Jahrgang 
1868
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erfuhr Niemand etwas Näheres über den Hauptmann, in deſſen Haltung überdies eine Würde, eine Hoheit ausgeprägt lag, welche jede vertrauliche Annäherung entfernt hielt.

Ein Gaſtwirth wäre, wie man nach dem Vorangegangenen zu glauben berechtigt iſt, in Vivonne eine ſehr überflüſſige Perſon geweſen; nichts deſto weniger wies der Ort ein Gaſt⸗ haus auf. Es führte das Wahrzeichen:Zu den drei Kronen, und Denis le Roh und ſeine brave Ehehälfte, Guillemette Moulard, waren ſeine Beſitzer. Wenn es in der Welt einen glücklichen, kreuzfidelen Menſchen gab, ſo war es Denis le Roy vielleicht weniger als Gaſtwirth, denn als Familienvater. Schon hatte ihm ſeine liebe Guillemette ſechs pausbäckige, herzige Engelchen geſchenkt, und am Tage des Beginns unſerer Erzählung am 3. October des Jahres des Herrn 1571 läutete früh Morgens das helle Kirchen⸗ glöcklein von Vivonne die Taufe des ſiebenten ein.

Ehrlich, wie Gaſtwirthe nicht immer ſind, pflegte Meiſter Denis le Roy die wenigen Fremden, welche der Zufall in ſein Haus führte, nicht zu übertheuern, und das Jahr galt bei ihm als ein geſegnetes, in welchem er in ſeine große Eichen⸗ truhe funfzig blanke Thaler mit dem Bildniß des Königs von Frankreich einzählen konnte; ſein größtes Glück aber war, wenn er ſeine geliebte Hausfrau mit einem neuen und kleid⸗ ſamen Anzug begaben konnte.

Guillemette war aber auch die beſte Wirthin, welche man ſich denken kann; geſchickt, thätig, fromm, freundlich und dienſt⸗ fertig gegen Jedermann, ſchien ſie ſo recht geſchaffen, überall nur Glück und Segen zu verbreiten. Allabendlich, wenn die ganze Familie in rührender Frömmigkeit beim Angelusläuten die Knie vor einem an der Wand hängenden Crucifix beugte, erhob Guillemette ihre Stimme:

Lieber Vater im Himmel, wir lieben dich, weil du uns ſo glücklich, ſo zufrieden leben läſſeſt; vergib uns unſere Sün⸗ den und ſegne alle Menſchen ſo reichlich, wie uns!

2. Der nächtliche Reiter.

Der ſchönſte Tag endet oft mit düſterm Himmel, wohl gar mit Sturm. Am Abend des 3. October verfinſterte ſich plötzlich der Horizont, und während in denDrei Kronen helle Fröhlichkeit herrſchte, entlud ſich draußen ein entſetzliches Ungewitter.

Vivonne, welches nur an blauen, ewig lachenden Himmel gewöhnt war, bekam ein verzweifeltes Anſehen: Die große Straße wurde öde, der Regen goß in Strömen, blendende Blicke zuckten durch die ſchwarzen Wolkenmaſſen hin, dumpf grollte der Donner, alle Elemente waren in Aufruhr. Die Männer verſchloſſen in Haſt die Thüren und Fenſter, indeß ſich die Weiber bekreuzten. Heulend rüttelte der Sturm an den Gebäuden, und Jedermann dachte angſtvoll an das ſchwarze Haus; denn es ſchien unmöglich, daß dieſes einem ſo wüthen⸗ den Orkan Widerſtand zu leiſten vermöchte.

Plötzlich hörte man mitten in dem Lärmen der entfeſſel⸗ ten Elemente den Hufſchlag eines Pferdes durch die Nacht ertönen. Schnell, wie der Wind, welcher daherſauſte, eilte der nächtliche Reiter vorüber und entfernte ſich in der Richtung nach dem ſchwarzen Hauſe hin.

Wer kann in ſolcher Stunde und in ſolchem Wetter den Muth haben, unterwegs zu ſein! rief Meiſter Denis le Roy, das kann ja kein Teufel aushalten!

O Freund, ſprich nicht vom Teufel, verſetzte Guillemette bebend, welche den Säugling auf ihren Armen ſchaukelte, das bringt Unglück! Es iſt vielleicht ein armer Eilbote, der vor dieſem furchtbaren Sturm gern eine Zuflucht ſuchte, es iſt unſere Pflicht, ihm eine ſolche anzubieten!

Wohl geſprochen, Guillemette; h ill ihn herein rufen. Gewähren wir ihm Obdach. Das iſt nicht nur unſere Pflicht, ſondern auch unſer Handwerk. Danit eilte Meiſter Denis hinaus, um die Thür ſeines Gaſthauſes zu öffnen, aber ein heftiger Windſtoß warf ſie wieder ins Schloß. Der Regen peitſchte ihm das Geſicht, es

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war unmöglich, nur einen Schritt weit zu ſehen, und zudem hatte ſich der nächtliche Reiter bereits ſo weit entfernt, daß man den Hufſchlag ſeines Pferdes nur noch ſchwach vernahm.

