Jahrgang 
1868
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627

Sprechen Sie wahr, hohe Frau? O, wer Sie auch immer ſind

Still, die Augenblicke ſind koſthar. du leben?

Ob ich es will; großer Gott! erwiderte ich trunken von Freude und Hoffnung.

Kennſt du den Weg nach Tournbn?

Ja.

Weißt du, wer zu dieſer Stunde in Tournon weilt?

Der Dauphin von Frankreich, unſer hoher Herr.

Wohl. Nimm dieſes Fläſchchen

Ich gehorchte und fragte ſeltſam beklommen:Und was enthält es?

Was kümmert das dich!

Aber was ſoll ich damit thun?

Der Dauphin von Frankreich darf Tournon lebend nicht verlaſſen.

Entſetzlich! rief ich zurückbebend und reichte jenem Dämon das Fläſchchen wieder, welches in meiner Hand wie hölliſches Feuer brannte.

Wahnſinniger, ſagte ſie ſchneidend:Du willſt alſo ſterben?

Sterben.. wiederholte ich ſchaudernd.

O, Jakob, du wirſt mir fluchen du wirſt voll Grauen dieſe Hand zurückziehen, welche du mir ſoeben noch freundlich entgegenſtreckteſt. Wie ſoll ich es dir ſagen ich hing am Leben, jung, voll blühender Hoffnungen, ein Jüngling von fünfundzwanzig Jahren, wie ich war und ich beging ein feiges, ſchändliches Verbrechen!

Vollendet! rief der athemlos lauſchende Campdaraine.

Der Dauphin von Frankreich, der Sohn Franz' I. verließ Tournon nicht lebend.

Ihr habt ihn vergiftet?

La Rameée beugte ſchweigend und von tiefem Schmerz durchwühlt das Haupt.

Und dieſe Frau dieſer Dämon wer war es?

Still, Jakob, ſtill! Dieſen Namen kann man nicht ausſprechen. Auch ich habe ſie gefragt, wer ſie ſei Da antwortete ſie mir mit einem Ton o, mit einem Ton, ſo gräßlich, daß er mir noch jetzt in den Ohren wiederhallt: Ich bin nichts, aber ich werde eines Tages Königin von Frankreich ſein.

Großer Gott! ſchrie Jakob entſetzt auf.

Still o ſtill! wiederholte der greiſe Hauptmann, du weißt noch nicht Alles. Bald ſah ich dieſes Weib wieder ich würde ſie erdolcht haben, hätte ich den Muth gehabt, mich ſelbſt ums Leben zu bringen. Ich wollte ſterben: in mehr als zwanzig Gefechten ſuchte ich den Tod auf dem Schlachtfelde er hat mich geflohen, er hat meiner geſpottet. Sieh her mein Körper iſt von Narben überſäet ich lebe ich lebe immer noch, von tauſend Qualen zerriſſen gehetzt von Gewiſſensbiſſen, von dieſem finſter grauenvollen Geſpenſte meiner Schandthat gepeinigt. O, das heißt nicht leben, das heißt tauſendmal büßen und ich ſegne Gott dafür! Ich ſah ſie alſo wieder, ſchön und ſchrecklich wie ehedem!(Du gehörſt mir!* ſprach ſie;«du biſt mein Geſchöpf. Wage, meinen Befehlen zu trotzen, und du ſtirbſt entehrt und verflucht. Ich fiel ihr zu Füßen, ich weinte, ich beſchwor ſie, mir neue Verbrechen zu erſparen, vergebens. Sie höhnte wieder, wie einſt in jenem Kerker.(Verſuche nicht zu fliehen, ich würde dich einholen und mich furchtbar rächen. Plaudere nicht, du wärſt dem Tode verfallen, du ſtürbeſt, wie ich dir geſagt. Derjenige, welcher dir meine Befehle überbringen wird, iſt mein treuer Diener; ſein Name iſt Lorenzo Borgognoni. Auf Wiederſehen, Hauptmann La Ramée!»

Der Donner rollte da oben; er zerſchmetterte das Scheu⸗ ſal nicht. Ich floh dennoch lange Zeit raſtlos nie ruhte ich zwei Nächte lang unter Einem Dach; fortwährend aber verfolgten mich die guälenden Gedanken an meine Blut⸗ that. O wie habe ich gelitten, Freund Jakob! Aber darf ich Euch noch Freund nennen? Gewiß, ich habe mein

Verbrechen gebüßt, wenn es hier auf Erden eine Buße gibt.

