„Nun, nun, zwei Stunden vergehen, denn fragen und
ſprechen und nach den Enkeln dich erkundigen mußt du doch auch.
Aber thu's, Martin, ich bitte dich,— hab' die Nacht unruhige Träume gehabt, ich ſah den jüngſten Enkel im heftigen Fieber liegen und meine Tochter daneben ſtehen und weinen—“
„Das wird ein Vorzeichen ſein, daß die ganze Familie ſich in der beſten Geſundheit befindet“, entgegnete Martin, der immer geneigt war, die böſen Ahnungen des Traums fürs Gegentheil zu nehmen.
„Möglich“, entgegnete Margarecthe,„aber fahre hin, ich bitte dich, damit ich genau weiß, wie es ihnen geht. Der Win⸗ ter iſt bös und ein harter Mann für die Armen. Du weißt, Sonn⸗ tag iſt mein Geburtstag; kauf' mir nichts zum Geſchenk, mach' lieber den kleinen Enkeln eine Freude. Mir aber bring zum Angebinde gute Rachrichten mit, das wird meine beſte Feſttags⸗ freude ſein.“
Martin Steinhauer blinzelte mit den Augen und murmelte: „Schon gut, Frau; wollen ſehen, was ſich thun läßt.“ Das war ſo ſeine Art, etwas zu verſprechen, und wenn er in dieſer Form etwas zugeſagt hatte, ſo hätte der wackere Mann allen Elementen getrotzt, ohne von ſeinem Vorſatze ſich abbringen zu laſſen.
So ſtieg er auf ſeinen Wagen, ſchwang die Peitſche und fuhr dahin.
Martin und ſein Gaul lebten und webten in einander: „Zwei Seelen und Ein Gedanke“ hätte man ſie nennen können. Das Thier kannte jede abſchüſſige und gefährliche Stelle des Weges; es ging langſam und bremſte mit den Steuerketten von ſelbſt, ehe Martin, wenn er eingenickt war, den Hemmſchuh drehte; es trottete aus freiem Willen ſeinen leichten Trab dahin, wo die Straße eben war und Martin es für gut hielt, daß es die Füße ans dem gemächlichen Schritt erhob. Es bog von ſelbſt zur Thür des Wirthshauſes ab, oder ſtand ſtill, wo es an einem Ort Be⸗ ſtellungen vermuthete. Martin konnte ſeinen gemüthlichen Strich ſchlafen. Dabei beſorgte er unterwegs ſeine Aufträge und langte mit dem Abend in der Stadt an.
Am andern Morgen begab er ſich zeitig an ſeine Geſchäfte, kaufte und verkaufte auf dem Markt, plauderte wenig hinter dem Schenktiſch und brachte es doch zu Wege, daß er faſt eine Stunde früher aus der Stadt fuhr, als ſonſt. Als er mit dem leichten Ruck an der Leine draußen am Wegweiſer rechts abbog, wieherte das Pferd und fing an zu traben. Es verſtand, daß heute die Kinder beſucht werden ſollten, und erinnerte ſich der Brotſtücke, die ihm die Enkel liebkoſend in den Mund ſteckten, wenn es vor der Thür ein Stündchen verziehen mußte.
Während der Fahrt durch das Thal dachte der im Karren lang ausgeſtreckte Martin Steinhauer über einen Plan nach, der ihn lebhaft beſchäftigte.
„Es wäre doch ein ander Ding“, ſagte er zu ſich ſelbſt, „wenn ich meiner Alten etwas Beſſeres mitbrächte von unſern Kindern, als kahle Nachrichten. Wenn ich ſie nun alle ſammt und ſonders ſelbſt auflüde? Der Braune iſt jetzt kräftig, er zieht uns Alle das Gebirg hinauf, und wo die Steigung zu jäh wird, ſteig' ich aus mit dem Johann. Wir Männer gehen nebenher, und die Martine mit den Enkeln bleiben im Wagen ſitzen.“ Nun aber brauchte Martin, wenn er einen guten Gedanken gefaßt hatte, nur die gehörige Zeit dazu, ihn von allen Seiten zu beſehen, und die Sache war abgemacht.
Er fand ſeine Tochter ſowie ſeinen Schwiegerſohn, wie er erwartete, wohl und munter, die Enkel umſprangen ihn jubelnd und den Traum ſeiner Frau ſah er in der richtigen Erfüllung, wie er ihn ausgelegt. Aber ſein Vorſchlag, daß die ganze Familie heute ſeinen Karren beſteigen möchte, ſtieß auf Wider⸗ ſtand. Johann, ſein Schwiegerſohn, war Weber; er hatte eine dringende Arbeit abzuliefern, zu deren Beendigung ſelbſt ſeine Frau helfen mußte. Sie wollten die ganze Nacht hindurch arbei⸗ ten, denn der Händler war ein ſtrenger Mann und verlangte morgen Ablieferung. Die beiden Enkel aber, die von der Fahrt gehört hatten, jubelten zu ſehr bei der Ausſicht, zur Großmutter mitzukommen, daß Martin ſie ſehr bald in das Stroh des Wagens ſteckte, um alle Bedenken der Aeltern zu überwinden.
Die Mutter half ſie ſorgſam mit einwickeln; denn es war
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ſtrenger Froſt und der Weg war weit. Martin nahm Abſchied, rief„Vorwärts, Hans!“ und das Pferd trat rüſtig ſeinen Heim⸗ weg an.
