Jahrgang 
1868
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haben. Zu dieſen Letzteren zähle ich auch meinen damaligen lieben Münchener Heilkünſtler, Herrn Dr. R., der mir jetzt freilich nicht mehr helfen würde, weil auch er ſchon längſt die Caprice gehabt, als ſtiller Mann auf dem Campo sauto der baieriſchen Hauptſtadt eine Schlafſtelle zu beziehen.

Der Rebenſaft, vom Veſuv mit Feuer geſättigt, hat Sie (man verzeihe mir den derben Ausdruck meines Doctors!) auf den Hund gebracht! Laſſen Sie bei uns in München den Wein bei Seite, und trinken Sie Bier! Gegen ſolche ärztliche Verordnung hatte ich obgleich ich bis dahin mit König Gambrinus gar nicht befreundet geweſen, nicht das Geringſte einzuwenden. Ich folgte der Vorſchrift und trinke noch heutzutage, aus geſundheitlichen Rückſichten, Bier, das mich nach wenigen Wochen von den körperlichen Wein⸗ fatalitäten befreite.

Es lebte ſich damals, vor faſt vierzig Jahren, noch ſehr luſtig in München, und dieſe ſüddeutſche Luſtigkeit übte auf uns Norddeutſche eine ſolche feſſelnde Gewalt, daß ich zum Beiſpiel, der drei bis vier Wochen zu verweilen gedachte, drei Jahre dort blieb. Wenn ich etwas räthſelhaft ſage, daß man dort namentlich im Frohſinn den Frohſinn fand, ſo enträthſele ich dies durch die Andeutung, daß damals dort eine, von dem alten poetiſchen König Ludwig I. geſtiftete, und

von ihm perſönlich protegirte und belebte Geſellſchaft, in der

weder der höchſte Adel noch den ſchlichte Bürger fehlte, exiſtirte, deren Parole:Alle Tage luſtig! hieß. Dieſe luſtige Ver⸗

einigung führte den Namender Frohſinn, und mit Recht. In den, durch des heiteren Königs Beihülfe erbauten, groß⸗

artigen Lokalitäten wurde Komödie geſpielt, Pantomimen ausgeführt, Concerte veranſtaltet, auf Maskeraden(echte, rechte, weil nur maskirte Menſchenkinder zugelaſſen wurden) und Bällen getanzt, im Sommer reizende Gartenfeſte veran⸗ ſtaltet, dabei viel weniger Champagner als Münchener Bier getrunken, kurz und gut,dem Frohſinn im Frohſinn mit ſüddeutſcher Lebens⸗ und Genußſucht, und zwar mit weniger Anſtrengung des Geldbeutels gehuldigt. Das waren die guten alten Zeiten, dieneue Zeit ſchaut freilich anders aus, nur nicht ſo freundlich, wie jene, der ich ohne große Sehnſucht nach der nordiſchen Heimat mit und im Vergnügen drei Jugendjahre opferte. Mir ſpeciell gefiel München und was darin lebte und webte, ſo ausnehmend, daß, als ich mich endlich doch von Iſar⸗Athen trennen mußte, ich mir zum An⸗ denken daran eine Münchnerin als werthe Ehefrau in die nordiſche Heimat mitnahm. Ich habe Gott Lob! noch heute Anlaß zu behaupten,daß ich daran wohl gethan.

In der erſten Zeit meines Münchener Aufenthalts, während ich als Patient mich nur mit Biertrinken beſchäftigte, und auch auf den Wegen und Stegen die zu den dort eigen⸗ thümlichen Frohſinns⸗Amuſements führten, noch nicht recht be⸗ wandert war, kamen doch Stunden, wo mir und meinen kur ländiſchen Gefährten auch ſie wurden in München ein Jahr lang heimiſchdie Zeit bisweilen lang wurde. Wenn man älter wird, und man nur noch kurze Zeit vor ſich hat, paſſirt den Menſchen das gewöhnlich, wenigſtens mir, nicht mehr. So ſaßen wir Drei eines Nachmittags in

der Conditorei des renommirten Signor Tamboſie im Hof

garten und tranken Kaffee, der dort ſo gut, wie der Wiener. Was fangen wir bis zum Abend an? fragten wir gähnend einander. Um den Abend nämlich war uns nicht bang, weil da nöthigenfalls das Theater aushalf. Ein vierter nord⸗

deutſcher Freund, der nahe bei uns ſitzend, unſere Verlegen⸗ heitsfrage gehört, beantwortete ſie:Von 56 Uhr lieſt

Profeſſor Gövres ſeine Myſtik. Ich gehe hin, kommen Sie mit! Myſtik für uns lebensluſtige, keineswegs fromme junge Männer! Und das ſollte uns unterhalten? Der Curioſität wegen aber ſagten wir zu. Vorher noch eine Partie Billard,

dann in die Stadt hinein in die von dem kräftigen Dunſt der berühmten Pſchorr'ſchen und anderen Brauereien durchwehte Neuhauſergaſſe zum alten, jetzt nicht mehr benutzten Univerſitäts⸗

gebäude, daß ſich düſter und triſt an die Jeſuitenkirche lehnte. Ueber lange Corridore gelangten wir in den großen, etwas dunklen Hörſaal; die Bänke faſt alle gefüllt von alten

