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Die Wirkung, welche Hanka's Fund auf die Czechen machte, war eine ganz außerordentliche und riß die nationale Tendenz aus ihrer hundertjährigen Ruhe. Man hatte plötz⸗ lich eine feſte Baſis, einen goldenen Herd, über dem ſich der junge Bau der wieder erwachten böhmiſchen Literatur mit jugendmuthigem Stolz und ſchöner Zuverſicht wölben konnte. Die Wogen des Nationalbewußtſeins rauſchten durch das alte Land, das mit ſeinem Leben und Streben wie im Schoſe der Zeiten verſunken ſchien; die neue Aera des Czechoſlavismus wurde enthuſiaſtiſch eingeläutet; alle ſlaviſchen Stämme empfan⸗ den die Glut in einem ihrer Glieder, das ſie für abgeſtorben hielten, mit. Böhmiſcher Patriotismus, ſonſt ein ſtummes Ding und zu Opfern nicht ſehr bereit, loderte plötzlich her⸗ vor und half, von unklaren Hoffnungen geſchwellt, rüſtig am Bau des neuen Tempels mit. So entſtand eine Säule deſſel⸗ ben nach der anderen; die Volkslieder wurden im ganzen Lande geſammelt, und ſchon 1818 entſtand das Nationalmuſeum auf den Aufruf und durch die werkthätige Unterſtützung böh⸗ miſcher Granden, beſonders des Grafen Kolowrat. Wenzel Hanka wurde zum Dank für die Auffindung der Königinhofer Handſchrift mit der Leitung deſſelben betraut und zum Bibliothekar ernannt. Sogar die deutſche Poeſie zog Nahrung aus dieſer, allerdings vorzugsweiſe literariſchen Bewegung in Böhmen. Karl Egon Ebert beſang außer dem Mädchenkriege in dem Gedicht„Vlaſta“ noch die Leiden des gefangenen böhmiſchen
Sängers Dalibor, dem mit ſeiner Geige ſein Herz brach, und
ſchrieb das Drama:„Bretislaw und Jutta.“ Herloßſohn
ſchrieb den„Letzten Taboriten“, Zimmermann beſang die ſageſ⸗
reiche Liebe König Wenzel's zur ſchönen Suſanna, Siegfried Kapper kokettirte mit böhmiſchen Nationalliedern, Uffo Horn verherrlichte den König Ottokar, den erbitterten Gegner Rudolf's von Habsburg, in einem Trauerſpiele, Alfred Meißner be⸗
geiſterte ſich für Ziska, den Huſſitenführer, Moritz Hartmann
endlich beklagte in den Liedern„Kelch und Schwert“ die Lei⸗ den und Erniedrigung des böhmiſchen Volkes.
Das Alles, kann man ſagen, hatte die Königinhofer Handſchrift gethan. Nun kann man ſich den Grimm der Czechen denken, als ihnen, nachdem ſie ſich auch zu einer poli⸗ tiſchen Partei erhoben, nachzuweiſen verſucht wurde, daß bei jener ſo gefeierten Handſchrift viel Humbug und gar Fälſchung mit im Spiele ſei. Verſchiedene Bedenken gegen die Gchtheit des Hanka ſchen Fundes wurden laut, und wiſſenſchaftliche Kritik ließ die Ueberzeugung aufkommen, daß der brave Hanka nur den guten Willen gehabt habe, ſeine Literatur mit„älteſten Denkmalen“ zu beſchenken. Denn erſtens konnte Hanka keine Beweiſe beibringen, daß er wirklich die„heiligen“ Pergamente
in der Kirche von Königinhof gefunden, und dann fiel es auf,
daß er und mit ihm die Verwaltung des böhmiſchen Muſeums
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hartnäckig die chemiſche Unterſuchung der Handſchrift verweigerte,
obgleich ſie im Intereſſe der Wiſſenſchaft und der Wahr⸗ heit dringend geboten war. Ja, ſelbſt enragirte Czechen ſtutzten, als ſie hörten, Hanka habe die Schrift auf den Pergamenten wieder aufgefriſcht. So kam es, daß die Kritik immer ent⸗ ſchiedener eine Fälſchung behauptete, und Max Büdinger, ein jüngerer Gelehrter, erklärte ungeſcheut vor einigen Jahren, daß die Königinhofer Handſchrift nichts weiter ſei als ein matter Auszug aus der Chronik des Hajek, der„von arm⸗ ſeligen Seribenten platt geſchlagen und dann von Fälſcherhand mit Flittergold behängt worden.“ Dieſe Angriffe führten ſchließlich zu einem Proceß gegen ein Prager Blatt, welches der Verleumdung Hanka's angeklagt und auch verurtheilt wurde, wiewol die Verhanblungen für die Echtheit der Handſchrift gar nichts bewieſen.
