Vor Beginn
dann den blauen Fluß bis zum Meer hinabzugehen. Nur
dieſes leichten und gefahrloſen Unternehmens ſtarb Lagrée. wenige Wochen noch, und er hätte Shangai erreicht.
Sein Schiffs⸗Lieutenant Franzis Garnier übernahm nach ihm das Commando der kleinen Expedition.
Das zweite Opfer iſt der junge franzöſiſche Reiſende Dufton, dem die Literatur ſchon mehrere ſehr intereſſante Werke über Abyſſinien verdankt. Er wurde am 28. Mai, alſo während des Krieges in dieſem Lande, von Banditen der Shoho, zwiſchen Undul Wells und Sooroo, ermordet. Nähere Nachrichten fehlen noch. Dufton hatte noch nicht ſein dreißigſtes Jahr erreicht.
Die Weltausſtellungen wollen kein Ende nehmen, obgleich Jeder⸗ mann ſchon im vorigen Jahre überzeugt war, daß man die letzte vorläufig hinter ſich habe. In Havre iſt bekanntlich die Welt⸗ Marine⸗Ausſtellung eröffnet worden, deren größter Glanzpunkt ein ungeheueres Aquarium ſein ſoll, von dem man aber bis jetzt ſpott⸗ wenig erfährt.
Es ſteht feſt, daß dieſe Marine⸗Ausſtellung, obgleich ſie von Amerika und England namentlich beſchickt worden, buchſtäblich ins Waſſer gefallen iſt; denn trotz des großartigen Programms, das man in die Welt ſandte, hat das Unternehmen noch nicht den erwarteten Anklang gefunden. 3
Jetzt kommt die Stadt Lhon auf die Idee, am 1. Juni 1869 eine europäiſche Ausſtellung zu eröffnen, um in derſelben alle die Wunder der Seiden-Induſtrie zu exponiren. Ich bin nun beim beſten Willen nicht im Stande, zu begreifen, welchen culturhiſtoriſchen Zweck dieſe Lyoner Ausſtellung im Auge haben kann. Auf der großen Weltausſtellung war die Seiden⸗Induſtrie in allen ihren Verzweigungen aufs glänzendſte vertreten, und ich bezweifle, daß ſie uns irgend eine einzige ihrer Leiſtungen vorenthalten hat; denn vom Maulbeerblatt bis zur Atlasrobe war Alles, Alles da. Zu was jetzt und ſo kurz nach dieſer großen Expoſition noch eine Special⸗Ausſtellung?
Die Sache iſt vorläufig nur eine Idee und wird ſie hoffentlich auch bleiben.
Zum Schluß noch ein kleiner Beitrag zur Frauen⸗Emancipation, die uns jetzt ſo häufigen Stoff gewährt. Eine engliſche Abenteurerin, Miß Roſa Glarkens, die ſchon die höchſten Berggipfel mit großer Bravour erſtiegen und ſich rühmt, im Walde von Burchaſe in Eng⸗ land einen Wolf mit ihrer eigenen Hand erwürgt zu haben— dieſe Miß Roſa hat den Entſchluß gefaßt, demnächſt ſich nach Afrika ein⸗ zuſchiffen, um dort auf die Pantherjagd zu gehen. Miß Roſa ſoll eine unverſöhnliche Männerfeindin ſein, und wie ſchon der Dichter ſagt, iſt eine reine Jungfrau jedes Herrlichen fähig, ſelbſt der Panther⸗ jagd, von der wir hoffentlich Weiteres erfahren werden.
Der geniale Reformator der deutſchen Bühne, der Erſte, welcher mit prophetiſchem Blick den Rieſengeiſt des großen Britten Shakeſpeare erkannte und ihn auf dem deutſchen Theater heimiſch zu machen ſuchte: Schröder, war ein excentriſcher Kopf. Vom Pantomimen und Grotesktänzer arbeitete er ſich zum erſten Tragöden Deutſchlands empor, deſſen Gebilde denen eines Eckhoff und Ludwig Devrient dreiſt an die Seite geſetzt werden können.
In ſeiner Jugend, als er noch bei ſeinem Stiefvater Ackermann engagirt war, der oft auch in Braunſchweig Vorſtellungen gab, war er ein leidenſchaftlicher Spieler und manches Mal in pecuniären Verlegenheiten.— Als einſt ſein Stiefvater ſich weigerte, ihm aber⸗ mals Vorſchüſſe zu leiſten, weil er ſchon einen beträchtlichen Theil ſeiner Gage im Voraus bezogen hatte, ſo gerieth er mit dem alten Manne auf der Theaterprobe in Streit, und weil gerade ein Gefecht in Scene geſetzt wurde, weshalb Schröder einen Degen in der Fauſt hatte, jagte er Ackermann immer im Kreiſe um die Bühne, endlich aus dem Theater und durch die halbe Stadt, bis die Wache einſchritt und Schröder in das Gefängniß wandern mußte.— Nach drei Tagen auf Wunſch des Kronprinzen von Braunſchweig, Karl Wilhelm Ferdinand, wieder befreit, ſollte er in einem gewiſſen Ballet wieder auſtreten, welches dieſer expreß zu ſehen gewünſcht hatte. Es war nämlich bei der herzoglichen Tafel erzählt worden, Schröder ſpiele in dieſem Ballet einen täppiſchen Bauerjungen und im Begriff, ein Bauermädchen, welches auf dem Theater auf einer Leiter ſtehend, Aepfel in einen Korb pflückt, zu umarmen, habe er mit der Fußſpitze einen Apfel vom Baum und ſich gerade in den Mund geſchleudert. Der Kronprinz war nun außerordentlich begierig, dieſes famoſe Kunſt⸗
— 640„—
ſtück zu ſehen.— Nachdem ſich Schröder erſt geweigert, endlich aber unter Androhung von Strafe, oder, was beſſer wirkte, unter Gelobung einer Geldſumme bereit erklärt hatte, noch denſelben Abend in dem be⸗ wußten Ballet zu tanzen, ging daſſelbein Scene. Der betreffende Auftritt kommt— ſchon ſteht das Bauermädchen auf ſeiner Leiter— der Kronprinz legt ſe aus der Hofloge heraus, ſoweit er kann, um Schröder's Kunſtſtück genau in Augenſchein zu nehmen.— Dieſer fliegt mit einem rieſigen Satze auf die Bühne vor den Apfelbaum, erhebt auch den Fuß, läßt ihn aber plötzlich wieder ſinken, nimmt eine Miene an und— pflückt den Apfel nachläſſig mit der Hand. Der Kronprinz iſt wüthend.„Das kann ich auch!“ ſchreit er laut aus der Loge herab.
