Jahrgang 
1868
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ab, welcher kalt und ruhig daſtand und, gefaßt auf neue Infamien des Italieners, das Blut in ſeinen Adern gerinnen ühlte. 52Vivonne, meine Herren, fuhr der neue Ankömmling fort,liegt nicht vor den Thoren von Paris; es iſt bis da⸗ hin faſt hundert Meilen, und man muß Jemand wirklich ſehr ins Herz geſchloſſen haben, dem zu Liebe man die weite und anſtrengende Reiſe unternimmt, lediglich um ihm zu beweiſen, daß er von ſeinen Freunden keineswegs vergeſſen iſt! Noch einmal, genug des Hohnes! wiederholte La

Ramee knirſchend.

.Ich erlaube mir niemals, zu höhnen, fuhr Lorenzo Borgognoni unerſchütterlich ruhig fort.Ihr wißt wol, Paris iſt die Schule des Ernſtes, und in meinem Alter ſchlägt man keine Lectionen mehr in den Wind. Leider aber ſchützt der Ernſt nicht vor Langeweile im Gegentheil. So ſind es denn heute gerade fünf Tage, daß ich mich in Paris zum Sterben langweilte; es iſt kaum zu glauben, nicht wahr? Gegen die Langeweile aber, dieſen häßlichen Gaſt, hilft nur das Aufſuchen alter Freunde. Dies bedachte ich, ich erinnerte mich an Euch, mein lieber Hauptmann, und ſo bin ich hier.

Jakob von Campdaraine lauſchte mit angehaltenem Athem

auf jede Silbe des Geſprächs.*

Menſch, ſagte La Ramee langſam, indem er die Zähne zuſammenbiß,Ihr vergeßt, daß jede Geduld ihre Grenzen ſ

Ich vergeſſe nichts, mein lieber Hauptmann, nicht das Geringſte!

Lorenzo Borgognoni hütet Euch!

Aber Lieber, welch ſeltſamen Empfang bereitet Ihr mir, nachdem wir uns dreißig Jahre lang nicht geſehen haben. So ſind die Freunde!

Redet, kommt zur Sache, ſage ich Euch; oder ich

wiederhole es hütet Euch!

In des Greiſes Geſicht zeigte ſich ein ſo drohend ent ſchloſſener Ausdruck, daß den Italiener doch Furcht beſchlich. Immer noch in ſeinen weiten, ſchwarzen Mantel eingehüllt, er⸗ hob er ſich und trat einen Schritt zurück.

Ihr handelt ſehr unklug, Hauptmann; Ihr hättet mich längſt verſtehen ſollen. Gewiſſe Dinge laſſen ſich vor keinem Zeugen verhandeln. Gewiſſe Partien ſpielt man nur zu Zweien. Begreift Ihr jetzt, was ich will?

Laßt uns allein, Freund! ſagte der Hauptmann zu Jakob.

Ah, der Herr zählt zu Euren Freunden! Ich wünſche ihm Glück dazu! Einen ſo wackern Mann wie Sie zum Freunde zu haben, iſt immer ein Glück.

Jakob drückte dem Hauptmann ſchweigend die Hand und entfernte ſich, indem er den unbeweglich daſtehenden Italiener mit einem Blick des Haſſes und der Verachtung maß. Lo⸗ renzo ſah dies nicht; tief auf athmete er, als er ſich mit ſei⸗ nem Opfer allein wußte; darauf ſchloß er mit der einen Hand ſorgfältig die Thür, indeß er mit der andern ſeinen Mantel zurückſchlug.

Hauptmann La Ramte, ſagte er dann,ſeht hier, was ich Euch bringe. Das iſt ein hübſches Geſchenk, nicht wahr? Iſt das nicht ſchön wie ein Engel, der es beinahe geworden wäre? Müßt Ihr über eine ſo reizende Gabe nicht ſehr erfreut ſein? Glücklicher, dreimal glücklicher Haupt⸗ mann!

Ein Kind! ſchrie der Greis laut auf.

Ihr ſagt es, und noch dazu ein ſchönes Kind! Scht her, es ſchläft, ſchläft ruhig, trotz des hölliſchen Wetters da draußen. Wahrlich, deſſen ſind nur Engel oder kleine Kinder fähig! Nun ſeid Ihr Vater. Ihr habt dieſes hohe Glück bisher nicht gekannt; Ihr müßt den ſegnen, welcher es Euch ge⸗ währt!

Ein neues Verbrechen, welches ſie von mir verlangt, großer Gott! ſchluchzte der Hauptmann.