Der Kronenwirth kehrte unverrichteter Sache zu ſeiner Frau zurück.Dieſer Menſch muß närriſch ſein, Guillemette! ſagte er zu ihr.

Vielleicht iſt es ein entſprungener Gefangener! ent⸗ gegnete ſie.

Ganz gewiß; du haſt Recht wie immer!

Beten wir für ihn, Freund, und für uns ebenfalls, denn es iſt Schlafenszeit!

Vor dem Thore des ſchwarzen Hauſes bewegte ſich eine dunkle Geſtalt; mehrere heftige Schläge ertönten gegen die wurmſtichige Thür des alten Gebäudes.

Wer iſt da?

Oeffnet, öffnet, Hauptmann La Ramee; ich bin es, Euer Freund Jakob von Campdaraine!

Wie, Ihr ſeid es? O, kommt geſchwinde herein, er⸗ widerte die Stimme.Wer kann bei ſolchem Höllenwetter auf Beſuch gefaßt ſein!

Der alte Waffengefährte des Hauptmanns trat eiligſt unter deſſen beſcheidenes Dach. Das Innere des ſchwarzen Hauſes entſprach ganz ſeinem Aeußeren: vier nackte, weiße Wände, deren einzigen Schmuck eine ſchon vom Roſt zer⸗ freſſene Rüſtung bildete, zwei Holzſchemel, ein wackeliger Tiſch, in einer Ecke ein ärmliches Lager und neben einer aufge⸗ ſchlagenen Bibel eine flatternde Lampe, um dies Bild des Elends zu beleuchten.

Ich zähle funfzig, Hauptmann La Ramée, ſagte der Ankömmling,allein in meinem ganzen Leben habe ich einen ähnlichen Sturm noch nicht erlebt. Der Himmel weint, wie es ſcheint, über die ſündhafte Welt. Mein Gott welche Waſſerflut!

Und Ihr verlaßt Euer allerliebſtes weißes Haus, um

in ſolchem Regen nach dem ſchwarzen Hauſe zu kommen?

Wahrhaftig, das muß ich hoch aufnehmen, Freund Jakob.

Das Unwetter hat mich unterwegs überraſcht, wie ein Unwetter immer thut. Ich hatte mich zu Euch auf den Weg gemacht, Hauptmann; Sapperment, es geht mir, wenn ich Euch einmal vierundzwanzig Stunden nicht geſehen habe, wie, ich weiß nicht welchem römiſchen Kaiſer; ich möchte mir zurufen: Der heutige Tag iſt mir ein verlorener!

Ihr habt wohl daran gethan, zu kommen, Freund Jakob. Wenn es donnert, iſt mir das Alleinſein ſchrecklich es erinnert mich an die traurigſte Epiſode meines Lebens. Ihr ſeht, ich verſuchte meine Gedanken durch Leſen zu ver⸗ jagen und mich durch die Bibel zu tröſten. 3

Recht ſo; leſet nur. Ihr könnt ja leſen: das iſt ein Glück, um welches ich Euch beneide. Dieſe Kunſt lernt ſich nicht im Kriege, ich aber habe mein Leben lang nur die Klinge

in der Fauſt gehabt und nichts davon getragen, als Narben

nun, das iſt eben kein beneidenswerthes Glück!

Ein heftiger Donnerſchlag unterbrach den Sprecher und machte den Hauptmann La Ramce erbeben.

Ich erſticke! rief der Greis, indem er ſich jäh erhob. O, dieſe Bilder dieſe Erinnerungen! Er ſchlug die Hände vor das Geſicht und ſchwieg lange Zeit.Dreißig Jahre ſind verfloſſen, fuhr er endlich fort,und ich kann nicht vergeſſen! Höret mich, Jakob o, höret mich; dies Geheimniß tödtet mich, ich muß reden! Wie ein Rachegeſpenſt heftet es ſich an meine Sohlen ich ſehe es ſehe es immerfort da dort es droht es befiehlt es würgt mich! Es donnerte an jenem Abend ebenfalls. Ef war der 3. October 1536. Ich war bei einem Scharmütz kriegsgefangen worden; in einer Stunde ſollte ich ſterbe Da trat eine junge, ſchöne Frau in meinen Kerker.

Du biſt dem Tode verfallen, ſprach ſie zu mir.

Ich weiß es. Sind Sie gekommen, mich in mein letzten Stunde zu verhöhnen, zu kränken?

Ich bringe dir Leben! war die Antwort.

O gütiger Himmel, ſchrie ich jauchzend.

Und Freiheit!