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nic. Die Kritik ſtirbt mit ihrer Zeit, und wenn ſie nicht ein beſonderes Intereſſe hat, wie die von Leſſing, Tieck oder Schlegel, ſo wird ſie nicht nur von der bedeutenden, ſondern ſelbſt von mittelmäßiger Production überlebt. Die Kritik ſollte vor Allem productiv ſein, aber ſie iſt heut zu Tage deſtructiv geworden. Dem Theater gegenüber gibt es zwei Arten von Kritik— jene der Dichter, und jene der Schauſpieler. Beide Gattungen ſind aber eng mit einander verbunden; denn blos literariſche, von der Darſtellung abſtrahirende Kritik ſollte über ein dramatiſches Er⸗ zeugniß niemals gefällt werden. Ein Stück darf nicht als Buch gelten; es wird erſt lebendig durch das geſprochene Wort, und nur durch Vermittelung der„Sprecher“ zeigen ſich alle ſeine Licht⸗ und Schattenſeiten in vollem Maße. Daher kömmt es auch, doß
alle Welt gegen die ſogenannten„Buchdramen“— mit der Be⸗
merkung:„Auf Koſten des Verfaſſers gedruckt“— ein unbeſieg⸗ bares Vorurheil hegt.
Uebrigens braucht der Kritiker eine ſpecielle Haltung von Talent; bedeutende Dichter ſind nicht immer maßgebende Kritiker, Schauſpieler ſind es nie. Und doch habe ich ſchon oft die Phraſe gehört:„Gelehrte werden von Gelehrten, Schriftſteller von Schrift⸗ ſtellern beurtheilt, nur der Schauſpieler wird nicht von Standes⸗ genoſſen, ſondern von Perſonen gerichtet, die dem Theater vollends ferne ſtehen.“ Es bedarf dies keiner Widerlegung.— Künſtler ſind freilich auf die Kritik in der Regel nicht ſehr gut zu ſprechen; und in der That macht ſich nirgends ſo viel Selbſtüberhebung, ſo viel perſönliche Vorliebe oder perſönliche Animoſität, ſo viel Liebloſigkeit geltend, als in der Theaterkritik, und beſonders in der modernen. Vor einigen Jahrzehnten— ich ſpreche da namentlich von Wien und von Oeſterreich— durften die Völker ſich nicht in die Politik ihrer Herren mengen, und um überhaupt etwas zu thun, beſchäftigten ſie ſich mit Theater, und folgerichtig waren die Theaterkritiker ungemein wichtige Perſonen. In den dreißiger Jahren zählte die„Wiener Theaterzeitung“ etwa zwanzig⸗ tauſend Abonnenten, und die Recenſionen wurden mit Gier ver⸗ ſchlungen. Die Zeiten ſind vorüber; heute ſpannt ſich Niemand mehr— wie man es früher in richtiger Selbſterkenntniß that— anſtatt der Pferde vor den Wagen einer Primadonna; heute hat man einſehen gelernt, daß politiſche Nachrichten denn doch von größerer Bedeutung ſeien, als das Debut einer Schauſpielerin. Die Sucht, Kritik zu üben, entfteht oſt wirklich nur aus der eigenen Moductionsunfähigkeit, wie Hebbel das in dem Diſtichon chargkteriſirt:
Jeder möchte doch ſchaffen, und da du nun einmal Gedichte nicht zu ſchaffen vermagſt ſchaffſt du uns Dichter dafür.— Die erſten Spuren von Theaterkritik ſind, wie ich glaube, in Griechen⸗ land zu finden; der Tragödie wohnten zehn, der Komödie fünf Kunſtrichter bei, und der beſte Darſteller erhielt anfangs einen Bock oder einen Dreifuß, ſpäter eine Summe Geldes als Preis. Der Dichter brauchte nicht noch überdies belohnt zu werden, da er in ſeinen Werken ſpielte, und alſo unter den Darſtellern mit inbegriffen war. Das Publikum übte ſchon damals durch Ziſchen oder Händeklatſchen ſeine Kritit.— Wir überſpringen einen
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Zeitraum von vielen Jahrhunderten, und finden in deutſchen Jahrbüchern das Theater nur nebenbei erwähnt. Der Prin⸗ zipal Koch erweckte die erſte eigentliche Theaterkritik, nämlich die„Schilderungen der Kochſchen Bühne“, die„Gegenſchil⸗ derungen“, die Broſchüre:„Vernünftige Gedanken über Koch's Bühne“ u. ſ. w. Allein erſt mit Leſſing entfaltet ſich die Kritik zu einem Fache, zu einer Wiſſenſchaft. Als Conſulent des Theater⸗ directors Löwen ſchrieb er die„Hamburgiſche Dramaturgie“, die bekanntlich zum größten Theile an Ausbrüchen verletzter Künſtler⸗ eitelkeit ſcheiterte. Oh über dieſe vielbeſprochene Eitelkeit! Sie wird genährt durch ſchablonenhafte Kritiker, durch Theaterblätter, die ihre hochgeehrten Abonnenten verhätſcheln. Nimmt man ein Theaterjournal zur Hand, ſo lieſt man nur von großartigen, genialen, wackeren, tüchtigen, bewundernswerthen, vorzüglichen, beliebten, talentvollen, impoſanten, berühmten und noch nicht da⸗ geweſenen Künſtlern und Künſtlerinnen, und all dieſe Epitheta ſind nur Empfangsbeſtätigungen über die richtig erhaltene Prä⸗ numerationsgebühr. Dieſe perfide Lobhudelei verwöhnt die Schau⸗ ſpieler, und der geringſte Tadel verletzt ſie. Das Anſehen der Theaterkritik, welch letztere zur Stunde ſehr hervorragende Ver⸗ treter zählt, wird durch das Treiben der Agenturblätter herabge⸗ ſetzt. Der talentloſeſte Stümper avancirt für einen Thaler zum modernen Roscius, und während die unabhängigen Kunſtorgane immerhin eine gewiſſe Würde bewahren, herrſcht unter den— mit Theateragenturen verbundenen—„Geſchäftsblättern“ eine verderbliche Corruption.— Das Theater iſt verfallen; will man aber dieſem Verfalle entgegentreten, ſo muß auch die Kritik von einem neuen Geiſte belebt werden.
