Jahrgang 
1868
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Nun gut; dies iſt alſo unſer achtes Kind; nicht wahr, mein Herz? Wo Raum für ſieben iſt, kann wohl auch noch eins mehr unterkommen, denke ich.

Ich will dem Kleinen Mutter ſein!

O, Dank, Dank, Frau Guillemette; ich ſehe, das Dorf ſpricht von Euerm edlen Herzen nur die Wahrheit. Ich meinerſeits habe den kleinen Schelm bereits adoptirt; er wird meinen Namen tragen. Er ſteht in Achtung und Anſehen; will's Gott, ſoll er ihm einſt helfen, ſeinen Weg zu machen, ſo gut als ein anderer. Morgen bringen wir das Kind zu Sr. Hochwürden, Herr Euſtache Cocquerel, er wird es durch die heilige Taufe in die Gemeinſchaft der chriſtlichen Kirche aufnehmen, ſo haben wir zwei Feſttage ſtatt eines, zwei Tau⸗ fen ſtatt einer. Der Herr ſei geprieſen: auch im Unglück kann uns Gutes begegnen; dies arme Weſen war verlaſſen, verwaiſt, aber es hat ſeine ſchlechte Mutter nun mit einer guten, mit einer liebevollen vertauſcht; es hat ein Herz, eine Heimat.

Geben Sie es mir, Herr Hauptmann, ſagte die Wirthin, von edler Freude ſtrahlend und ganz verwirrt von den Lobes⸗ erhebungen des Greiſes.

Sie empfing das Kind. rief ſie entzückt,gewiß iſt nur reiche Leute haben ſo feines Leinenzeug!

Für uns iſt es ein Kind, vom lieben Gott geſandt; das genügt uns, verſetzte der Kronenwirth.

Schon recht, antwortete Guillemette,allein wer hat es nach Vivonne gebracht? Doch ganz gewiß kein Engel, kein Bote des himmliſchen Vaters!

Wer weiß? ſchaltete La Ramee lächelnd ein.

Ich weiß es, Herr Hauptmann, erwiderte ſie be⸗ ſtimmt.

Ihr? fragte der Greis erſchrocken.

Du, Herzchen? rief auch Meiſter Denis aus, indem er leicht ſpottend die Achſeln zuckte.Du biſt alſo in die Ge⸗

O, die ſchönen Windeln! dies der Sohn hoher Aeltern,

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heimniſſe unſeres lieben Herrgotts eingeweiht?

Dies Kind hat kein Anderer nach Vivonne gebracht, als ein Reiter.

La Ramee heftete einen angſtvollen Blick auf die ſchöne Sprecherin.

Und zwar jener nächtliche Reiter, der ſchneller von dannen eilte, als der Wind. Aber Sie haben ihn hören müſſen, Herr Hauptmann; denn es führt nur Ein Weg aus unſerem Orte hinaus, und auf dieſem muß er an dem ſchwarzen Hauſe vorüber gekommen ſein!

Du haſt immer Recht, murmelte Meiſter Denis nach⸗ denklich und leiſe,es iſt ganz klar, es kann Niemand anderes geweſen ſein, als jener Reiter.

Von welchem Reiter ſprecht ihr? fragte der Greis.

Sie haben den Hufſchlag ſeines Pferdes nicht ver⸗ nommen?

Ich hörte nichts, als das Krachen des Donners.

Ich habe dir gleich geſagt, es müſſe der Teufel ſein!

ſagte Denis ſich bekreuzend. Schweig, o ſchweig! rief Guillemette erzürnt,ein Kind des Teufels unter unſerem Dache? Es iſt ja viel

zu hübſch dazu! Sieh nur, wie allerliebſt es ſich in der Wiege neben unſerem kleinen Cöleſtin ausnimmt! Sie gleichen zwei Brüdern, zwei Engeln, ſo ſchön ſind ſie!

Herr im Himmel verzeihe mir meine Lügen! ſagte der greiſe Hauptmann zu ſich. Dann erhob er ſich, drückte einen zweiten Kuß auf die Stirne des ſchlafenden Kindes, ſchüttelte den ob ſo vieler Ehre ganz ſtolzen Meiſter Denis träftig die Hand und entfernte ſich mit den Worten:Lebt wohl, Frau Guillemette; habt meinen Dank für die Aufnahme des kleinen La Ramce, meines Adoptivſohnes. Morgen ſei ſeine Taufe, und Gott vergelte Euch in reichſtem Maße, was Ihr für das Kind thut!

Am nächſten Morgen läuteten die Kirchenglocken von Vivonne eben ſo hell und fröhlich als am Tage vorher. Das ganze Dorf war in oder vor der Kirche verſammelt; denn Jedermann wollte den Säugling ſehen, deſſen wunderſame

Geſchichte ſich mit der Schnelligkeit eines Lauffeuers ver⸗ breitet hatte.

