten Städten und Ortſchaften vorüber, angeſehen werden. Nachdem man die meiſt kahlen, gebirgigen Ufer Dalmatiens hinter ſich hat, labt man ſich, je näher man Raguſa kommt, an dem Anblick der üppig⸗grünen Ufer, die mit reizenden Villen beſetzt ſind. Allent⸗ halben treten die Zeugen vergangener Größe und einſtmaliger Wohl⸗ habenheit der einſt ſo reichen Republik hervor, und ſtolz blicken noch die heutigen Raguſaner auf die Vorzeit zurück, und bewohnen, wenn auch oft unter fehr beſcheidenen Verhältniſſen, gerne im Sommer und Herbſt ihre Campagnen bei Gravoſa. Im ſechzehnten und ſiebzehnten Jahrhundert wurde Raguſa von dem Erdbeben faſt ganz zerſtört, doch ſind immerhin jetzt noch einige Prachtgebäude, wie der Reſidenzpalaſt

des ehemaligen Rector der Republik und die Domkirche, mit vielen alten Patricier⸗Wohnungen aus jener Zeit übrig, und die vielen Thürme und hohen Mauern geben der Stadt ein mittelalterliches Aeußeres. Die faſt für die Ewigkeit gebauten Förts San⸗Lorenzo trotzen wie ehedem dem Siroco den Stürmen des Meeres, deſſen Wellen mit der Brandung oft über die Mauern ſchlagen.

Bei Leveroni vor der Stadt liegen die Contumazgebäude und der Bazar, in dem wöchentlich dreimal reges Treiben durch die von Bosnien über die Berge kommende türkiſche Karavane herrſcht. Ein buntes Gewühl von Nationalitäten aller Art, ein Quodlibet von türkiſchen, griechiſchen, dalmatiniſchen und ſlaviſchen Trachten ſtellt ſich dem deutſchen Fremden vor Augen, und wohl gehört dieſes dort zu ſchauen mit zu den intereſſanteſten Vergnügungen in Raguſa. Noch hat dort von jener Gegend her, wo die Karavane kommt, der Tranſit⸗ Handel durch eine Eiſenbahn nicht die Erleichterung des ſchnellen und ergiebigeren Transportes gefunden, und da die Berge auch unweg⸗ ſam für Fuhrwerke ſind, ſo bedient man ſich der kleinen Saumpferde, die zu Hunderten ſchwer bepackt mit Schafwolle und Rohhäuten nebſt anderer Waare müde nach dem Handelsplatze kommen. Auf einem großen, mit einer Mauer umgebenen hügeligen Raum wird Halt gemacht und abgeladen, und was über dieſen Raum hinaus der Stadt zu will, muß 14 Tage, oft länger, Quarantäne halten. Waa⸗ ren, die verkauft, müſſen vorerſt in andere Hände kommen, durch⸗ geräuchert und das Vieh durch einen Teich getrieben werden. Die hier in dem Bilde mit im Vordergrunde ſtehenden bosniſchen Frauen mit dem faſt chineſiſchen Kopfputz, und jener alte Bosnier mit ſeinem Saumpferd haben die Quarantäne bereits durchgemacht und gaben dem Maler Gelegenheit, ſie in der Nähe zu ſkizziren, während man den Uebrigen auf und über der Mauer ferne bleiben mußte. Die Ragufaner Bauernweiber links mit den langen ſchwarzen Ueberröcken, die ohne viel Unterlage in gerader Linie über den Rücken bis zur

Ferſe gehen, ſind gerade nicht ſehr ſchön. Anders verhält es ſich mit

den graziöſen Geſtalten der Raguſaner Städterin, die hier anzudeuten der Ort nicht iſt. Eigenthümlich iſt es, daß die Bosnier ihren Pfer⸗ den bei dieſem Anlaß nie den Pferdeſattel und die Decken abnehmen, und alle unter freiem Himmel mit dem am Kopfe angehängten Futter⸗ ſacke abgefüttert werden. Erſteres wol, um den Rücken warm zu halten, Letzteres aus Mangel an Obdach überhaupt. Die handelsbe⸗ fliſſenen Herren Türken begnügen ſich während des Bazars mit ihrer unvermeidlichen kleinen türkiſchen Pfeife und ſchwarzem Kaffee, und ſparen ſich die größere Nahrung für den eigenen Herd am Abend, was bei der drückenden Hitze des Sommers, in dem ich die Skizze zu dieſem Bilde machte, auch mir angemeſſen ſchien. Von Raguſa weiter an die Grenze von Montenegro ſcheint in Cattaro die Welt zwar nicht mit Brettern, aber doch mit felſig⸗kah⸗ len Bergen verſchlagen und dürfte jeder Fremde, wenn er über dieſe nicht hinüber will, bei erſteren länger verweilen. Eugen Adam.

Kleine Poſt der Redaction.

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Dr. S. in B. Bitte direct an die Expedition einzuſenden.

O. in P. Die Lebensgeſchichte der bewußten Gräfin erſcheint im nächſten Jahr⸗ gang des Hausfreund. Es fehlen noch einzelne Details.

R. P. in B. Das geſandte Porträt hat leider kein allgemeines Intereſſe.

Die Dame in Goldap, die uns kürzlich geſchrieben, bitten wir um Angabe ihres Namens; wir vermögen denſelben nicht zu entziffern, können daher nicht antworten. Herrn E. L. in S. Wir wiſſen es nicht genau, werden uns aber erkundigen.

Frau L. M. in W. Wir können nicht beſtreiten, daß auch wir in aufgeregten Stunden Gedichte gemacht haben, aber verſichern Ihnen, wir haben niemals Andere damit gequält. Nichts für ungut.

Herrn Cantor N. in V. Ein einfacher Redactionspuff, auf den wir, wenn ſich unſere Vermuthung beſtätigt, noch einmal zurückkommen.

Nr. 42 wird acht Tage ſpäter ausgegeben.

Verlag der Hausfreund⸗Expedition(E. Graet) in Berlin, Kronenſtraße Nr. 21.

Verantwortlicher Herausgeber: Hans Wachenhuſen. Haupt⸗Expedition und Druck bei F. A. Brochaus in Leipzig.