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Der alte Herr fixirte mich ſcharf. „Wo lebt, wo wohnt ſie?“ fragte er, meine Hand ergrei⸗ Ich aber mußte den armen Herrn ſchändlich belügen, weil ihm nicht die Wahrheit ſagen durfte, und vielleicht iſt er noch ſte auf der Jagd nach ſeiner Catalina! Niemand war mehr überzeugt, daß Bücherſchreiben ein Ver⸗ chen ſei, als der Herzog von Naſſau; denn gerade dieſes ch war es, was ihn einen grimmigen Haß auf mich faſſen ß. Als er dieſen Roman geleſen, ſagte er zu ſeinen Häſchern: reift mir den Mann, der da behauptet hat, ich ſei der Beherr⸗ er einer Spielhölle und mein Reich ſei nichts, als eine Mauſe⸗ alle des Satans! Der arme Herzog aber hat ſeinen Proceß mit mir verloren,
und das war gewiß der erſte Proceß, den ein Armer gegen einen
Mächtigen gewonnen hat. Er trägt jetzt nicht ein bischen mehr Krone auf dem Kopf als ich, und ob er drinnen mehr trägt, darauf laſſe ich es auch ankommen.
Der Herzog von Naſſau und ich, wir ſind jetzt beide Privat⸗ leute; er trinkt in Paris ſo gut ſeinen Curagao um die Abſynth⸗
ſtunde wie ich, und ſein früherer Polizeiminiſter wäre ſoeben um
ein Haar zum Bürgermeiſter von Wiesbaden erwählt worden, wozu er gewiß mehr Talent hat als zum Polizeiminiſter, was ich ihm vor drei Jahren bewieſen habe.
Der frühere Polizeimeiſter von Wiesbaden und ich, wir ver⸗ tragen uns vortrefflich, weil wir Beide jedes Intereſſe für ein⸗ ander verloren haben. Die Croupiers machen mir keine böſen Geſichter mehr, weil ich ſie die Raſtelbinder des Satans genannt habe, und meine Freunde in Wiesbaden, als ich nach dreijäh⸗ riger Verbannung wieder hier eintaf, ſchüttelten mir die Hand und ſagten: es freut uns, Sie wieder zu ſehen.
Ich wette darauf, es wäre ihnen ebenſo gleichgültig geweſen, wenn der Herzog von Naſſau mich drei Jahre als Hochverräther auf der Maxburg eingeſperrt hätte.
Der Leſer verzeihe mir meine Schadenfreude über das Schick⸗ ſal des Herzogs von Naſſau; aber es liegt ja in der Natur des Menſchen, der auch deshalb das Sprichwort erſunden hat: wer Andern kein Vergnügen gönnt, fällt ſelbſt hinein.
Sprechen wir von Wiesbaden, wo es augenblicklich am Orte ſein würde, Berliner Photographien zu ſchreiben. Denn ſie ſind alle hier, die geheimen und die öffentlichen Räthe, die Adler- und die Kronenorden, die großen und die kleinen Rentiers mit dem letzten Schatten des Unmuths über die Abſchaffung der Schuldhaft auf dem Geſicht. Sie ſitzen unter den Orangen am Teich und ſpre⸗ chen von der erhöhten Miethsſteuer und von den geheimen Reiſe⸗ abſichten des Prinzen Napoleon, obgleich die franzöſiſchen Zei⸗ tungen ſchon verrathen haben, daß der Prinz nur nach Wien ge⸗ reiſt ſei, um ſich dort eine Meerſchaum⸗Pfeife zu kaufen, und über Konſtantinopel zurückkehre, um von dort den dazu nöthigen tür⸗ kiſchen Taback mitzubringen. Sie ſprechen von den erſtaun⸗ lichen Wirkungen der Gewäſſer, die ſie getrunken, und der Bäder, die ſie genommen; und von den Chancen der Roulette, der gold⸗ klappernden Kaffeemühle, an der Louiſe geſtern zwei Napoleons gewonnen, um ſich gleich dafür den reizenden Nizza⸗Hut zu kaufen. Louiſe ſchwärmt ſeitdem auch für die Redlichkeit der Spielbank und begreift nicht die humaniſtiſchen Abſichten, welche das trente et quarante zu ſchließen befohlen und die Sprengkugeln für den bevorſtehenden Krieg abſchaffen, weil es unmoraliſcher, einen Men⸗ ſchen für ſein ganzes Leben lang auszubeuteln, als ihn mit einer rechtſchaffenen Kugel mauſetodt zu ſchießen, kein Menſch weiß, wofür.
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Es wird am beſten ſein, meine Bade⸗Photographien in aphoriſtiſcher Tagebuchform zu halten, in welcher der Leſer bei der herrſchenden Hitze immer den Faden wieder finden wird.
