Jahrgang 
1868
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mit ihren invaliden Paſſagieren. Einige Pariſer halten ihre Abſynth⸗ Stunde ſchon um 12 Uhr, weil um 1 Uhr geſpeiſt wird. Die Kellner ſitzen haufenweiſe um die Bäume und erzählen ſich, wie die Zei⸗ ten immer ſchlechter und die Trinkgelder immer kleiner werden.

Drüben unter den Hrangen ſitzt Louiſe, das gute fromme Kind, das die zwei Goldſtücke gewonnen. Sie lieſt einen Roman und iſt eben an die Stelle gekommen, wo ſich drei Nebenbuhler um ſie duelliren(denn zwei iſt ſchon zu gewöhnlich) und der eine ſterbend vom FPlatze getragen wird. Sein letzter Seufzer iſtAmalie.

Auch Louiſe iſt hierher gekommen, um einen Roman zu erleben. Alle Herzen fliegen ihr entgegen. Da iſt der junge

Engländer mit dem großen blonden Backenbart, der junge Mericaner mit den feurigen Augen, der liebenswürdige Spanier mit dem ſchwarzen Schnurrbärtchen. Aber die Mutter hat in Erfahrung gebracht, ſie ſeien alle Drei profeſſionirte Spieler, und der junge preußiſche Offizier, der ihr den Hof macht, leidet an einem erſchrecklichen Rheumatismus. Es iſt ein Unglück mit den jungen Männern unſerer Zeit, und man hat viel Noth, ſein Herz rechtſchaffen zu placiren.

Um die Mittagszeit iſt Alles ſtill im Curgarten, und die Sonne brennt mit bleiernem Gewicht auf den Karpfenteich herab. Sie ſitzen Alle an der Table⸗d'höte. Freund Schlichter, der Adler⸗ Wirth, der liebenswürdigſte aller Herbergsväter, verſammelt die Elite an ſeinen vier großen Tafeln. Er hatte bisher nur eine Schwäche: er ließ Mittwochs und Sonntags auf der Galerie ſeines großen Speiſeſaals eine ſchauderhafte Tafelmuſik veranſtalten, in deren Clarinettiſten ich namentlich meinen Todfeind erblicke.

Von 3 Uhr ab ſammelt es ſich wieder im Curgarten; denn um 4 Uhr beginnt das Nachmittagsconcert. Sprechen wir nicht davon.

Wer acht Tage in Wiesbaden iſt, kennt die ganze Geſellſchaft mit Ausnahme höchſtens Derjenigen, welche erſt am Vormittage an⸗ gekommen, und ſelbſt dieſe ſehen ſich von dunklen Gerüchten um⸗ geben. Indeß iſt immer Einer, der ſchon ihren Namen im Fremdenbuch geleſen und ſo glücklich iſt, alle Uebrigen aufklären

zu können. Vor einer Stunde war es eine reiche Witwe aus Braſilien oder eine Millionärin aus Harlem, oder eine Bojarin aus Moskau plötzlich kommt Herr K., der Alles weiß und

berichtigt, ſie ſei eine Putzmacherin aus Prag, die zu Hauſe ein florirendes Geſchäft beſitze. Hier iſt Alles Gold, was glänzt; für die heirathsluſtigen

jungen Leute, die hier niemals fehlen, wird es aber immer gut ſein, wenn ſie den Heirathsthaler mit acht Groſchen berechnen. ESs iſt im Grunde nicht gut, ſich in einem Badeort zu verloben; denn hier erſcheint Alles ſo ſauber gefaßt, und zu Hauſe ſehen ſie ſich nachher Beide ganz anders aus Ich will aber durchaus. nntchts geſagt haben.

