Jahrgang 
1868
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geln. Dann verbarg er das Gold in ſeinem Lager, hüllte ſeinen kleinen Adoptivſohn ſorgfältig in ſeine Windeln und verließ das ſchwarze Haus.

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ſam um die ihm unerwartet gewordene Vaterſchaft zu beſie⸗.

Einen Augenblick ſpäter klopfte Hauptmann La Ramée an die Thür des Gaſthofeszu den drei Kronen.

(Fortſetzung folgt.)

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Bacchus-Cultus in Italien und chrißtliche Myſtik in München.

Jugenderinnerung von Fr. Tietz.

Es war im Herbſt 1834. Ein halbes Jahr lang hatte ich mich in der Türkei, Kleinaſien und Griechenland umge⸗ ſchaut und war froh, als ich im letzteren Spitzbubenlande demarkadiſchen Schäferleben den Rücken zukehren durfte und dieKöniglich Griechiſche Brigg Nelſon mich übers Meer hinweg nach dem italieniſchen Ancona trug. Dann ging's von Rom nach Neapel, und wenn man jung iſt, wie ich da⸗ mals war, und zumal, wenn man Monate lang die Auf⸗ enthaltsqualen im ſonnverbrannten, baumloſen und felſen⸗ reichen wir wollen nicht ſagenſteinreichen Hellas, um es nicht in falſchen guten Finanzruf zu bringen, geduldet hat, ſo iſt Italien, trotz Nicolai's grämlicher Verläſterung, doch ein Himmel; man muß, wie geſagt, dahin nur aus der helleniſchen Hölle kommen. In Neapel traf ich ein paar gleich mir touriſtiſch umherbummelnde Kurländer, alſo für mich im fernſten Oſtpreußen Geborenen halbe Landsleute. Wir wohnten zwei Monate lang zuſammen am Strande der Heiligen Lucia und ſtatteten unſer dolce far niente mit aller⸗ lei originellen Bequemlichkeiten aus. Einzelne dieſer ange⸗

nehmen Faulenzereien habe ich ſeitdem auch im Norden bis

zur heutigen Stunde beibehalten, und ſie bekommen mir ſehr wohl. Anderes paßt nicht für den Breitegrad, unter dem Berlin liegt. In Neapel behagte es uns z. B. ſehr, daß wir in den heißen Nachmittagsſtunden uns am Lucia⸗Strande unter einem halb umgeſtürzten Fiſcherboot, irgend einem Maſaniello gehörend, das uns den Spaziergängern unſicht⸗ bar machte, die Ausſicht aufs Meer, den Veſuv und die Inſeln des Golfs uns frei ließ, nackt, nur mit einer Badehoſe bekleidet, ins flache, laue Waſſer lagerten, Taback rauchten, Kaffee tranken den uns unſer Leib⸗Lazarone Giuſeppe, ein hinkender, origineller Burſche credenzte und in dasauf die Erde gefallene Stückchen Himmel hineinblickten. Dies in der Spree nachzuahmen, würde weniger angenehm ſein, weshalb ich es, auch ſchon um mit der Berliner Strom⸗ Polizei nicht in Conflict zu gerathen, bisher beharrlich unter⸗

laſſen habe.

In vino ſteckt nicht nur die veritas, ſondern auch die Macht, Aerger und Verdrießlichkeit wegzuſchwemmen. An den beiden letzteren Ueberflüſſigkeiten hatte es im claſſiſchen Hellas nicht gemangelt; ich verſuchte die beiden böſen Geiſter durch die flüſſige Erfindung des längſt verſtorbenen Griechengottes Bacchus zu erſäufen. Es erforderte dies viel Santorin, Cyper, auch wohl gewöhnlichen helleniſchen Landwein, der von antik⸗claſſiſch ausgepichten Bockshäuten, ſtatt vom Faſſe gezapft wurde. Er ſchmeckte freilich ſtark nach Pech, aber ich trank ihn doch, vergaß oft dabei die nichtswürdige damalige Gegen⸗ wart und verſenkte mich in willkommene Träume angenehmer italiſcher Zukunft ebenfalls damaliger, die jetzt bei mir längſt zur Vergangenheit geworden.