Ruhig antwortet Schröder„Dann kommen Sie herunter auf die Bühne, und machen es mir nach!“
Zwei Tage darauf verließ die Ackermann'ſche Geſellſchaft Braun⸗ ſchweig mit Sack und Pack. H. U.
Zwei Liebesleute.
Im Arrondiſſement von Saint⸗Calais ſind zwei junge Leutchen, die trotz ihres ſehnlichſten Wunſches nicht dazu kommen können, Mann und Frau zu werden. Beide ſind ſie in verſchiedenen Gemeinden geboren. Als nun der junge Mann nach der Mairie ſeiner Gemeinde kommt, um ſeine Papiere in Ordnung zu bringen, erfährt er zu ſeinem nicht geringen Erſtaunen, daß er auf den Namen eines Mädchens eingetragen ſei. Es mußte nun erſt beim Civilgericht wegen Be⸗ richtigung dieſes Irrthums angefragt werden, und man weiß, wie lange dergleichen Reſolutionen auf ſich warten laſſen, was half's alſo, die Heirath mußte aufgeſchoben werden. Endlich ſind alle Schwierigkeiten gehoben, Alles iſt bereit, der Tag der Hochzeit feſt⸗ geſetzt, und bei der Braut iſt Alles vollauf beſchäftigt mit den Vor⸗ bereitungen zu der civilen und religiöſen Feierlichkeit des Actes, der den andern Tag ſtattfinden ſoll. Das junge Paar ſtellt ſich beim Maire ein, damit er den Bund ſegne. Das feierliche Ja ſoll eben ausge⸗ ſprochen werden, da auf einmal findet der Schreiber des Maire bei der Durchſicht der Papiere der Braut zum Schrecken Aller, daß ſie zwei männliche Namen trägt und in der Rubrik über Geburt aus⸗ drücklich die Bemerkung ſteht:„männlichen Geſchlechts.“ Schreckliche Entdeckung! Die Hochzeitgäſte gehen nach Hauſe, wie ſie gekommen ſind, und unſer junges Pärchen muß wieder höchſt misvergnügt warten, bis es dem Gerichte gefallen wird, dem armen Kinde ſeinen wahren Namen und Geſchlecht zurück zu geben.
Was aber das Seltſamſte bei dem ganzen Vorfall, iſt der Um⸗ ſtand, daß man bisjetzt noch nicht im Reinen iſt, wie es ſich mit der Rilitärpflichtigkeit der beiden zukünftigen Eheleute verhält. Sehr begreiflicherweiſe iſt der junge Mann durch dieſes Verſehen in ſeinen Civilacten bisjetzt der Aushebung entgangen, weniger begreiflich aber iſt es, wie das junge Mädchen„männlichen Geſchlechts“ dem Rufe zu den Fahnen entgehen konnte.
Kleine Poſt der Bedaction.
— — 8—
L. K. in R. Wozu erſt anfragen! Senden Sie ein und wir werden Ihnen die Antwort nicht ſchuldig bleiben. Wüßten Sie nur, wie läſtig es iſt, auf alle die an uns gerichteten Fragen ſtets Beſcheid ſchreiben zu müſſen.
An die Langjährige. Es iſt ja nichts leichter, als zu thun und zu laſſen was man für gut hält.
M.** Iſt das Verbrechen, das Sie ſchildern, wirklich begangen, wie Sie ſchrei⸗ ben? Wir nehmen doch Anſtänd, uns zu Mitwiſſern zu machen, und Sie riskiren,
als Zeuge auftreten zu müſſen, wenn der Staatsanwalt Ihren Bericht lieſt.
Der Hausfreund erſcheint in Bänden von je 16 Heften à 6 großen Bogen mit ſchönen Original Illuſtrationen, mit einem mit humoriſtiſchen Bildern illuſtrirten Umſchlag elegant geheftet.
Preis pro Heft 5 Sgr.
Verlag der Hausfreund-Expedition(E. Graetz) in Berlin, Kronenſtraße Nr. 21.
Verantwortlicher Herausgeber: Hans Wachenhuſen.
Haupt⸗Expedition und Druck bei F. A. Brockhhaus in Leipzig.
———————


