Jahrgang 
1868
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ein liebenswürdiger,

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Worte, aus jedem Blicke ſprach. Görres, als feuriger Jüng ling für die erſte blutigſte franzöſiſche Revolution ſchwärmend, damals der Herausgeber des Journals:Das rothe Blatt, erfüllt von terroriſtiſchen Jdeen und jenem Görres gegen⸗ über der, den wir ſo eben dem Leſer dieſer Zeilen vorgeführt haben! Welche innerliche Revolution muß in dieſem Manne geſtürmt haben, bis ſie ihn zu demGlaubensrauſche führte, der ihn, wie die Bilder des Opiumtraums den Moslim, mit jener Ueberzeugungstreue beſeeligte, um welche wir ihn im Leben beneidet, die ihn ins Grab begleitet hat. Man würde irren, wenn man Görres für einen verdumpften, mit ſeiner ihm in tiefer Seele wurzelnden, ſeltſamen Richtung auch im gewöhnlichen Leben prunkenden und zur Schau getragenen Katholiken gelten laſſen wollte: Er war im Gegentheil in dem Cirkel, den er in ſeinem gaſtlichen Hauſe zu verſammeln pflegte, geiſtſprühender Geſellſchafter, heiteren Geſprächen nicht abhold und reich an glänzendem Witze. Was ihn aber Allen, die ihn kannten, beſonders werth machte, war, daß ſeine Sinneswandelung, die ihn aus den Strudeln der Revolution durch ſeltſame Phaſen bis auf den Lehrſtuhl eines Profeſſorschriſtlicher Myſtik führte, eine Folge ſinnigen Suchens nach innerem feſtem Halt, nicht einer Speculation nach außen hin war. Görres' Lebensverhältniſſe waren, ſo viel wir wiſſen, keine von glänzendem Glück begünſtigte, ſo wie niemals von ihm nach irdiſchen Gütern angeſtrebt worden iſt.

Sein Hausweſen war ein beſcheidenes und doch an⸗ ſtändiges. Wer ihm äußere Eitelkeit hätte ſ wollen, würde großes Unrecht begangen haben. Ich habe ihn ſpäter an Wintertagen in den Arkaden des Bazars zu München promeniren geſehen. Ein mehr Schlaf- als Promenadenpelz umhüllte den bis im Alter noch immer nervigen Körper, wäh⸗ rend der ſtraffe Schritt durch ein Paar hyper⸗koloſſale Filz⸗ ſchuhe weniger hörbar gemacht wurde. Die unbeſtimmte Form der Wintermütze, die das Haupt deckte, würde ſchwer zu be⸗ ſchreiben ſein.

In den Hörſaal, den ich zum erſten malaus Langer⸗ weile mit Lächeln betrat, bin ich dann Monate lang allabend⸗ lich gewandert, und lebte ich in München, würde ich es viel⸗ leicht auch jetzt noch thun, wenn ſeitdem nicht deralte Görres ſeine Vorträge wegen ſeines Ablebens ſiſtirt hätte. Und neben ihm ſchläft nun auch ſchon ſein hochpoetiſcher, vom Geiſt des Vaters erfüllter Sohn, derblonde Guido. Wo ich bei meiner Lebensrückſchau hinblicke, nichts als Gräber! Mich friert's!

Indem ich noch einmal die Ueberſchrift dieſer feuilletoniſti⸗ ſchen Plauderei anſchaue, ſehe ich, daß ich erfüllt, was jene verhieß. Ich habe meine Schuldigkeit gethan, und wenn der geneigte Leſer dieſe letzten⸗Worte lieſt, ſo ſetze ich voraus, daß er es mit dem ganzen Artikel gethan, und danke ihm für dieſe Freundlichkeit gegen den Verfaſſer. Punktum!

ßerliner Landpartien.

Ihr müßt einmal eure Badeörter vergeſſen, wo ihr Vor⸗ mittags ſchlafet, badet, nach dem Frühſtück im Park promenirt, dann prächtig ſpeiſet und dabei hinter der Rheinweinflaſche dem Brunnenarzte ein Schnippchen ſchlaget und Nachmittags eine Vergnügungsfahrt nach dem Schloßberge, oder Mariaſchein, oder ſonſt wohin machet. Ihr müßt auch eure Sommer touren vergeſſen, nach den Rebenhügeln des Rheins, nach den Burgen Thüringens, nach den Bauden Schleſiens, nach der öſterreichiſchen Kaiſerſtadt oder nach einem Wellenbade der Nord⸗ oder Oſtſee. Das Alles müſſet ihr vergeſſen und dazu Liebesabenteuer und Naturgenuß, Seufzeralleen und Spielbänke, Trüffelpaſteten und bals champétres; das Alles vergeſſet, wenn ihr eine Berliner Landpartie verſtehen wollt. Dazu müſſet ihr euch einen Subalternbeamten denken, der das ganze Jahr hin⸗ durch nichts Grünes ſieht, außer dem Kopfſalat, wenn derſelbe eine billige Mahlzeit gewährt, dem grünen Tuch auf ſeinem Schreibpulte und dem grünlichen, leberkranken Teint ſeines Prä⸗ ſidenten; einen Handwerker, der die Sonne nur täglich einige Stunden an ſeinen Zimmerwänden ſchimmern ſieht; ein Mädchen in blühender Jugend, aber von bleichem Geſicht, das tauſend liebliche Blumen und Blätter für den Tapiſſerieladen empor ſprießen läßt und dabei die ungeſtillte Sehnſucht nach Wieſen⸗ blumen und Wieſenduft empfindet; einen ſchlanken Kaufmanns⸗ diener, der täglich den ſchillernden Satin, den luftigen Krepp,