und jungen katholiſchen Geiſtlichen und den Schülern des Seminars. Dieweltlichen Zuhörer, nämlich wirCiviliſten, der kirchlich in lange ſchwarze Gewänder uniformirten kleinen Armee gegenüber, hatten mehr die entfernten Plätze einge⸗ nommen, während die der geweihten Miliz angehörenden Ver⸗ ehrer des ſeltſamen Mannes ſich ſo nahe an das Katheder drängten, wie möglich. Nach einer Viertelſtunde Wartens öffnet ſich eine Thür im Hintergrunde, die flüſternde Unter⸗ haltung verſtummt. Ein hoch aufgerichteter, mehr als mittel⸗ großer Mann im ſchlotternden Ueberrock tritt ein dröhnenden Schrittes; rechts und links mit kurzem Kopfneigen die Menge grüßend, beſteigt er die Rednerbühne und ſchleudert mit dem Fuße den hölzernen Seſſel, der neben dem Leſepult ſteht, zur Seite. Jetzt erſt, wo er von der Erhöhung über das vor uns ſitzende Auditorium ragte, konnten wir die Erſcheinung deutlicher betrachten. Röthlich⸗blondes, mit Grau gemiſchtes ſtarres Haar bedeckte das Haupt, die tief gefurchten Züge des Antlitzes wie aus Marmor gemeißelt, während das Auge leb⸗

haft und feurig die Verſammlung überflog. Nun räuſpert er

ſich und wir müſſen bei der Wahrheit bleiben ſpuckt dann ungenirt, gleichſam wie man es im Zorn zu thun pflegt, nach der Seite hin. Dann ſchlägt er à la Napoleon die Hände auf dem Rücken über einander, ſtreckt und dehnt ſich hoch auf, biegt den Kopf in den Nacken und läßt das Auge, wie ſuchend, nach der Decke emporſtarren. Und nun begann, anfangs im leiſe bebendem, tiefem Baßton und in der, unſerem

norddeutſchen Ohre fremden, rheinländiſchen Mundart Görres

war ja zu Koblenz 1776 geboren der Vortrag. Je mehr derſelbe den Sprecher ſelbſt zu erregen ſchien, deſto voller und kräſtiger klang die Stimme. Es lag ein eigener Zauber in derſelben, der den Hörer, ſelbſt den, der vielleicht nur der Curioſität wegen hier erſchienen war, in eine ſeltſame, faſt ängſtliche Stimmung verſetzte. Draußen war indeß die ſpät⸗ herbſtliche Sonne hinter den alten, hohen Giebelhäuſern ver⸗ ſchwunden, und im Saale, in den das Tageslicht nur durch die in Blei gefaßten runden Scheiben ſparſam eindringen lonnte, und der durch die ſchwarzgekleideten Geiſtlichen, die ihn erfüllten, ein düſteres Ausſehen darbot, ſtellte ſich allmäh⸗ lich die Dämmerung ein, die immer mehr zunehmend, nur noch undeutlich die Geſtalt des Redners erkennen ließ. Aber die tiefe Stimme dröhnte fort, und die eigentliche Schärfe, mit der ſie das R behandelte, erinnerte faſt an das Raſſeln der Kette, die in alten Sagen das wandelnde Geſpenſt hinter ſich herſchleppt dann auch wieder an einen rauſchenden Berg⸗ ſtrom, der über zackiges, aus ſeinem Grunde hervorragendes Geſtein dahin rollt. Und aus dem Chaos dieſer unheimlichen Töne tauchten ſeltſame Erſcheinungen auf, verworren und doch wieder glänzend, im erſten Augenblick faſt zum Lächeln reizend, das aber im ſelben Moment wieder zum düſteren Ernſt. ſich wandelte vor den Worten des Redners, die wie Beſchwörungs⸗ formeln klangen. Wenn ich mich erinnere, daß Görres in ſeinem Vortrage unter Anderm von einem Heiligen erzählte, der dermaßen von der Liebe zum Höchſten entflammt geweſen, daß, wenn man ihn in kaltes Waſſer tauchte,dieſes auf⸗

ziſchte, als hätte man einen glühenden Nagel hineingeworfen,

oder von einer Heiligen,deren Herz ebenfalls in gleicher Liebe bis zu dem Grade erglüht, daß Eier, die man ihr in die Herzgrube gelegt, in wenigen Minuten hart geſotten waren ſo nehme ich es dem geneigten Leſer keineswegs übel, daß er über ſothaneMyſtik ſo auflacht, wie über den Schreiber dieſer Zeilen, der ſo eben geſagt, daß er dergleichen mit großem Ernſt angehört. Und dennoch wiederhole ich die Verſicherung, daß andere ſehr luſtige Leute damals neben mir dieſelbe ernſte Empfindung theilten, und daß wir nach dem Vortrage uns verwundert gefragt, was eigentlich bei all dieſer ſeltſamen, faſt burlesken Naivetät des Vortragenden uns in düſteren Zauberbanden gefangen gehalten? Jetzt, wie damals, bürde ich dieſen Zauber der Macht des Augenblicks, der düſteren Scenerie, vor Allem aber jener aſcetiſchen Strenge auf, die aus dem unbeweglichen Antlitz des Redners hervor⸗ leuchtete, dem der unerſchütterliche Glaube an das anſcheinend Widerſinnigſte wie mit unauslöſchlicher Schrift aus jedem