Als man dem jungen Milan, den Neffen des Ermordeten, der in Paris in aller Stille erzogen ward, die Nachricht von dieſem To⸗ desfalle erzählte, war er eben vierzehn Jahre alt geworden. Milan vergoß eine Thräne, aber als echter Serbe rief er:„Ich werde meinen Hheim rächen!“ Seine Umgebung weinte vor Rührung über ſolche Seelengröße, umgab ihn mit einer undurchdringlichen Wache, damit die Mörder nicht auch ihn erreichten, dann aber führte ſie ihn auf die Eiſenbahn, bewacht von zwei Gensdarmen, die jede ſeiner Be⸗ wegungen beobachten mußten. Die franzöſiſchen Gensdarmen lieferten an der Grenze den jungen Thronfolger an ein paar badiſche Gens⸗ darmen ab, die ihn bis nach Oeſterreich begleiteten; dort empfingen ihn öſterreichiſche Gensdarmen, und ſo ward denn Milan ohne alle Fährlichkeit nach Belgrad ſpedirt, wo ſeiner erſt die größten Gefah⸗ ren warteten.
Trauriger Beruf eines Fürſtenſohnes! Sveben noch ſaß er harmlos in ſeiner ſtillen Penſion und ſtudirte den Ovid oder den Cicero, da kam die Botſchaft: Hoheit, der Allmächtige ruft Sie auf den Thron Ihrer Väter!— Milan alſo ſteckte ſeine Vocabeln ein. Sein erſter Ge⸗ danke war: Rache an den Mördern! ſein zweiter: das Glück ſeiner Unterthanen. Kaum dem A⸗B⸗C⸗Buch entronnen, wälzen ſich die beiden ſchwierigſten Aufgaben auf ſeine Schultern, denen ein Monarch ſich unterwerfen kann, Rache und Segen!
Man muß dieſes Land kennen, wie ich es kennen gelernt habe, um das erſte Gefühl zu begreifen, das ſich in der Seele dieſes Thron⸗ erben regte. Die Serben ſind die Corſen der Donau. Tief und un⸗ verſöhnlich wurzelt in jedem Serben das Geſetz der Blutrache, die ſich von Geſchlecht zu Geſchlecht vererbt, und was man auch von dem Eindringen der Civiliſation in dieſes Gebirgsland ſpricht, ſie
findet dort ein Bollwerk in den alten Geſetzen und Sitten, die nichts
reformirt.
Bewaffnet vom Kopf bis zu den Füßen, beſucht der Serbe ſeine Nachbarn; Flinte, Handſchar und Piſtolen verlaſſen ihn kaum, wenn er ſich Nachts auf ſeine Pritſche ſtreckt, die ihm noch immer ſtatt des Bettes dient. Das Familiengeſetz bleibt ein patriarchaliſches, unverſöhnlich, unvergeßlich ſich von Generation zu Generation ver⸗ erbend; jede Neuerung bricht ſich an der unüberwindlichen Abneigung gegen die Civiliſation.
Ich habe in Serbien Anfänge der letztern gefunden, aber es waren nur Anfänge. In den metallreichen Bergen haben fremde Ingenieure ſchon vor langer Zeit begonnen, Schächte zu graben und Gold und Silber zu gewinnen, aber der Serbe hat ſie wieder hinaus gejagt. Chauſſeen haben ſie gebaut, die ſich mit zahlloſen Windungen und Wiederkehren über die Verge zogen, aber der Serbe verachtet ſie; er reitet nach wie vor ſeinen ſteilen Pfad über den Berg und kümmert ſich den Teufel um die Chauſſee.
Auf meiner Reiſe durch Serbien bin ich der Gaſt ſo mancher
biedern Familie geweſen, die mir die aufrichtigſte Gaſtfreundſchaft
gewährte. Ich ſchlief des Nachts zwiſchen dem Vater und den Söh⸗ nen auf einer Pritſche, und des Morgens, wenn kaum der Tag graute, gingen wir alle patriarchaliſch an die Donau, die Pferde mit uns führend, um uns den Schlaf aus den Augen zu waſchen, und wie wir zuſammen ſaßen und plauderten, erzählten ſie mir blutige Geſchich⸗ ten, in denen die Rache ſtets den wichtigſten Factor ſpielte. Ich war ſogar einmal der Gaſt des großen Räuberhauptmanns Ali Pandur(wie ich dies ſeiner Zeit erzählt habe), der mir ſeine Freundſchaft ſchenkte, weil ich einmal meinen Wein mit ihm getheilt, ohne zu wiſſen, mit „wem ich die Ehre habe“ Ali genoß die Gaſtfreundſchaft in Serbien wie ich, nachdem er auf türkiſchem und öſterreichiſchem Boden eine Anzahl Mordthaten verübt: aber er hatte ſein Ehrenwort gegeben, in Serbien Niemandem ein Haar zu krümmen, und deshalb war er ſo ehrenwerth in Serbien wie irgend ein Anderer.
Welch ein Land, Leſer, in das, ſage ich, geführt von ſeinem Hofmeiſter, der junge Fürſt einzieht mit dem Pflichtgefühl, ſeine erſte und heiligſte Regierungshandlung müſſe eine— Mordthat ſein!
Da wir einmal von den Gekrönten dieſer Erde reden, ſei auch der Gefahr erwähnt, in welcher die Königin von England ſchwebte. Es paſſirt alle Tage, daß um alle möglichen Güter dieſer Erde, um Geld und Geldeswerth Proceſſe geführt werden, aber es iſt entſchie⸗ den ein intereſſanter Rechtsfall, wenn ein Menſchenkind mit einer großen Königin, mit der Beherrſcherin der Meere, einen Proceß um ihre Krone führt.