Endlich war ich in Italien und froh und guter Dinge, ſo daß ich im Grunde genommen des Lethe⸗Rebenſaftes nicht mehr unumgänglich nöthig gehabt hätte. Ich war von jeher und bin es auch geblieben, nämlich ein ſchwaches Menſchen⸗ kind und ein Sklave der Gewohnheit. Und das Weintrinken iſt eine ſo ſüße Gewohnheit! Und im ſüdlichen Italien ſind dieChriſtusthränen vom Veſuv, und derMarſallier von Sicilien ſo wohlfeil, blinken aus den hellen, nur mit einem zuſammengerollten Weinblatt, ſtatt des Korks, zugeſtöpſelten Kryſtall⸗Caraffen dem jugendlichen, auch wohl dem älteren Auge ſo verlockend entgegen, daß eben ſchwache Menſchenkin⸗ der nicht zu widerſtehen vermögen. Und als es um die Herbſt⸗

zeit nun nordwärts zur Heimkehr ging, da wurde oft Raſt

gemacht, wo an den Geländen neue Trauben, in den Vignen alter Wein winkt; vornehmlich in der ewigen Roma, wo genugſam lebensluſtige Deutſche uns feſthielten. Dann ging's weiter nordweſtlich auf Florenz zu, aber nicht ſo raſch, daß wir in dem maleriſch am See von Bolſena auf einem Hügel liegenden Städtchen Montefiascone uns nicht Zeit gegönnt, zur Feier eines ſeltſamen Todtenamtes: Als einſt der würdige deutſche Prälat Johannes Fugger von Augsburg aus eine Rom⸗Fahrt antrat, ſandte er ſeinen getreuen Diener voraus, auf daß dieſer an jedes Wirthshaus, allwo guter Wein, ſchreiben ſolle:Est! Als aber der weinprüfende Vorläufer nach Montefiascone gelangte und getrunken, da malte er entzückt ans Stadtthor ein dreifaches:Est! Est! Est! Hochwürden Fugger fand, daß ſein Diener die Wahrheit geſchrieben, ſetzte ſich feſt in dem Städtlein und trank ſich zu Tode. Dann begrub man ihn in der St. Flavians⸗Kirche, und ſeinſchrift⸗ ſtellernder Servus widmete dem wackeren Trinker die Grab⸗ ſchrift:Est, est, est, propter nimium est dominus meus mortuus est! Es wäre gottlos geweſen, hätten wir dem wackeren deutſchen Landsmann keine Libation bringen wollen.

So endlich gelangten wir über Venedig nach Drieſt, und auch deiner, du halbdeutſche Stadt, ſei freundlich gedacht, wo wir in deinem heimiſchen köſtlichen Proſecco zuletzt noch der bella Italia ein wehmüthiges:Addio! zutranken.

Und nun mit einem deutſchenVetturin er hieß Martin und war ein derber Münchener, aber wohl bekannt imWälſchland bis nach Rom ins Tyrol, über den Brenner ins nahrhafte Baierland, und endlich waren wir in München. Ich ſagewir, weil mit mir heimwärts zogen meine beiden, in Neapel zu Freunden gewonnenen Kurländer, von denen der Eine eigentlich ein Eſthländer war, dem in Italien alles gefiel, nur die Sprache nicht. Seiner Meinung nach fehlte derſelben die melodiſche Weiche, die in der eſthniſchen liege, eine Behauptung, die er dadurch zu bekräftigen ſuchte, daß er mir als Beiſpiel die drei Zahlen1 2 3 in ſeine Heimatsſprache überſetzte, in der ſie:Kis, Kax, Kolm heißen. Chacun à son gout! Mein kurländiſcher Eſthländer war ſonſt einfixer Kerl und thut mirs leid, daß er bereits todt iſt, wie der Dritte unſeres Reiſekleeblattes, der echte kurländiſche Baron, der auch noch länger hätte leben können, als er es gethan. Er ſtürzte ſich bei Lebzeiten à la Offenbachſſcher Gondremark zu vielin den Strudel, endlich ins Grab. Jedenfalls eine große Unvorſichtigkeit.

Als ich in München angelangt und mich nach dem nach⸗ denkloſen, tollen Touriſtentreiben beſchaulicher Selbſtbetrachtung überließ, bemerkte ich, daß meine frühere Anlage zum jugend⸗ lichen Embonpoint geſchwunden, ich ſehr mager trotz der nahrhaften Maccaroni in Hesperien geworden war, und mir etwas weniges die Hände zitterten. Ich offenbarte dies dem Arzt, der mich um meinen früheren namentlich jüngſtver⸗ floſſenen Lebenswandel befragte, über den ich ihm, als wahrheitsliebender Chriſt, nicht viel Rühmliches zu beichten im Stande war. Auch mein ruchlos getriebener heidniſcher Bacchus⸗Cultus den Herr Taglioni bekanntlich ſo trefflich in dem BalletSardanapal bei uns in Berlin in Scene geſetzt, und der in mir jetzt ſoliden Mann noch ſtets eine cara memoria anregt kam zur Sprache, weil man ja eben dem Prieſter und dem Arzt nichts verſchweigen ſoll. Ich hatte ſtets das Glück, es in der Beichte mit liebenswürdigen, ſeelen⸗ rettenden Prieſtern und körpererfriſchenden Aerzten zu thun zu

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