men noch einige Freunde vom Papa, zum Theil mit ihren Frauen und Kindern, Alle ſchwer bepackt und von Hunden begleitet, die ſich unterwegs, durch die lieblichen Düfte der Bratenſtullen ge⸗ lockt, freiwillig zu ihnen geſellt haben. Zuletzt kommt auch der junge Mann, der ſo gern ſingt, und von dem man behauptet, er ſei etwas„übergeſchnappt“, obgleich ſich dies nur von ſeiner Stimme ſagen läßt. Kurz, die Stube iſt voll der Gäſte, und man erwartet ſcherzend und lachend und unruhig bewegt den Kut⸗ ſcher. Hier und da äußert ſich die Beſorgniß wegen ungünſtigen Wetters, verſtummt aber ſogleich, da Herr Mittler erklärt, das Wetter würde himmliſch ſchön, er verſtände ſich darauf und würde ſchon Alles zum Beſten kehren.
Endlich kommt der Wagen, ein recht mächtiger Wagen, mit fünf Sitzbänken und dem nöthigen Zwiſchenraum für die über⸗ zähligen Paſſagiere. Der Kutſcher hat ein vergnügtes und ge⸗ geröthetes Antlitz, das ganz für Landpartien geſchaffen ſcheint und in der grünen Natur ſich wie eine überreife, in geiſtige Gährung übergehende Frucht ausnimmt. Auch die Pferde ſehen heute fröhlicher aus als geſtern, wo ſie den Torfwagen ziehen mußten; ſie ſtampfen ſogar unruhig den Boden und machen feu⸗ rige Bewegungen, als wären ſie eigentlich für die Rennbahn be⸗ ſtimmt.— Ehe es aber zum Aufſteigen kommt, hat die Mama noch ihren Aerger mit den Kinders, die ſich bereits an den Wagenrädern beſchmuzt haben, und ſie erklärt nochmals, es ſolle dies gewiß die letzte Landpartie ſein.
Endlich ſetzt ſich die Partie in Bewegung, ganz Heiterkeit und Frohſinn. Es könnte zwar Niemand ſagen, wo die Heiter⸗ keit, wo der Frohſinn eigentlich ihren Sitz haben; ob in der zu⸗ ſammengedrückten Geſellſchaſt, oder in den keuchenden Pfer⸗ den, in der baumelnden Theerbutte unter dem Wagen, oder in dem Kutſcher, der ſeine vier Nachbarn auf der vordern Bank etwas ſchief anſieht— genug, Heiterkeit und Frohſinn ſind ein⸗ mal da und laſſen ſich nicht wegleugnen.
Hinaus fährt der Wagen aus der dumpfigen Stadt, hinaus über lachende Wieſen und durch blühende Alleen. Liebliche Na⸗ tur, was iſt eine grüne Pultdecke gegen deine prangende Aue? was ſind alle Blumen der Stickereien gegen deine würzige Flora von Feldnelken, Ackerhornkraut und Geranium? was iſt ſelbſt die Stimme des„übergeſchnappten“ jungen Mannes gegen den Ge⸗ ſang der Lerchen und Goldammern? und wie viele Tage voll ge⸗ drückter Arbeit und Stubenluft wiegt eine Berliner Landpartie auf?
In dem ländlichen Luſtorte angekommen, hat die Geſell⸗ ſchaft ſchnell den„Milchmann“ aufgefunden, der den bekannten Familien und Kunden willig ſein Haus, ſeinen Herd und Garten zum Picknick einräumt. Man ſetzt ſich zum Frühſtück, wobei Herr Mittler wiederholt bemerkt, die Landluft„zehre“, während er alle Uebrigen und die Landluft ſelber darin übertrifft. Der Schablonenmacher hat eine beſondere Sorte von Liqueur mitge— bracht, den er den Damen als magenſlärkend anpreiſt, und den dieſe denn auch mit liebenswürdiger Ueberwindung koſten, wäh⸗ rend Herr Mittler ihnen bedeutungsvoll zublinzelt, als warne er ſie, von dem Giſt zu trinken.— Die Zeit zwiſchen dem Früh⸗ ſtück und Mittagseſſen füllt man durch gemüthliche Unterhaltungen aus, durch Zeck, Plumpſack und Bäumchenverwechſeln. armen Marie wird beim Fanchonzeck das Kleid zerriſſen und Pinchen, Tinchen und Trinchen geben dies dem Unſtande ſchuld, daß ſie, als ihnen die Schweine begegneten, nicht ſeit⸗ wärts geblickt habe. Zur Abwechſelung producirt Herr Mittler, der ſich gern mit ſeiner Stärke brüſtet, einige Kraftſtücke zwiſchen zwei Stuhllehnen; beim„Anmunden“ fallen die Haare, welche er über den Scheitel gekämmt trägt, in den Nacken zurück, und
Der
—
die jungen Mädchen erblicken kichernd einen glänzenden Fleck, der ſch zwiſchen den Stühlen hin⸗ und herbewegt, wie der Mond zwiſchen dem auf⸗ und niederſteigenden Knoten. Der Schablonen⸗ macher, der ſeinem Nebenbuhler nicht an Bravour nachſtehen will, macht ſich anheiſchig, den Thierbändiger zu ſpielen und den Hofhund durch die magiſche Kraft ſeines Auges in die Hütte zu ſcheuchen. Der Hofhund iſt aber leider für magnetiſche Einflüſſe nicht disponirt, ſondern fährt wüthend auf den Thierbändiger los, der wie ein ſchwacher Sterblicher erbleicht und das Weites ſucht. Unterdeſſen ſind die jungen Leute paarweiſe in das Ge⸗ hölz gegangen, um Kränze und Laubbogen zum Guirlandenſpiel zu winden; manch ſüßes Wörtchen wird dabei geflüſtert, mancher Scherz laut geäußert. Herr Mittler fordert den übergeſchnappten Jüngling auf, zu ſingen, weil es an dieſer Stelle im Walde ge⸗ rade ſo ſchön widerhalle. Der junge Mann ſingt wirklich, und man hört die verſcheuchten Vögel durch das Laub Flattern, aber nicht das Echo, dem es wahrſcheinlich nicht gelingt, die falſchen Cadenzen nachzuahmen, die ſich vorzugsweiſe zwiſchen der über⸗ mäßigen Terz und der verminderten Quinte bewegen. Herr Mitt⸗ ler krönt den jungen Arion im Namen der Geſellſchaft mit einem Kranze von Lindenlaub.
