Jahrgang 
1868
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jährigen Krieges

Moskau auf dem Slavencongreß, und man wird nicht ver⸗ geſſen haben, wie nach ſeiner Rückkehr nach Prag die Parole ausgegeben wurde, ruſſiſch zu lernen nach importirten ruſſiſchen Grammatiken. Das Himmelreich iſt alſo wahrſcheinlich nahe.

Curios genug iſt dieſe ganze moderne Czechengeſchichte doch, und ſie hat in Bezug auf Effecte viel Aehnlichkeit mit der Entſtehung und dem Wachsthum des Mormonenthums. Man weiß nicht recht, ob dieſer ſlawiſche Volksſtamm ſich in ſchwärmeriſchen Einbildungen emporreckt und an Wunder glaubt, die mit ihm geſchehen, wie eine Sekte, oder ob er einen argen Humbug treibt, um ſeinem ſchemenhaften Daſein einen Inhalt anzuheucheln, den es nicht beſitzt und nach der Vernichtung durch öſterreichiſche Gewalt zur Zeit des Dreißig⸗ bis vor etlichen Jahrzehnten nicht mehr be⸗ Schreiber dieſes erinnert ſich z. B., daß es auf dem erſten Prager Landtage, den die 1860 erlaſſenen Statuten nach zwölf JahrenNacht wieder einführten, zu einem hef⸗ tigen Streit darüber kam, was eigentlich ein Czech und was ein Böhme ſei. Der jetzige Bürgermeiſter von Prag, Dr. Klaudi, auch ein Führer der Czechenpartei, erklärte ſogar den Namen Czeche für eine Beleidigung und daß er nur von den Deutſchen erſt in den vierziger Jahren aufgebracht worden. Da wurde nun in gelehrten Abhandlungen nachgewieſen, daß hier eine ſehr ſtarke Einbildung im Spiele ſei, inſofern als aus den Werken über Böhmen und von Böhmen hervorgehe, der Ausdruck Czeche und ezechiſch habe ſchon zu Anfang dieſes Jahrhunderts Geltung gehabt, wo man von einem Czechen⸗ thum im heutigen Sinne keine Ahnung hatte, ſondern ein ſolches in etlichen Dorfſchaften und Landſtrichen des ſüd⸗öſt⸗ lichen Böhmen nur noch in entarteter Sprache und unglaub⸗ licher ruſtikaler Verkommenheit exiſtirte. So ſchrieb denn auch der noch heute lebende und von den Czechen verehrte Hiſtoriker Palazky, der Schwiegervater Rieger's, in einem Aufſatze aus dem Jahre 1830:Selbſt unſere Czechen hießen bei ihnen (den Deutſchen) noch vor tauſend Jahren nur(Wenden», bis dieſen Namen der eben ſo unrichtige als gelehrte geogra⸗ phiſche derBöheimer, Böhmen? nach und nach verdrängte. Ein Geſchichtswerk von 1806 berichtet ebenfalls über die Be⸗ deutung des AusdrucksCzeche.Böhmen heißt es darin (Mehler, Geſchichte Böhmens) Bohemia, iſt alſo die erſte Benennung; Gzechia, das czechiſche Land, Czechenland, die zwote, welche auch in der ſlaviſchen und lateiniſchen Sprache noch immer beibehalten wird, obgleich die Deutſchen, germani, mit den ſlaviſchen Czechen dermal ein gemeinſchaftliches Vater⸗ land in Böhmen haben. Im Jahre 1861 wollten aber dieſe alten Czechen durchaus Böhmen heißen, um darzulegen, daß ihnen das ganze Land gehöre, welches man ſeit Alters her Böheim oder Böhmen nennt.

Die Czechen lernen nun heut wahrſcheinlich ſchon wacker Ruſſiſch in Hoffnung der allgemeinen Ruſſeneroberung, die uns Deutſchen bevorſteht. Seit zwanzig Jahren lernten ſie mit gleicher Leidenſchaft czechiſch, weil ſie von der Auferſtehung des alten Czechenreichs der Prmesliden träumten. Denn es hatte ſich anno 1848 auf dem großen Slavencongreß in Prag leider für die plötzlich gebildete Czechenpartei herausgeſtellt, daß ſich die hier verſammelten Slaven nur auf gut deutſch mit⸗ einander verſtändigen konnten, und dies lag daran, daß die Herren Czechen ihre Mutterſprache nicht mehr kannten. Seit dieſer ſchmerzlichen Erfahrung lernten die Alten czechiſch und die Jungen erſt recht. Im Jahre 1848 ſprach in Prag nur der und jener vom Lande einfahrende Bauer czechiſch; alle Welt in Handel und geſelligem Verkehr gebrauchte die deutſche Sprache. Aber heute iſt es anders. Da ſich die munter ge⸗ wordenen Czechen nicht für die Freiheit zu begeiſtern ver⸗ mochten und wie 1849, ſo auch ſpäter das brauchbarſte Material für die Reaction in Heſterreich und gegen die deutſche Bewegung lieferten, ſo enthuſiasmirten ſie ſich für ihr Czechen⸗ thum, für czechiſche Sprache und czechiſche Wiedergeburt. Mit einmal wurde czechiſch zu ſprechen für eine Nothwendigkeit erklärt, nachdem kurz zuvor noch die deutſche Sprache gang und gäbe geweſen; die Schulen ertheilten ſtark Unterricht darin und ſchließlich, unter dem Miniſterium Beleredi, wurde ſogar mit an⸗

ſeſſen hat.