den durchſichtigen Mouſſellin durch die Hand und über die Elle gleiten läßt und dieſe Stoffe, ach, ſo gern flattern ſähe, wenn

der Sommerwind mit ihnen ſpielt und der Sonnenſchein über ſie hinirrt: daran müſſet ihr denken und werdet es dann begreif⸗ lich finden, wie endlich einmal der Subalternbeamte oder der Handwerker ausruft:Zum Teufel mit dem grünen Tiſch! zum

Teufel mit Hammer, Säge und Bohrer! morgen wollen wir

eine Landpartie machen! und wie bei dieſen Worten die am Lochofen und in der Kinderſtube gealterte Hausfrau freundlicher lickt, und wie Marie die vorgebeugte Bruſt vom Stickrahmen frichtet und neu belebt aufſeufzt, und wie ſie am Abend ihrem üutigam, dem Handlungsdiener, frohlockend entgegenruft:Mor⸗ machen wir eine Landpartie! Eine Landpartie! Damit verknüpft ſich der Gedanke an vergnügliche Fahrt auf ſtoßenden Wagen, an gefüllte Körbe Pfänderſpiel, an eine reichliche Mahlzeit und Fanchonzeck, an kenſtullen und Geſang, an Frohſinn, Liebe und Heiterkeit.

Die Nacht vergeht unter füßen Träumen von Laubkränzen und Raſenbänken, oft geſtört durch ungeduldiges Erwachen, ſehnſüchtiges Hinblicken nach dem zögernden Morgen, erwartungs⸗ volles Lauſchen auf den Schlag der Stubenuhr. Mit Tages⸗ anbruch geht es an das Packen und Zurüſten; Butterbrote und Semmeln werden geſchmiert und mit Käſe, Wurſt und kaltem Braten belegt, die Flaſchen mit einer verhältnißmäßigen Miſchung von Feinem und Doppeltem gefüllt; endlich werden die Taſchen und Kober hervorgeſucht, denen man an Bauch und Näthen anſieht, daß ſie nur ſelten gebraucht, aber dann auch übermäßig angeſtrengt werden. Während Mama den Proviant beſorgt und dabei verſichert, es ſolle gewiß die letzte Landpartie ſein, denn ſie ſelbſt hätte doch nur Mühe und Qual davon, während dieſer Zeit ſchaut Papa, ſchon völlig angekleidet und behaglich ſein Morgenpfeifchen rauchend, bedenklich wie ein gewiegter Aſtro⸗ gnoſtiker zum bewölkten Himmel empor; während dieſer Zeit hat Marie den jüngern Nachwuchs geſäubert und gekleidet und be⸗ gibt ſich nun an die eigene Toilette, und wie ſchön ſteht ihr das weiße Kleid mit dem blauen Bande und das durchbrochene Strohhütchen auf dem glänzenden, ſchwarzen Scheitel! während dieſer Zeit langen auch die Gäſte an, die noch am vergangenem Abend durch einen zweibeinigen, von Freude elektriſirten Tele⸗ graphen zuſammen berufen worden. Da kommt zuerſt der lange Regiſtrator, ein zweiterMittler aller bürgerlichen Wahlver⸗ wandtſchaften, ein Mann, der ſehr häßlich, aber ausnehmend freundlich iſt, an dem man nie einen verdrießlichen Zug oder unreine Wäſche bemerkt; der um Entſchuldigung bittet, wenn man ihm auf die Zehen tritt; der den Damen leidenſchaftich wil⸗ lig das Strickgarn beim Abwickeln hält; der immer einen Scherz oder ein Geſchichtchen in Bereitſchaft hat und beim Pfänderſpiel unübertrefflich iſt, obgleich er nicht darauf beſteht, geküßt zu werden; ein Mann, der nach dem ſo und ſo vielſten Gebote Alles zum Beſten kehret Dann kommen noch Pinchen, Tin⸗ chen und Trinchen, Marien's Freundinnen, voll Heiterkeit und Leben; dann kommt Mariens Bräutigam in ganz neuem Frac und in einer Piquetweſte mit verſilberten Knöpfen; er bringt drei Freunde mit, die das Haar ſehr ſauber bis in den Nacken geſcheitelt haben, weil ſie Pinchen, Tinchen und Trinchen den Hof machen wollen; dann kommt der Schablonenmacher, das Univerſalgenie, den Mittler, ohne es zu geſtehen, nicht leiden kann, weil er immer Hahn im Korbe ſein will und mehr ſpricht als er ſelber. Dann kom