Das Mittagsmahl, wobei die Landluft und Herr Mittler wieder ihre Schuldigkeit thun, wird nur durch einen vorüberge⸗ henden Unfall geſtört, indem eine dicke Dame aus der Geſell⸗ ſchaft eine magere Kuh, die über den Hof läuft, für einen wü⸗ thenden Bullen hält, ein Angſtgeſchrei ausſtößt und ihre Nach⸗ barin mit Bratenbrühe begießt. Eine andere Dame wechſelt mit ihr ab und ſpricht alle Augenblicke die Beſorgniß aus, daß ein toller Hund kommen könnte.
Noch heiterer als das Mittagsmahl vergeht der ländliche Kaffee, der bei allen Landpartien die Hauptrolle ſpielt. Eine bürgerliche Familienkanne iſt nur eine Miniaturausgabe gegen die Urnen, die von den Hausfrauen beſonders für dieſe Vergnü⸗ gungen aufbewahrt werden.— Dann beginnen wieder fröhliche Spiele, bis der Abend dunkelt und der Kutſcher etwas unange⸗ nehm wird. Die ältern Herren erinnern nun an das Abend⸗ eſſen; die Taſchen und Körbe werden ihrer Reſte entledigt, und man ſieht ſich ſogar genöthigt, die Vorräthe des Wirthes in An⸗ ſpruch zu nehmen.
Auf der Heimfahrt wetteifern die Stimmen der Damen im Geſange, um die verminderten Quinten des überſpannten Arion zu überſtimmen. Herrliche Lieder ertönen, wie:„Du, du, liegſt mir im Herzen“, oder:„Er ſaß auf grüner Haide“.— Die Sonne hüllt ſich in ihren roſigen Nachtſchleier, der Abendwind weht kühlend durch die Blüthenkronen der Fruchtbäume; die Wege ſind mit heimkehrenden Spaziergängern bedeckt, mit koſenden Pärchen, mit geputzten Frauen, welche Kinder auf dem Arme tragen und vom grünen Jungfernkrasz ſingen, mit Familien⸗ vätern, welche Kinderwagen ziehen, der Wind treibt mit unzäh⸗ ligen Fettpapieren und Butterbrot⸗Düten, duftigen Liebesbriefen, die ſich die entgegengeſetzten Himmelsgegenden zuſenden.— An all dem Sonntagsleben rollt die Landpartie vorüber, und Herr Mittler weiß auf jeden Berliner Witz, der ihm zugerufen wird, mit einem Berliner Witz zu antworten. Bei der Trennung vor der Hausthür verſichert Jeder, ſich köſtltch vergnügt zu haben und
wandelt, mit etwas Hüftweh und Zehenſchmerz in Folge des
Fanchonzecks, ſeelenvergnügt nach Hauſe.
„Damit du ſiehſt, wie leicht ſich's leben läßt: Dem Volke hier wird jeder Tag ein Feſt.“
Dieſer klaſſiſche Spruch bewährt ſich wenigſtens an dem Tage einer Berliner Landpartie.
knnone und Roßſchweif.
Die preußiſchen Topſchi(Artilleriſten) erfreuen ſich ſeit langer Zeit in der Türkei eines vortrefflichen Rufes. Sie haben die türkiſche Artillerie neu formirt und in der⸗
ſelben als Inſtructoren gewirkt, ſie haben oſt mit ſchwachen Mit—
von Siliſtria gegen die ruſſiſche Uebermacht, als Topſchi ½
teln dort Großes geleiſtet, ſie haben ſich in blutigen Kämpfen daſelbſt ausgezeichnet und beſonders war es Grach, der ehemals preußiſche Bombardier, der durch ſeine erfolgreiche Vertheidigun⸗
———
———
—
—
1
——