Jedenfalls ſtarb der alte Hanka zur rechten Zeit und noch mit einigem Anſehen bei ſeiner Partei, deren Glauben an der Wahrheit ſeines Fundes heut ſehr erſchüttert ſein mag. Er war ein breiter, kräftiger, unterſetzter Mann mit blatter⸗ artig zerfetztem, gutmüthigem Geſicht, den man tagtäglich im Saale des böhmiſchen Muſeums freundlich, ſtill und einfachen Weſens finden konnte. Immer ging er in derſelben ſlawiſchen Nationalkleidung. Sein blauer, mit Schnüren beſetzter Rock, über den der Hemdkragen weit übergeſchlagen war, dann auf der Straße der ſpitz auslaufende, graue Hut mit breiter Krempe, kennzeichnete ihn als einen„richtigen“ Czechen. Verbittert mögen die vielen und ſtarken Angriffe gegen ſeinen Fund genug ſein Leben haben; aber daß ein Geheimniß mit ihm zu Grabe ging, bezüglich der Königinhofer Handſchrift, iſt kaum noch zu bezweifeln. Nur ſcheint Hanka, der eine äußerſt harmloſe Natur und Capacität war und von dem Polacky einmal ſagte, daß es für ihn ein unverdientes Compliment wäre, wenn man ihm zutraute, die Verſe der Königinhofer Handſchrift gemacht zu haben, mit dieſen Pergamenten ebenſo myſtificirt zu ſein wie Joe Smith mit den Tafeln Mormons. Allerdings, da die Königinhofer Handſchrift in Wahrheit ſo mächtigen Einfluß auf die Wiederbelebung der czechiſchen Literatur ausgeübt, ſo wäre eine Erfindung derſelben, ihre Unechtheit, eine Myſtifikation geweſen, die wohl Gnade gefun⸗ den hätte. Aber wer wäre alsdann der Dichter, der ſich herbeigelaſſen, altböhmiſche Lieder auf altes Pergament zu ſchreiben, um ſie dann— finden zu laſſen, und der, nachdem ſein Falſifikat ſo unendliches Glück gemacht, nicht ſchließlich hervorgetreten wäre, um den Ruhm für ſich in Anſpruch zu nehmen? Oder ſollte die Uneigennützigkeit eines Czechen, ſein Patriotismus, ſeine Berechnung ſo groß geweſen ſein, für alte ge⸗ fundene Dichtungen auszugeben, was ſein Werk war, nur um den Geiſt des Czechenthums durch dieſe Speculation wieder zu beleben?
ßade-Photographien,
III.
Es iſt nichts intereſſanter, als die homeriſchen Schilderungen, wie das Herzogthum Naſſau von der preußiſchen Landwehr er⸗
obert worden, und ſtundenlang höre ich oft zu, wenn die Ein⸗ geborenen mir dieſe Kriegsgeſchichten erzählen und ſie mit einem
Seufzer beſchließen.
Aber ich wünſche dennoch nicht, daß dieſe Schilderungen der
Geſchichte überliefert würden.
Was ſollten die Hiſtoriker der Zu⸗
kunft von uns denken, wenn ſie ſchreiben müßten:„Näher unn
näher rückte die Gefahr. in der Ferne. man habe am Horizont eine Pickelhaube geſehen.
„Auf dieſe Nachricht machte Alexander der Große die wich⸗ tigſten ſtrategiſchen Märſche, ein Theil ſeiner Truppen zog ſich auf die Feſtung Mainz zurück und ließ neue Schanzwerke arbeiten.
„Die Naſſauiſche
Armee ſtand marſchbereit. Väter und
Man hörte dumpfen Kanonendonner Flüchtige Landbewohner brachten die Nachricht,
reich, nicht beſiegt.
Mütter umarmten in Wiesbaden ihre Söhne zum letzten ſchweren Gange; dann zog man aus, um zu ſiegen oder zu ſterben, Weh⸗ klagen und Schluchzen hinter ſich zurücklaſſend.
„Am Mittage kehrte die Armee wieder zurück, nicht ſieg⸗ Man empfing ſie mit offenen Armen..
„Am andern Morgen zog die Armee wiederum aus mit klingendem Spiel, um zu ſiegen oder zu ſterben, und am Abend kehrte ſie abermals zurück.
„Am dritten Tage zog ſie wiederum aus, um— nicht wiederzukehren.
„Ein Theil der Truppen Alexander'ss des Großen hatte ſich inzwiſchen, wie geſagt, in Mainz concentrirt.
„Der Commandant empfing den Ordonnanz⸗Offizier, welcher ihm meldete, die Preußen ſeien in Wiesbaden eingerückt, mit der Antwort, das ſei unmöglich. Inzwiſchen war es trotzdem wahr,
daß die Spitze der preußiſchen Landwehr in Wiesbaden einmar⸗