Antworte, willſt

Fünfunddreißig Jahre ſteter Folterqual ſollten ſie mir wohl von dem himmliſchen Richter angerechnet werden? Ich beklage mich nicht, ich habe dieſe Strafe, dieſe Gewiſſens⸗ biſſe verdient; nur Gott kann mir verzeihen.

Draußen heulte der Sturm: heftiger Donner ertönte Krach auf Krach.

Langſam erhob ſich der alte Jakob, trat zu dem weinen⸗ den Greiſe, ergriff deſſen Rechte und ſagte mild:Reue ent⸗ ſühnt! Gott ſandte ſie in Euer Herz; er hat verziehen. Ich vergeſſe!

Ihr ſeid ein edler Menſch, Jakob. Aber ich ich kann nicht vergeſſen und ſie dieſer von der Hölle aus⸗ geſpieene Teufel hat ſie vergeſſen?

Wer ſollte Euch hier in Vivonne ſuchen?

Es iſt wahr, Ihr habt Recht, Freund. Vivonne iſt weit von Paris, und wer kann ahnen, wo ich mich verberge!

Krachend ſchlug der Blitz einen Baum in der Nähe des ſchwarzen Hauſes in Trümmer.

Gnade, mein Herr und Gott! murmelte der Greis in die Kniee ſinkend.

In dieſem Augenblick hörte man den Galop eines Pfer⸗ des ſchauerlich tönten die Hufſchläge durch die Nacht. Der Reiter hielt vor dem alten Gebäude an; er ſtieg von ſeinem Thier herab und that drei Fauſtſchläge an die Thür⸗

Was iſt Euer Begehr? rief Jakob hinaus.

Ich verlange den Hauptmann La Rameée! war die Antwort.

Wer ſeid Ihr?

Lorenzo Borgognoni!

3. Das ſeltſame Geſchenk.

Der Hauptmann La Ramee taumelte in die Arme ſeines Freundes, indem er ein dumpfes Geheul ausſtieß, ähnlich dem eines gehetzten Raubthieres. Jakob führte ihn zu ſei⸗ nem Lager und ſich zu ihm neigend, flüſterte er ihm leiſe zuMuth, Freund, Muth; noch darfſt du hoffen!

Bei der Hölle, öffnet! ſchallte es von draußen.

Der Klang dieſer Stimme ſchreckte den Greis aus ſeiner Betäubung auf. Bleich wie ein Schemen richtete er ſich in die Höhe, fuhr mit der Hand über ſeine von kaltem Schweiß be⸗ deckte Stirne, erhob die Augen zum Himmel, ſchöpfte tief Athem und ging dann feſten Schritts gegen die Thür, um zu öffnen!

Ein Mann trat ein, welcher von einem weiten, dunkeln

Mantel ganz eingehüllt war; auf dem Kopfe trug er einen

breitkrämpigen Filzhut, welcher ſeine Züge tief verſchattete.

Mit einer raſchen Bewegung ſchüttelte er den Regen ab, von dem er troff, nickte den beiden Freunden leicht zu und ſetzte ſich ohne Weiteres auf den nächſten Schemel, indem er ſagte:

Traun, ein ſchlechtes Quartier für einen Mann, wie der Hauptmann La Ramte. Ah welches Wetter, meine Herren, welches Höllenwetter! Wahrhaftig, man muß große Sehnſucht nach Eurem Anblick haben, um ſich zu ſolcher Stunde auf den Weg nach Vivonne zu wagen. Allein was thut man nicht für das Vergnügen, Euch zu ſehen und zu ſprechen!

Genug des Hohns! rief der Greis. von mir?

Ich hatte ſoeben die Ehre, es Euch zu ſagen.

Die Züge des Sprechers ließen auf ein Alter von etwa funfzig Jahren ſchließen. Er war von ſchlankem, kräftigem Wuchs, und ſein Auftreten kennzeichnete den Höfling. Sein langes, ſchmales Geſicht war von vornehmer Bläſſe; der Mund feingeſchnitten und den Spötter verrathend; die Augen ſchwarz und feurig. Das Alter ſchien an dieſem Manne machtlos vorbeigegangen zu ſein; denn ſeine langen Haare waren ſchwarz wie ſeine Augen, und auf ſeinen Zügen lagerten nur wenige Fältchen. Seine ſarkaſtiſchen Mienen ſtachen gewaltig gegen den finſtern, trotzigen Ausdruck in des Hauptmanns Geſicht

Was wollt Ihr