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s Volksblatt.— Herausgeber: Hans Wachenhuſen.
NI. Jahrgang. 1868. ₰ℳ 40.
Der Erbe eines Thrones.
Novelle von Hermann Uhde.
1. Das ſchwarze Haus.
nter der Regierung König Karl's M. von Frankreich 4560— 1574) war Vivonne nur ein unbedeutendes Dorf der Provinz Poitou, welches, an den üppigen
Ufern des Clain gelegen, nur etwa funfzig Feuerſtellen zählte.— Der ewig wolkenloſe Himmel, die Nähe des ruhigen, klaren
Stroms und die ringsum grünende reiche Vegetation übte auf den Charakter der Bevölkerung den wohlthuendſten Einfluß aus. Die Dörfler wohnten glücklich und faſt wie Glieder Einer großen Familie beiſammen— ſpurlos waren die Stürme der Zeit an Vivonne vorüber gegangen, ſelbſt die Belagerung der Provinzialhauptſtadt Poitiers durch den Admiral Coligny hatte trotz der geringen Entfernung dieſes Ortes für Vivonne keinerlei Nachtheile im Gefolge.
Zwar zogen oft Heeresabtheilungen königlicher Arkebuſiere die große Straße des Dorfes entlang— man kann ſo ſagen, denn es war nur eine vorhanden— auch Regimenter Cavalerie und Fußvolk, aus der Touraine kommend, berührten biswei⸗ len Vivonne auf dem Marſche, allein der dröhnende Hufſchlag der Pferde und der Lärm der Waffen war auch das einzige Geräuſch, welches in dem ſtillen Orte erſchallte.
Ohne Ehrgeiz, ohne Wünſche kannten die guten Land⸗ bewohner nur die Arbeit und die Erholung im trauten Kreiſe der Familie; arm, aber ohne Bedürfniſſe, unwiſſend, aber zu⸗ frieden in ihrer Beſchränktheit, verſammelte ſie jeder Sonntag in großer Anzahl in der Kirche, wo ſie fromm und kindlich den Worten ihres alten Pfarrers Euſtache Cocquerel lauſchten.
Ganz am äußerſten Ende der Straße erhob ſich ſeitwärts von dem Wege, welcher nach Poitiers führt, ein einſam ſtehen⸗ des Haus. Es war halb verfallen, vernachläſſigt, vom Zahn der Zeit arg beſchädigt, aber um die kleinen, blinden Fenſter⸗ ſcheiben rankte ſich friſches, ſaftiges Grün. Ein anſtoßendes Gärtchen zeugte von aufmerkſamer Pflege: Blumen ſind ja
die vornehmſten Schätze der Armen.
Die Bauern nannten dies Gebäude allgemein„das ſchwarze Haus.“ Ein vorüber eilender Wanderer hätte es für unbewohnt halten können, ſo ſtill ging es in ſeinen Mauern zu, allein wenn die Sonne zur Rüſte gegangen, der Abend dämmernd niedergeſunken war und die Sterne am Himmel aufzogen, dann öffnete ſich leiſe die niedere Thür des ſchwarzen Hauſes, und auf der Schwelle erſchien die Geſtalt eines Mannes mit weißem Haar, mit verſchloſſenen Geſichtszügen und düſterem, trübem Blicke.
Wachenhuſen's Hausfreund. XI. 14.
Man nannte ihn in Vivonne allgemein Hauptmann La Ramée.
Ein Jahr war verfloſſen, ſeitdem in dem Orte ein armer Hirt, Namens Etienne Granger geſtorben war, ohne Erben zu hinterlaſſen.— Seine ganze Habe beſtand nur aus dem alten Hauſe, welches Niemand haben mochte; denn es ſah aus, als ob der erſte heftige Windſtoß es über den Haufen werfen würde. Zudem hatte Jedermann ſein eigenes Domicil, welches vom Vater auf den Sohn vererbte, und ſomit blieb das ſchwarze Haus wochenlang herrenlos und verlaſſen.
Eines Morgens jedoch hörten die Landleute, welche der Weg nach ihren Feldern an dem Gebäude vorüber führte, zu ihrem großen Erſtaunen darin ſprechen. Die Bauern glaubten an nichts Geringeres, als an einen hölliſchen Spuk und woll⸗ ten ſchon eilenden Laufs ihren Pfarrer herbeiholen, um den Böſen auszutreiben, als ſich plötzlich die Thür des Häuschens aufthat und Seine Ehrwürden, der greiſe Euſtache Cocquerel, ſelbſt erſchien. Der Schrecken ſchwand, aber an ſeine Stelle trat bei den Bauern die größte Neugierde auf die kommen⸗ den Dinge.
„Meine Kinder“, redete der würdige Mann ſeine Ge⸗ meindemitglieder an:„Ihr habt jetzt einen Genoſſen, einen Bruder mehr. Es iſt ein alter treuer Diener unſeres Herrn, des Königs; bringt ihm Liebe und Achtung vor ſeinen grauen Haaren entgegen! Der Nachfolger des Hirten Etienne iſt der Hauptmann La Ramée!“
„Es lebe der Hauptmann La Ramee!“ rief die Menge, und von dieſem Tage an zählte er mit unter die Einwohner von Vivonne. Man wußte über den Greis nichts weiter, als was der Prediger von ihm erzählt hatte; allein Niemand wagte den Schleier, welcher die Vergangenheit des neuen Ankömm⸗ lings deckte, in dreiſter Neugier zu lüften. Wenn er am Abend in ſeiner Hausthüre ſtand, oder auf dem Bänkchen von roh behauenem Holze in ſeinem kleinen Garten ſaß, ſo grüßten ihn die Vorübergehenden aufs Ehrerbietigſte, und er dankte freund⸗ lich wieder. Nur ſelten glitt ein Lächeln über ſeine ernſten, gefurchten Züge. Niemand aber hatte noch gewagt, ihn an⸗ zureden, außer einem in der Nachbarſchaft lebenden Ritterguts⸗ beſitzer, Jakob von Campdaraine, der in ihm einen alten Waffengefährten erkannte, und Simon Garlande, einem jungen Landmann, welcher ihm angeboten hatte, ſeinen Garten be⸗ ſtellen zu helfen. Jakob war in der Umgegend dep Einzige, welcher den Krieg mitgemacht hatte, und da er ſehr ver⸗ ſchwiegen war und Simon Garlande ſelbſt nichts wußte, ſo
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