Kaum nach einer halben Stunde zurückgelegten Weges fing der graue Himmel an zu ſickern, und als das Gefährt ins Ge⸗ birge einbog, befand ſich Martin bereits im dichteſten Schnee⸗ treiben; maſſenhaft wallte der Schnee von den Bergen nieder, und wälzte ſich knietief in die Schluchten und füllte den Weg, den das Pferd mühſam emporkeuchte. Die Luſt war dick und geſtat⸗ tete nicht mehr in die nächſte Nähe zu ſehen; der Nachmittag des Wintertags begann ſich ohnehin zu neigen. Martin hob um⸗ ſonſt die Peitſche und feuerte den Hans mit lautem„Hü!“ und „Hoi!“ an, allein dieſer konnte nicht traben, er hatte Noth ge⸗ nug, die ſchweren Räder durch den Schnee zu wälzen und die eigenen Füße daraus hervor zu ziehen.
Die Kinder froren ſchon und duckten ſich tiefer in den Wa⸗ gen, indeſſen lachten ſie noch und plauderten vom Schneemann und vom heiligen Chriſt. Dem Großvater aber ward bang. Er hatte noch zwei gute Stunden Weges vor ſich, wenn das Wetter ſo anhielt, war es ſeinem guten Thier unmöglich, vor vier Stunden den heimiſchen Stall zu erreichen. Die Nacht drohte herab zu ſinken; ohne den Schnee wäre Martin vor Einbruch der⸗ ſelben aus den Hohlwegen heraus gekommen, ſo hatte er ge⸗ rechnet und ſich den ganzen Tag deshalb beeilt. Sollte er eine Stelle ſuchen, wo er Schutz fand, um das Wetter vorübergehen zu laſſen? Wenn es aber nicht vorüberging?——„Wer unter⸗ wegs iſt, muß fort!“ rief er laut gegen ſeine eigenen Gedanken, und dabei ſchlug er den Kragen ſeines ſſchlichten Mantels zurück, den vor ungefähr zwei Minuten der Wind über ſein Geſicht ge⸗ weht hatte.
Er blickte um ſich—— Was war das? Alles ſtarrte ihm fremd entgegen, er kannte den Weg nicht mehr. Da waren Felſen und Bäume zur Seite und vor ihm, die er noch niemals geſehen zu haben meinte.„Hat ſich der Hans gar verurt und einen Nebenweg eingeſchlagen? Das kann dem armen Thier paſſiren, paſſirt es doch dem Menſchen auch!“ murmelte er.„Es muß aber eben erſt geſchehen ſein.“
Flugs faßte er in die Zügel und lenkte. Das Pferd gab einen knurrenden Gaumenton von ſich und widerſtand. Er zog ſtärker— das Pferd mußte ſolgen und wendete ſich zögernd und widerſtrebend. Da ruckte Martin mit aller Gewalt in die Zü⸗ gel, denn er ward zornig über das ſtörrige Thier. Jetzt trat es mit einem Fuß tief, der ganze Vorderkörper ſenkte ſich;— aber in demſelben Moment ſprang es auch mit einem gewaltigen Ruck ſeitwärts. Laut knackte die Gabelſtange und brach, während der Wagen ſelbſt, mit zweien ſeiner Räder tief bis an die Naben in Schnee verſunken, ſeitwärts hing und umzuſtürzen drohte. Die Kinder ſchrien laut auf und klammerten ſich an die Wände des Karrens.
Martin ſprang herab und hob die Kinder heraus; jetzt ſah er erſt, daß der Wagen am jähen Hange ſchwebte. Da ſtand er nun mitten im Schnee, ohne Obdach auf unſicherem Boden, der Wagen zerbrochen, vom Wege verirrt.—— In ſeiner Bedrängniß fiel er auf die Knie und flehte ſeinen Gott um Hülfe an.
Indeſſen ſtand das Pferd wieder in derſelben Richtung, von der es Martin ſo gewaltſam abgelenkt, es ſchnoberte, den Kopf erhoben, in die Luft, und dann fing es laut an zu wiehren.——
Wenn der alte gute Martin in dieſer Geſchichte, die er oft und gern erzählte, bis hierher gekommen war, beendete er ſie gemeiniglich wie folgt:
„Nachdem ich gebetet hatte, ſah ich mein getreues Vieh, meinen Hans, alſo daſtehen und es war, als ob mir unſer Herrgott jetzt die Augen öffnete. Ich weiß nicht mehr, wie ich dazu kam, ich achtete nicht mehr auf den eingeſunkenen Wagen mit all ſeinem Gepäck, ich weiß nicht mehr, wie ich das Pferd von der Gabel befreite, wie ich die Kinder auf den Rücken deſſelben brachte, das jüngſte vorn, ſich an die Mähne klammernd, die Schweſter es feſthaltend, dahinter. Wie es ihnen gelang, ſich trotz der Kälte, die ihnen Hände und Füße erſtarren machte, auf dem Rücken des Pferdes zu erhalten, das war und blieb mir ein Wunder. Ich für mein Theil klammerte mich an den Schwanz⸗ riemen des Geſchirrs, ſagte nur einmal„Hoi, Hans!“ und ließ
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