Sie? von wem ſprecht Ihr? Ich verſtehe Euch nicht? Es handelt ſich um mich, um mich ganz allein; nur ich bin bei dieſer Angelegenheit im Spiel, ich und dies hübſche, kleine

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Weſen. Ein Verbrechen? Und ein Verbrechen, das man von Euch verlangte? O nicht doch Ihr verhütet vielmehr vielleicht ein Verbrechen. Dieſes Kind ſollte ſterben. Sein Tod war aber vollkommen unnöthig; denn zur rechten Zeit noch hatte ich den ausgezeichneten Gedanken, mich Eurer zu erinnern. Mein wackerer alter Freund La Ramée lebt in ſeinem einſamen Hauſe zu Vivonne ganz verlaſſen, ſagte ich mir; dieſes Kind iſt wie zum Troſt ſeiner alten Tage und ſeiner Einſamkeit geſchaffen; er wird ihm Vater ſein; er wird es annehmen und unter ſeinem eigenen Namen erziehen, wie es ein Biedermann thut. Konnte ich freundſchaftlicher handeln? Ich nahm das Kind, beſtieg mein Pferd und kam an die gaſtliche Schwelle des ſchwarzen Hauſes, für ein ar⸗ mes, obdachloſes Weſen um Aufnahme zu bitten.

Iſt das Alles, was ſie mir befiehlt?

Sie? Sie? Ihr ſeid unverbeſſerlich. Nochmals: Von wem ſprecht Ihr? Ich, ich bitte Euch um nichts wei⸗ ter, lieber Hauptmann. Unter Freunden kann wol von Be⸗ fehlen keine Rede ſein.

Wer iſt dieſes Kindes Mutter?

Was thut das zur Sache? Bildet Euch ein, verwitwet zu ſein!

Und wer iſt ſein Vater?

Wann wird man mir das Kind wieder abfordern?

Aber ſo laßt Euch doch bedeuten: Niemals.

Und ich verhüte vielleicht ein Verbrechen, ſagt Ihr? Ich erhalte dieſes arme, kleine Weſen am Leben?

Ja.

Wohlan denn; ich nehme dieſe Vaterſchaft an.

Sie ſind ein Mann zum Küſſen, mein liebſter La Ra⸗ mee. Indeß muß ich bemerken, daß dies(arme, kleine Weſen» doch nicht ſo carm' iſt, wie Ihr zu glauben ſcheint. Sucht nur nach in ſeinen Windeln; Ihr werdet dort die Beſtäti⸗ gung finden.

Gold! rief der Greis verächtlich aus;ich will es nicht; fort mit dieſem Judaslohn!

Nein, nein; ich muß Euch bitten, es zu behalten, um dem Kinde eine Eurer würdige Erziehung geben zu laſſen. Ihr verſteht doch, wie ich's meine?

Wohl; es ſei.

Wahrhaftig, Ihr ſeid der geſcheidteſte Menſch unter der Sonne, ich wußte es längſt.

Iſt Eure Sendung nun vollendet?

Meine Sendung? Ihr ſprecht wieder von einer Sen⸗ dung? Ich ſelbſt ſende mich ja; ich bin mein eigener Bote. So iſt das Alles, was ihr mir zu ſagen habt?

So gut als Alles; denn ich habe wol nicht nöthig, Euch unbedingte Verſchwiegenheit anzuempfehlen. Unter Män⸗ nern, wie wir, iſt das überflüſſig.

Ihr habt mein Wort.

Schwört Ihr, das Geheimniß unverbrüchlich zu be⸗ wahren?

Ich ſchwöre es.

Die Sache iſt abgemacht. Lebt wohl, mein guter Hauptmann; glaubt mir, dieſer Tag zählt zu den glücklichſten meines Lebens, da ich die Freude hatte, Euch wieder zu be⸗ grüßen. Lebt wohl; vielleicht auf Wiederſehen.

Der Italiener verließ das Gemach mit einem ſpöttiſchen Gruße, ſchwang ſich auf ſein Pferd und trabte im Galop von dannen.

Der Himmel war inzwiſchen klar geworden; der Haupt⸗ mann ſchaute dem vom falben Mondlicht beſchienenen Reiter nach, deſſen dunkler Mantel phantaſtiſch im Winde flatterte, und als derſelbe in der Ferne wie ein ſcheußliches Geſpenſt der Nacht verſchwand, murmelte er mit einem ſchweren Seufzer:

Gerr, mein Gott, gib, daß ich ihn niemals wiederſehe!

Dann wandte er ſich zu dem Kinde, welches e lieblichen Augen geöffnet hatte und ihm in glücklicher Unſchuld lächelnd ſeine kleinen Arme entgegen ſtreckte. Der Greis hauchte einen langen Kuß auf ſeine unentweihte Stirn, gleich⸗