Oft drängen ſich Unberufene als Kritiker auf. Wie weit das geht, beweiſt ein komiſches Factum aus dem ſiebzehnten Jahrhundert. Ein Schuſter war zu jener Zeit in Madrid die erſte kritiſche Autorität; alle Bühnendichter mußten ihm ihre Werke vor der Aufführung unterbreiten, und obwol er blödſinnige Be⸗ merkungen machte, die von ihm vorgeſchlagenen Aenderungen gut heißen. Im Schauſpielhauſe richtete ſich Alles nach ihm; ziſchte er, ſo ziſchten die Uebrigen, applaudirte er, ſo war das Glück des Autors und der Darſteller entſchieden. So berichtet ein ſicherer Gewährsmann, ohne jedoch anzugeben, wie beſagter Schuſter zu dieſer Würde gelangt ſei.
Unmöglich iſt die Sache nicht; noch heute gibt es Kritiker, die weit vernünftiger daran thäten, ehrſame Schuhmacher zu wer⸗ den. Uebrigens machen die Theaterzeitungen es ſich am be⸗
guemſten; die Abonnenten ſchreiben da über ihre eigenen Leiſtungen,
und ſo kam es, daß einmal in einem ſolchen Blatte zu leſen war:„Die treffliche Künſtlerin erntete ſtürmiſchen Beifall, und ich wurde dreimal gerufen.“— Der Redacteur hatte vergeſſen, die erſte Perſon in die dritte zu verwandeln.— Die Schau⸗ ſpieler finden unparteiiſche Kritiken in der Regel unangenehm, und. ſie denken, wie es im Vorſpiel zu„Fauſt“ heißt:
das Allerſchlimmſte bleibt, Gar Mancher kommt vom Leſen der Journale.“
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Feuil
Aus aller Welt.
XXXKIV. Wie man ſeine Völker glücklich macht.— Der Proceß um die Krone.— Die ſchwarze Königin.— Die Wettfahrt auf dem Heean.— Was eine Sonnenfinſterniß Werth iſt.
— Wer iſt der Eſel?
Geſchichte von der Ermordung des
Der Leſer kennt die Zeitungen haben davon ſo viel erzählt,
Serben⸗Fürſten; denn die
leton.
daß mir zu erzählen faſt nichts mehr übrig bleibt. Glückſeliges Land, beneidenswerthes Volk, auf deſſen Thron von Gottes Gnaden eine Familie von Schweinehändlern reſidirt! Land der Berge und des Cucuruz, der Blutrache, der Vamphre und der Gerechtigkeit, in wel⸗ chem der ſelige Miloſch mit einem Stein in dem Zipfel ſeines Taſchen⸗ tuches umherging, um eigenhändig zu ſtrafen und ſeine Unterthanen glücklich zu machen.
Leſer, welch ein Land! Denke dir ein Volk, ein ſchön es Volk, ein tapferes Volk, das nichts kennt, als ſeine Schweine, die in den dichten Wäldern ſich mäſten, als ſeine lange Flinte und ſeinen Yatagan; ein Land, in dem noch immer das Geſetz gilt: Auge um Auge, Zahn um Zahn, wie uns auch dieſe Ermordung des Fürſten wieder zeigt. Leſer, welch ein Land, in welchem Miloſch den Kara⸗Georgewitſch er⸗ mordete, um deſſen Thron zu beſteigen und ein Georgewitſch einen Nachkommen des Miloſch ermordete, weil er ihm im Wege ſtand! Welch ein Land, in welchem wiederum ein Miloſch einen George⸗ witſch ermorden wird und ſo umgekehrt, bis in die ſpäteſten Jahr⸗ hunderte hinein. Welch ein Land! Welch ein Land!
(Fortſetzung auf S. 654.)


