Jahrgang 
1868
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ſchirt waren ohne Schuß und Schwertſtreich. Es waren, wenn ich nicht irre,«Kölniſche Jungen?, von denen der Erſte dem Andern zurief:(Du, dat geht gut!*

Als das preußiſche Landwehr-Bataillon den Marktplatz er⸗ reichte, war Angſt und Schrecken unter den Bewohnern Wies⸗ badens. Als ſie ſich aber die Eroberer näher angeſehen, riefen ſie: Herrgott, das iſt ja der Fritz oder der Heinrich oder der Ludwig! Sie umarmten ſich und drückten ſich die Hände, die Eroberer und die Eroberten, und eine Stunde darauf ſaßen die Landwehrleute bei ihren guten, alten, rheiniſchen Freunden und tranken. Der Oberſt aber hielt mit ſeinem Adjutanten allein auf dem Platz. Das Herzogthum Naſſau war erobert, und Alexander der Große, deſſen Truppen ſich in Mainz concentrirt hatten, machte ununterbrochen einige ſtrategiſche Hin- und Her⸗ züge.

Ich ſehe es kommen, daß die Geſchichtsſchreiber alſo die Eroberung ſchildern werden. Was aber ſoll die Nachwelt von Alexander dem Großen denken?

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Laſſen wir die Geſchichte und ſprechen wir von den Schlach⸗ ten, die während der letzten Tage an der Homburger Spielbank geſchlagen wurden.

Nichts erſcheint einfacher und bequemer, als in zwei Stun⸗ den von Wiesbaden nach Homburg zu fahren, und dennoch hat es ſeine Schwierigkeiten; denn die Eiſenbahn⸗Geſellſchaften ſcheinen in ſo glücklichem Einvernehmen zu ſtehen, daß der Zug nach Hom⸗ burg jedesmal in demſelben Augenblick abgegangen iſt, wo der Zug von Wiesbaden in Frankfurt eintrifft.

Wie ſich Alles in der Weltgeſchichte wiederholt, ſitzen ſie

auch in Frankfurt unter den Weiden Babylons und weinen. Rothſchild aber ſitzt im Herrenhauſe zu Berlin.

Es iſt mir nicht ganz erklärlich, warum, aber wenn ich nach Homburg komme, iſt mir Alles ronge et noir vor Augen. Ich will die Heilkraft der dortigen Quelle nicht in Zweifel ziehen, auch die Reinheit der Luft unterſchreiben, die Stadt aber kommt mir immer wie ein Raubneſt vor, in welchem ein großer Schnapp⸗ hahn wohnt, dem Niemand entgehen kann, ſofern er einen Zehn⸗ thalerſchein in der Taſche hat. Selbſt wenn ich den gallonirten Dienern in den Corridoren des Curhauſes und an den Eingängen der Spielhölle meinen Poletot anvertraue, iſt's mir, als flü⸗ ſterten ſie mir zu:La bourse ou la vie, monsieur!

Es iſt das eine jener vorgefaßten Meinungen, denen Jeder un⸗ terworfen, wenn er halb gerupft der Homburger Dohnenſteige entgangen iſt. Wer übrigens die Geſchichte des Entſtehens und Heranwachſens dieſer Stadt ſchriebe, dem würden viel intereſſante Carrièren zur Verfügung ſtehen. Viele fangen vom Hausknecht an und Alle ſind mehr oder minder mit den Chancen der Bank verwickelt. Die Erzählungen von den Antecedentien ſo mancher jetzt verinögender Leute haben mich dahin gebracht, ſie wie die Mannſchaft eines Seeräuberſchiffes zu betrachten.

Ich muß ſogleich hinzufügen, daß demungeachtet viel ehren⸗ werthe Männer unter ihnen ſein konnen; die meiſten aber fahren wol unter der Piratenflagge des Spielpächters Blanc, von dem jener Witzbold an die Wand eines ſtillen Ortes in Homburg ſchrieb:Ici ne gagne ni rouge ni noir, mais toujours Blanc.

Es iſt unleugbar, daß eine ganze Anzahl der Gäſte von Homburg aus Gründen der Geſundheit hierher gekommen, die Erème aber ſendet doch Paris und Alles, was tonangebend, iſt um des Spieles willen her. Wer auf dem Pariſer Macadam zu Hauſe iſt, begegnet auf der Terraſſe und in den Spielhöllen all den Geſichtern, die ihm auf dem Boulevard des Italiens geläufig geworden, und die zarten Hände, die im Bois de Bou⸗ logne ihren panier à salade kutſchiren, finden wir am trente et quarante beſchäftigt.

Wenn im Jahre 1872 das Geſetz des norddeutſchen Reichs⸗ tags die Spielbanken ſchließt, muß in Homburg Alles Hungers ſterben, wenn man ſich nicht bequemt, ein ehrliches Handwerk zu ergreifen. Die Stadt Homburg kann in dieſem Jahre getroſt verſinken, wie einſt Vineta in den Wellen der Oſtſee verſank. Und wie man am Oſtſeeſtrande aus der blauen Meeresflut noch

heute die Glocken Vineta's heraufdringen hört, ſo wird man noch in ſpäten Jahrhunderten an der Stelle, wo den Chroniken zu⸗ folge einſt das Raubneſt Homburg geſtanden, bei ſtillem Wetter die Klagetönefaites votre jeu, messieurs herauf ſteigen

hören.