Sonderbare Geſellſchaft, die da unter den Platanen zu⸗ ſammenſitzt! Sie trinkt einen ſcheußlichen Kaffee, aber das iſt nur Nebenſache. Sie ſitzen gruppenweiſe und erzählen ſich viel ſchöne Sachen. Drüben ſitzt auch meine dicke Tiſchnachbarin aus

Rotterdam, die ich ſtets denfliegenden Holländer nenne. Sie iſt wohl funfzig Jahre alt, mag ihre zweihundertfunfzig Pfund

Zollgewicht haben und iſt ſtets à l'enfant gekleidet. So ſchöne

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Locken wie ſie hat keine, auch ſollen Wenige ſo viel ſchöne Tha⸗ ler haben wie ſie. Ich glaube, ſie iſt im Stande, ſich zu ver⸗ heirathen, wenn ſie einem unerſchrockenen Mann begegnet.

Die Toiletten ſind großentheils mittelmäßig; die Wäſcherinnen müſſen hier viel Arbeit haben. Die kurzen Roben ſind natür⸗ lich vorherrſchend, auch tragen die Damen große Indianer⸗Ringe in den Ohren, bald vielleicht auch durch die Naſe. Eine geht ſogar mit einer großen goldenen Spange am Oberarm nach Art der Sudan⸗Neger. Dichte Locken als Decoration ſind überall, aber ſie gehen Alle nicht damit zu Bett. Die große Schleife iſt das hauptſächlichſte Kleidungsſtück.

So ſitzen ſie da bis 6 Uhr, und ſo promeniren ſie am Ufer

des Teiches; ſo endlich ſpazieren ſie nach der Diätenmühle, nach

dem Felſenkeller, ſo fahren ſie nach Biberich und nach Walluf,

wo der Bürgermeiſter ſelbſt in ſeinem Garten die Gäſte die ganze Woche mit Höflichkeit, an Sonntagen aber mit Grobheit bedient, und ſo machen ſie ihre Eſelsritte nach der Platte hinauf, wo der Förſter mit einem Jagdhorn oder einem alten Trichter ihnen zum Vergnügen die Wildſchweine zuſammenrufen läßt, welche das oberſte Geſetz eines Curorts, artig gegen die Gäſte zu ſein, ſeit lange begriffen und jede Wildheit abgelegt haben.

Einmal in der Woche iſt Abendconcert und einmal Götter, ihr wißt es! bei dieſer afrikaniſchen Hitze Reunion, d. h. Ball im Curſaal. Vernünftige Leute, die Dieſes leſen, werden behaupten, ich übertreibe, aber es iſt deshalb nicht minder wahr, daß der Ball um 8 Uhr beginnt und der Salon bei einem Hitzegrad von 35 überfüllt iſt. Die Toiletten ſind makellos. Die Kragen der Herren wachſen allmählich ſo hoch, daß über ihnen nur noch die Naſe und das Lorgnon hinausſchaut, die Taillen der Damen ſchrumpfen ſo tief zuſammen, daß uns der Schwindel er⸗ greift, wenn wir hinab blicken.

Die Muſik tobt, daß die Schweißtrvpfen an den Baß⸗ ſaiten herablaufen. Die Paare jagen durch den Saal, daß das Parket während des Abends ei⸗ nige male getrocknet werden muß, und die Pauſen werden durch Präſentationen illuſtrer oder gewöhnlicher Fremden aus⸗ gefüllt. Ich ſtelle dich vor, du ſtellſt mich vor, er ſtellt ihn vor u. ſ. w. Sich das Waſſer von der Stirn trocknend, ſtomelt der Präſentirte einige Worte, ſchreibt ſeinen Namen auf die einzige, noch leere Stelle der durchweichten Tanzkarte, die ungefähr in der Verfaſſung wie unſere Generalſtabskarten im Regenwetter des böhmiſchen Feldzuges, dann läßt er ſich weiter ſchleppen, ſich noch einer griechiſchen Prinzeſſin, einer por⸗ tugieſiſchen Marquiſe, einer franzöſiſchen Comteſſe und einer Frankfurter Bankierstochter vorſtellen, jagt, durch die Präſentation