Seit dreißig Jahren alſo ſchwebt die der Königin Victoria in Gefahr, ſeit dreißig Jahren behauptete eine gewiſſe Miſtreß Ryves die inzwiſchen ſiebzig Jahre alt geworden, ſie ſei der legitime Spröß⸗ ling des Herzogs von Cumberland, des Sohnes Georg's V. von Eng⸗
land und mit einer Demoiſelle Olive Vilmot vermählt.
Auch im„Hausfreund“ hat ſchon vor mehreren Londoner Correſpondent dieſes originellen Sache wurde alltäglich, man vergaß ſie, nen und
Jahren unſer Proceſſes erwähnt; die n aber der Proceß nahm ſſei⸗ Jortgang, durchſchritt während dreißig Jahren alle Inſtanzen kam endlich vor die Pairs⸗Kammer. Der Attorneh⸗General, der Vertreter der Regierung, behauptete vor dieſer Kammer, die Ehe des Herzogs von Cumberland ſei un⸗ gültig geweſen, Lavinia Rhves wurde mit ihren Anſprüchen abge⸗
* 3 wieſen, und die Königin von England behält alſo für dieſes mal noch ihren Thron.
Wäre Hlive Vilmot nun unglücklicherweiſe rechtsgültig vermählt geweſen, ſo hätte Victoria ſich ins Privatleben zurückziehen müſſen, und Lavinia Rhves ſich zur Königin ausrufen laſſen. Es iſt alſo der Gegenwart mit genauer Noth wiederum ein großes Königs⸗ Drama erſpart worden.
Und wie war's mit der ſchwarzen Inſel⸗Königin, deren Ankunft in Paris ich in voriger Nummer annoncirte? Man wußte vor einigen Tagen noch nicht genau, woher ſie kam, jetzt tritt ein civiliſirter Afrikaner auf und erklärt, er habe die Ehre, die Königin von Mo⸗ hely zu kennen, und es ſei beklagenswerth, daß Europa ſo wenig in der Geographie bewandert.
Das Königreich Mohelh, ſagt er, gehöre zu der Gruppe der Co⸗ moren; die Inſel ſei zwar nicht groß, aber ſie ſei fruchtbar und biete einen bezaubernden Anblick. Die Bevölkerung von Mohely beſtehe aus, Arabern aller Schattirungen, vom Weiß bis zum tiefſten Schwarz, und aus einigen tauſend Sklaven, d. h. Eingeborenen der Wüſte. Die Königin ſelbſt, berichtet er, könne wol dreißig Jahre zählen; ſcit ihrer Vermählung nenne man ſie Fatuma; ehe die politiſchen Intereſſen der Inſel ſie genöthigt hätten, einen alten Araber, einen Verwandten des Sultans von Zanzibar, zu heirathen, der jetzt glück⸗ licherweiſe geſtorben, habe ſie Jombe⸗ Sudy geheißen, von den Europäern aber ſei ſie nur die„kleine Königin“ genannt worden.
Fatuma, heißt es weiter, ſei ſchon als Kind zur Waiſe gewor⸗ den; ihr Vater war ein Prinz von Madagascar und naher Ver⸗ wandter von Radama geweſen; ihre Mutter habe ebenfalls einer mächtigen Familie von Tananariva angehört. Als die Aeltern ſtar⸗ ben, blieb ſie den Sklaven ihrer Familie und einer Hand voll Solda⸗
ten anvertraut, bis Frankreich ſie in ſeinen Schutz nahm. Was ihre Perſönlichkeit anbelangt, ſoll ſie wirklich ſehr ſchön ſein, einen
olivenfarbigen Teint und ſehr reiches ſchwarzes Haar beſitzen. Sie iſt klein von Geſtalt und hat eine ausgezeichnete Erziehung erhalten.
Weiter iſt nichts über ſie zu erfahren. Die Kaiſerin Eugenie ſoll entſchloſſen ſein, ſie in Paris unter ihren Schutz zu nehmen, da⸗ mit die ſchöne Fremde nicht etwa aus Unerfahrenheit zu Mabille oder an andere gefährliche Orte gerathe.
Man erinnert ſich der kühnen Fahrten, welche in vorigen Jahren von einigen Amerikanern in leichten Jachten von New⸗York nach Southampton unternommen wurden. Unter dieſen war namentlich
—
die kleine zierliche Nußſchale, der Red, White and Blue, der auch auf dem Marsfelde unter einem Zelt ausgeſtellt wurde, ein Gegenſtand der allgemeinen Bewunderung. In dieſem kleinen Seelenverkäufer hatten einige Verwegene den ganzen Ocean durchſchifft und waren glücklich angekommen.
Auf einer anderen Jacht, dem John Ford, hatten ſich am 22. Juni zwei Männer und ein Schiffsjunge von Baltimore nach Frankreich eingeſchifft. Alles ging auch gut bis zum 19. Auguſt, an welchem Jage die Jacht an den Küſten Irlands verunglückte. Zwei von der kleinen Mannſchaft ertranken, der Dritte ward gerettet, und dieſetr, Namens Andrew Armſtrong, iſt inzwiſchen nach Baltimore zurückgekehrt. Auch der John Ford, die Jacht, wurde gerettet, und einige Bürger dieſer Stadt, Armſtrong's Muth bewundernd, haben die Jacht gekauft, um ſie ihm zum Geſchenk zu machen.
Inzwiſchen tritt nun einer von der Mannſchaft des Red, White and Blue, Namens John Fitch, auf und fordert Armſtrong öffentlich heraus, mit ihm eine Wettfahrt zwiſchen New⸗York und Dublin zu machen, und zwar will er mit einer Jacht fahren, die er ſoeben käuf⸗