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Während die Wiesbadener Bank mit den kleinen Schnapp⸗ hähnen ſich herumſchlagen muß, die ihr täglich einige Louisdore abnehmen und ihres Weges gehen, iſt Homburg der Schauplatz großer Convulſionen.

Eine dichte Mauer von Neugierigen umzingelt täglich einen der Spieltiſche. Man flüſtert ſich zu:Soeben hat er wieder ge⸗ wonnen!

Tiefe Sille. Man hört nur das Rauſchen der Tauſend⸗ Francs⸗Billets oder das leiſe Rollen der Gold⸗Rouleaux, welche über das grüne Tuch gleiten und vor einem der Spieler ſich zu einer ganzen Baſtion aufthürmen, hinter welcher er die Bank⸗ billets verſchanzt.

Das Monocle, denKlemmer im Auge, neben ſich den professeur de jeu, ſeinen Generalſtabs⸗Chef, der die Schlacht commandirt, ſitzt Herr v. K., ein früherer preußiſcher Aſſeſſor. Er iſt einer der ſeltenen Adler, die ſich auf das Wild herab⸗ gelaſſen, aber in den meiſten Fällen doch gerupft und flügellahm wieder davon gehen.

Seit Garcia's, des Spaniers, Verſchwinden ſind ſie rar Garcia war der Commis voyageur einer ſpaniſchen Korkfabrik. Er hatte in den Taunusbädern die Summen verſpielt, welche er für ſein Haus erhoben, und ſo blieb ihm nichts Anderes übrig, als ein Betrüger zu ſein oder einige Millionen zu gewinnen. Er wählte das Letztere. Garcia borgte ſich in Frankfurt einige Goldſtücke; und von da ab ward es ſeine Beſchäftigung, die Banken zu ſprengen. Das Ende war, daß man ihn und ſeine Complicen in Paris zum Bagno verurtheilte.

Von Herrn v. K. ſpricht alle Welt; man weiß genau, daß er vorgeſtern 250,000 Francs und geſtern 100,000 Francs ge⸗ wonnen. Sein Adjutant commandirt die Schachzüge gegen die Bank nach einem beſtimmten Feldzugsplan. Den Croupiers tritt oft der Schweiß auf die Stirn, wenn er ihnen das letzte Bank⸗ billet abgenommen und die Bank neue Summen aus der Kaſſe herab holen läßt, um den Kanpf fortzuſetzen. Herr von K. iſt heute der Held des Tages. Alles erzählt von ſeinen Chancen und von ſeinem Glück.

Morgen, wenn er ausgebeutelt iſt, ihn zucken.

Intereſſanter als er, Leblanc, eine der bekannteſten riſer Leichtſinns. Boulevard⸗Theater, Löwin des Turf, Schriftſtellerin und zugleich Fürſtin der Demi⸗Monde. Ihr Wappenſchild iſt eben ſo echt,

war einige Wochen hindurch Leonide Damen aus der Welt des Pa⸗

Champagner⸗Flaſchen zu ſehen gewohnt ſind. Leonide Leblanc iſt Alles, was ein ſchönes und übermüthiges Weib ſein kann, und gehört in Paris zu den Typen des Tages.

Leonide kam vor einigen Wochen auf den Gedanken, die Homburger Bank zu ſprengen, und erſchien an derſelben mit ich

weiß nicht wie viel Kaſſe. Sie ſpielte mit wechſelndem Glück, dann mit entſchiedenem Unglück. Endlich ging ſie hin und ver⸗ ſetzte ihren Schmuck für 50 oder 60,000 Francs. Als auch der verſpielt war, ſetzte ſie ſich mit Gemüthsruhe in den Garten und ſtickte ein paar Morgenſchuhe, ich weiß nicht, für wen. Aber ehe die Morgenſchuhe fertig wurden, ſtand Leonide wieder am Spieltiſch. Es war ihr gelungen, ſich von einem Menſchenfreund zehn Louis zu borgen. Mit dieſen gewann ſie wiederum. Sie löſte ihren Schmuck ein und verſetzte ihn aber⸗ mals. Die Pariſer Feuilletoniſten erfuhren zu jeder Stunde ge⸗ nau, wie viel Leonide gewornen und verloren hatte; man ſprach in Paris nicht mehr von der Reiſe des Prinzen Napoleon, ſon⸗ dern von den Chancen, mit welchen Lebnide in Homburg ſpielte. Es mußte ein eigener Telegraphendienſt zwiſchen dem Spieltiſch in Homburg und den Redactionsbureaur der Pariſer Journale hergeſtellt ſein. Paris war acht Tage hindurch in Aufregung.

werden ſie die Achſel über

Mademoiſelle Leblanc iſt Künſtlerin an einem

wie die Wappen der Herzöge, die wir heute nur noch auf den

An