Vielleicht iſt es der Sohn eines Prinzen! ſagte man.

Oder gar des Königs!

Soviel ſteht feſt, Hexerei iſt hier im Spiel!

Sie wird kraftlos durch die Weihe der Kirche!

Das wird den Le Roy ſicher Segen bringen!

Vielleicht auch Fluch!

Eine edle Handlung bringt niemals Unheil!

Man wird es erleben!

Es war der 4. October 1571, der Tag des heiligen Franz von Aſſiſi. Frau Guillemette und der Hauptmann La Ramée hielten das Kind über die Taufe, und der Pfarrer verzeichnete es im Kirchenbuche unter dem NamenFranz von La Ramte.

Das iſt Nummer Acht! ſagte Meiſter Denis le Roy ſtolz beim Ausgange aus der Kirche,aber das Gaſthaus (Zu den drei Kronen» iſt groß, und Ihr ſollt ſehen, Nachbarn, es iſt Platz darin für ein Dutzend ſolcher kleiner Schelme wenn Gott Gedeihen gibt! ſetzte er fromm hinzu.

5. Der Sohn des Zürſten.

Achtzehn Jahre ſind verfloſſen. Vivonne hatte von ſeiner hundertjährigen Ruhe, von ſeinem lachenden, friedlichen Aus⸗ ſehen nichts eingebüßt; es war immer noch das hübſche, ſaubere Dörfchen von ehedem. Klar und heiter floß der Clain dahin; in ſeinen hellen Wogen ſpiegelte ſich die rings umher grünende üppige Vegetation. Während des langen Zeitraums, in wel⸗ chem der Bruderkrieg wüthete, waren in Vivonne keine Thrä⸗ nen gefloſſen, als über den Tod einiger altersſchwacher Greiſe, welche der Natur ihren Zoll gezahlt hatten. An dem ſtillen Orte waren die politiſchen Stürme und die religiöſen Wirren ſpurlos vorüber gegangen. Seine Ehrwürden Herr Euſtache Cocquerel war noch immer im Amte, wie ehemals geehrt und geliebt von Jedermann; Meiſter Denis le Roy und Guille⸗ mette waren wie in früheren Tagen die Wirthe des Gaſt⸗ hauſeszu den drei Kronen, nur um achtzehn Jahre älter und um vier Engelchen reicher; es waren jetzt in der That ein Dutzend. Jakob von Campdaraine war alt gewor⸗ den, aber das focht ihn nicht an; er war immer noch ein träftiger und luſtiger Kumpan; Simon Garlande ſorgte ſo eifrig als ehedem für den kleinen Garten neben dem ſchwarzen Hauſe, und der Hauptmann La Ramce war trotz ſeiner acht⸗ undſiebzig noch ganz der nämliche rüſtige und ſtattliche Mann, als welchen wir ihn kennen.

Was für Verbrechen, was für Greuel und Mordthaten waren indeß in dem übrigen Frankreich geſchehen! Vivonne war eine Haſe geblieben in einer Wüſte von Blut. Die Hugenottenkriege hatten gewüthet; die Bartholomäusnacht (24. Auguſt 1572) und die folgenden Tage hatten das ganze Königreich in ein Leichenfeld verwandelt; Coligny war er⸗ mordet La Mole und Coconnas hatten das Schaffot beſtiegen. Heinrich III., König von Polen, war 1574 ſeinem Bruder

ſeinem Bruder Franz II.; die Regentſchaft aber hatte Katharina von Medicis in Händen. Duguaſt, der Günſtling des Königs, war umgebracht; die heilige Ligue hatte ſich gebildet und hielt das Banner der Guiſen hoch gegen das der Valvis; dann war der Krieg der drei Heinriche ausgebrochen, der König von Navarra(nachmals Heinrich IV.) blieb 1587 Sieger bei Coutras. Maria Stuart, Königin von Frankreich und Schottland, war von Eliſabeth von England auf das Blut⸗ gerüſt geſendet; der Bund der Sechzehner baute in Paris Barrikaden(12. Mai 1588); die beiden Guiſe waren von der Verſammlung der Reichsſtände in Blois nicht zurückge⸗ kehrt, Heinrich III. hatte ſie am 23. December 1588 er⸗ morden laſſen. Das ganze Königreich war im furchtbarſten Aufruhr; denn erſt vor zwei Monaten, am 1. Auguſt 1589, hatte der Dominikaner Jakob Clement die grauſe That des Königsmordes vollführt.

Karl M. auf dem franzöſiſchen Throne gefolgt, wie dieſer

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