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Endlich hieß es eines Tages, Leonide habe ſich wiederum zehn Louis von einem Menſchenfreund geborgt und ſei damit nach Paris zurückgereiſt. Man ſprach von einem Verluſt von 250,000 Francs. Wehe den Anbetern Leonidens in Paris!
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Es iſt nicht ſchwer, in den rheiniſchen Spielbädern die Be⸗ obachtung zu machen, daß von allen Nationen England die we— nigſten Unglücksrekruten an den Spieltiſch ſendet. Wie es ſcheint, ſagen dieſe geräuſchloſen Gemüthsbewegungen der britiſchen Race nicht zu. Wenn man zu Pferde die Bank ſprengen könnte, die Spieltiſche würden ſämmtlich von Engländern und Amerikanern garnirt ſein, die in dieſem Jahre wieder in Menge den Rhein verwüſten.
Sie ſind lieber in Wiesbaden als in Homburg; ſie wohnen gern das ganze Jahr hindurch an den Ufern des Rheines und ſenden ganze Contingente blond⸗ haariger Töchter auf die Bälle und Reu⸗ nionen der Curhäuſer, weshalb denn auch das Studium der engliſchen Sprache den Offizieren aller rheiniſchen Garniſonen un— erläßlich geworden iſt. Wiesbaden, Biberich, Bingen, Rüdes⸗ heim, St.⸗Gvar, Königswinter und Bonn ſind engliſche Winterſtationen, in denen Mr. I Say Jahre lang ſich niederläßt und ſeine„Times“ lieſt, während die Töchter die Galanterien der preußiſchen Offiziere er— müden; denn es iſt ein Unglück, daß man über das Vermögen
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und die Mitgift dieſer engliſchen Familien ſo unzuverläſſige Nach⸗ richten hat.
Vom Rheumatismus ſcheinen vieſe blonden Miſſes wenig geplagt, ſie ziehen daher die Bäder in dem tiefen ſchönen Rhein vor und ſind muthige Schwimmerinnen vor dem Herrn. Ich kann dem Leſer eine Abbildung nicht vorenthalten, wie Miß Suſy ihren großen Neufundländer Nero ſich als Schwimmmeiſter er⸗ zogen und unter ſeiner Anleitung das Schwimmen erlernt, wäh⸗ rend Miß Ellen, die ſchon eine Meiſterin im Schwimmen iſt, ihren Othello, den großen Kettenhund, als Wächter in den Ein⸗ gang ihrer Badehütte ſtellt und ſich Hals über Kopf in die Fluten des Rheines ſtürzt.
Es ſind das kleine Badeſtudien, die man am Ufer um jede Tageszeit zu machen im Stande iſt; denn der Rhein iſt ein
deutſcher Strom, der von Eugländern bewohnt und von Hotel⸗ wirthen begrenzt wird, wie ich das ſpäter ausführlicher beſchreiben werde. Hans Wachenhuſen.
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ſt udien.
Von Ferdinand Groß in Wien.
V. Die Theaterkritik.
Production und Kritik ſollen einander gegenſeitig erzeugen und befruchten.— Aber es iſt dahin gekommen, daß drei Haupt⸗ factoren des theatraliſchen Lebens ſich als Neider und Rivalen gegenüber ſtehen; ich meine: Dichter, Schauſpieler und Kritiker. Es ſoll hier von den Letzteren geſprochen werden.
Im gewöhnlichen Leben wird alle Bühnenkritik kurzweg ab⸗ gemacht; eine Kunſtleiſtung, ein dramatiſches Werk wird da ent— weder„gut“ öder„ſchlecht“ genannt. Wäre mit dieſen Be⸗ zeichnungen in der That ein ganzes Urtheil gegeben, ſo müßten die Theaterkritiker ihre Feder aus der Hand legen, und Leſſing's Dramaturgie würde nur noch als Makulatur verkauft werden. Zufällig verhält ſich die Sache aber ein wenig anders.„Gut“ und„ſchlecht“ ſind relative Begriffe, ſie ſind eigentlich— man erinnere ſich an den Vers Goethe's„und wo Begriffe fehlen“ u. ſ. w.— gar keine Begriffe, ſondern inhaltsloſe Worte. Theaterpublikum hat, der großen Mehrzahl nach, überhaupt keine Meinung, ſondern es ſchmiegt ſich dem an, was man ihm als ſeine Meinung hinſtellt. Wir Alle bewundern heute das gigan⸗ tiſche Genie William Shakeſpeare's; dieſer Shakeſpeare war der⸗ ſelbe Dichter, ſeine Werke waren dieſelben im vorigen Jahrhun⸗ dert. Allein damals erfrechte ſich Voltaire, ihn„einen Gaſſen⸗ jungen“ zu nennen, und in gläubiger Demuth wurde das Wort
von Voltaire's Zeitgenoſſen acceptirt. Forbes ſagte:„Shakeſpeare hat weder komiſches, noch tragiſches Talent“, und Knigth machte die beſcheidenene Bemerkung,„Maß für Maß“ ſei ein empören⸗ des Machwerk. Geoffroy(bis 1814 der bedeutendſte franzöſiſche Kritiker) ſchrieb im„Journal des Debats“:„Die Werke Shake⸗ ſpeare's ſind ein Miſthaufen. Seine Anhänger müſſen über die Verehrung, die ſie ihm zollen, erröthen.“ Und Gottſched— ich ſchließe mit dieſem die Blumenleſe der Shakeſpeare⸗Kritiken— ließ ſich in folgender Weiſe über„Julius Cäſar“ vernehmen: „Die elendſte Haupt- und Staatsaction unſerer gemeinen Ko⸗ mödianten iſt kaum ſo voll Schnitzer und Fehler wider die Regeln der Schaubühne und geſunden Vernunft, als dieſes Stück Shake⸗ ſpeare's iſt.— Niemand, der je etwas Vernünftigeres geleſen, kann an Shakeſpeare Belieben tragen. Sein Julius Cäſar hat ſo viel Niederträchtiges an ſich, daß ihn kein Menſch ohne Ekel leſen kann.“ Wer kennt jetzt Forbes, Knigth, Geoffroy, wer lieſt in unſeren Tagen Gottſched? Vielleicht Niemand. Wer lieſt aber Shakeſpeare? Vielleicht Jeder. Der große Britte galt den kleinen Geiſtern als Stümper. Garrick, Leſſing, Schröder, Schlegel, Gervinus, Victor Hugo, England, Frankreich, Deutſchland, ganz Europa, die ganze civiliſirte Welt ſind anderer Meinung.— Der große Dichter kann unſterblich werden; der Kritiker iſt es