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fänglichem Erfolg darauf hingearbeitet, den czechiſchen Unterricht und die czechiſche Sprache obligatoriſch zu machen, ſelbſt die ur⸗ alte deutſche Hochſchule in Prag dieſem Gebot zu unterwerfen.

Und doch iſt in Wahrheit dieſe ganze czechiſche Be⸗ wegung nur eine künſtliche und mit Mitteln hervorgerufen, die unter allen Umſtänden nicht ganz reinlich und zweifels⸗ ohne ſind. Es waren ein paar Hauptperſonen, die in dem Stück, welches ſich abſpielte, figurirten, und unter dieſen hatte Wenzel Hanka die glücklichſte, aber zweideutigſte Rolle über⸗ nommen. Er fand die ſogenannteKöniginhofer Handſchrift, und wie der gelehrte Slaviſt und Profeſſor in Prag, Schaffarik, boshaft bemerkte, er fand, was er ſuchte.

Im Januar 1861 ſtarb dieſer durch ſeinen Fund berühmt gewordene Wenzel Hanka, der Bibliothekar des böhmiſchen Muſeums geweſen war. Ein großartiger Leichenzug bewies, daß er als eine Koryphäe der Czechenpartei zu Grabe getragen wurde. In der herrlichen Hauptſtraße, auf dem Graben Golowratſtraße) drängten ſich Tauſende von Menſchen Kopf an Kopf; die Fenſter, Balkone und ſelbſt die Dächer waren mit Neugierigen beſetzt; ein reicher Damenflor bot ſich den Augen dar. Langſam nahte ſich ein quellender, geſchloſſener Menſchenſtrom, voraus ein Sängerchor, die Spitzen der Be⸗

hörden, die Vertreter der Wiſſenſchaft, die Geiſtlichkeit in ihrem

glänzenden Ornat der ganze impoſante Zug und der Leichen⸗ wagen umgeben von Hunderten von brennenden Fackeln, und dann ein rieſiger Schweif von Trauernden und Wagen. Still und feierlich ging der Zug vorüber; nur hin und wieder brauſte ein Männerchor wie eine laute Klage hervor. So be⸗ gruben ſie den alten Hanka, weil er die Königinhofer Hand⸗ ſchrift gefunden hatte, und dieſe Hondſchrift war und iſt für die Czechen, was die 1827 von Jve Smith gefundenen hei⸗ ligen Geſetztafeln für die Mormonen ſind.

Es war im September des Jahres 1817, als der da⸗ mals ſechsundzwanzigjährige Hanka dieſes czechiſche Evangelium auffand und damit ein berühmter Mann wurde. Hanka war ein wißbegieriger, das zähe, ſuchende, ſpürende Czechenthum repräſentirender Bauerſohn, der ſich in den alten Winkeln der Manuſcriptſäle in der Wiener und Prager Bibliothek umher⸗ getrieben, in allen Klöſtern, Kirchen und verſtaubten Archiven böhmiſcher Cavaliere nach Urczechenthum geforſcht und ge⸗ graben, und der ſchon manches altböhmiſche Denkmal, manchen verroſteten poetiſchen und ſprachlichen Schatz ans Licht gebracht hatte. Auf einer ſolchen Wanderung war er auch nach der alten Kirche des böhmiſchen Städtchens Königinhof gekommen. Wie erzkatholiſch auch der Böhme im Allgemeinen ſei, er ver⸗ ehrt im Geheimen doch das ketzeriſche Huſſitenthum, und wie ſeine Heiligen Nationalhelden ſind, wie Wenzel und Nepomuk, ſo leben die Erinnerungen an Ziska und andere Huſſitenhäupt⸗ linge friſch und hochgehalten von Geſchlecht zu Geſchlecht weiter. Die Königinhofer Kirche war ſolch ein Denkmal mit huſſitiſchen Erinnerungen, und es ſollte nun für die Czechen die Bedeutung erlangen, wie Mekka für jeden Muſelman. Denn dort fand Hanka, ſo behauptete er und ſo glaubte man auch die czechiſchen Mormonentafeln; dort, umherſtöbernd und umhertaſtend, befühlte er die Steine, und plötzlich huſchte ſeine Hand über naſſes, kaltes Pergament hervor und hatte, der Ueberglückliche, alte, verſchimmelte, aus Eſelshaut gegerbte Blätter in der Fauſt, beſchrieben mit alten böhmiſchen, glagolitiſchen Zeichen genug, die berühmte Königinhofer Handſchrift. Es waren ureinfache altböhmiſche Geſänge der ſlaviſchen Poeſie, vierzehn an der Zahl, darunter ſechs Epen: Oldrich und Jaromir oder von der Vertreibung der Polen aus Prag; Beneſch Hermanow oder von der Nieder⸗ lage der Sachſen; Javoslau oder vom Siege über die Tataren bei Ollmütz; Ceſtmir oder von einem feſtlichen Turnier; Zebog oder vom Siege über Ludink; Ludiſche oder vom Siege über den Fürſten Vlaslav. Die Pergamente ſollten einem abge⸗ ſchriebenen Coder angehörig ſein, der cn zweihundert Gedichte gehabt, und wahrſcheinlich von dem Vladiken und auch als Dichter gefeierten Zawis von Roſenberg, der 1290 hinge⸗ richtet wurde, zu Ehren der von ihm geliebten Witwe Otto⸗ kar's II. geſchrieben worden ſein.

er faßte es, zog es

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