Als ich nach Beendigung des Donaukrieges nach Varna kam, wo eben die Einſchiffung nach der Krim geſchehen ſollte, war während des Krieges der let Viaſter verzehrt oder auf der Trommel verſpielt. Ich mußte nach Konſtantinopel, um mir Geld zu holen. Wie aber nach Konſtantinopel reiſen, wenn man das Dampfſchiff nicht bezahlen kann?*
Ich ging zum Agenten des Lloyd⸗Dampfer, um ihn zu
bitten, er möge mir und einem Kameraden geſtatten, das Paſſa⸗ giergeld in Konſtantinopel nach unſerer Ankunft zu bezahlen.
Als ich in den untern Salon des Agenten(des italieniſchen Conſuls) trat, war ſeine Tochter eben im Begriff, die Tafel zu decken und die ſilbernen Gabeln und Löffel zu den Couverten zu legen.
Ich trug der jungen Dame mit großer Höflichkeit mein An⸗ liegen vor, den Papa ſprechen zu wollen; äber wie das in einem ſo wilden Kriege nicht anders möglich, ich ſah aus wie ein tür⸗ kiſcher Räuberhauptmann oder wie ein Baſchi⸗Bozuk, unter wel chen ich gelebt, und die junge Dame maß mich deshalb mis⸗ trauiſch von oben bis unten.
Aber ich war noch ſehr jung und trug einen großen, blon⸗ den Schnurrbart, dem junge Damen öfters etwas zu Gefallen thun. Und ſo ſagte ſie mir denn, ſie wolle den Vater rufen, obgleich er um dieſe Zeit nicht zu ſprechen ſei.
Ehe ſie aber hinaus ging, packte ſie alle ſilbernen Löffel und Gabeln in ihre Schürze, weil ſie nicht wußte, was ſie mir in Bezug auf Werthgegenſtände zutrauen ſolle.
Alſo iſt es mir in meiner literariſchen Carriere vft ergangen. Wohin ich komme, packen ſie Alles bei Seite, damit ich nichts darüber ſchreiben ſolle. Sie verſtecken ihre ſchönſten Eigenthüm⸗ lichkeiten, um ſie nicht für die Oeffentlichkeit misbrauchen zu laſſen. Sie knöpfen ſich bis unter das Kinn zu, als trügen ſie Banknoten in der Bruſttaſche..
Jeder fragt: Sie wollen wol über die Wiesbadener Geſell⸗ ſchaft ſchreiben? und bringt ſchnell ſeine Silberſachen bei Seite.
So ſind die Menſchen alle, die weißen und die ſchwarzen. Als ich einmal in Algier das Feſt des großen Heiligen Sidi⸗ Ben⸗Schulze oder„Neumann(ich erinnere mich ſeines Namens nicht mehr genau) mitmachte, war ein reiſender Maler bei mir. Mein Rafael ſah kaum einen rieſigen Nigger an der Ecke eines
Gurbi ſitzen, der in einem Korbe ſchwarze Feigen und Datteln
feil hielt, als er ſich auf einen umgeſtürzten Baumſtamm ſetzte, ſein Skizzenbuch öffnete und ſich daran machte, den Nigger zn zeichnen.
Der Neger ſah ihm einige Minuten zu. Dann plötzlich ging ihm ein Licht auf; er errieth, daß der Maler ihn abzeichne. Heimtückiſch griff er in ſeinen Feigenkorb, wählte die weichſten, faulſten Feigen heraus, wartete den Moment ab, wo der Maler die Naſe auf ſein Skizzenbuch verſenkte, und ſchleuderte ihm die faulen Feigen ſo heftig ins Geſicht, daß der arme Burſche ge⸗ rade ſo ſchwarz ausſah wie der Neger.
So ſind ſie Alle, ſage ich, die Schwarzen und die Weißen,
Sie wollen ſich nicht abmalen laſſen. Aber wir werden ſie den⸗ noch kriegen. —
Es gibt viele Leute, die nach Wiesbaden kommen, und die Badeliſte ſummirt demnach ſchon gegen 18,000, die gekommen und gegangen ſind. Wer eine ſchwere Zunge hat, leſe ſich laut und vernehmlich dieſe Badeliſte vor, und wenn es ihm endlich gelungen iſt, alle die unmöglichen Namen, die beſonders Ruß⸗ land und Polen hierher ſenden, zu artikuliren, ſo kann er ein Cicero werden. Der Herr Twiß van der Does de Byk aus Leyden, die Herren Marpahniewsky und Borokolonioff aus Pe⸗ tersburg, Herr Schmierlein aus Frankfurt, Herr Papapopolos aus Athen und vermuthlich auch die Mamapopolos, ſowie der Groß⸗ und Urgroßpapapopolos, ſie ſind alle hier und noch viele Andere, die gewiß nur in Folge einer vieljährigen Uebung dahin gelangt ſind, ihre verzweifelten Namen geläufig und ohne Vor⸗ lage ſchreiben zu können.
Die Einen kommen, um die Cur zu gebrauchen und tragen in Gedanken ſtets ihre Badewanne mit ſich herum. Sie ſind glücklich, wenn nach dem zehnten oder zwanzigſten Bade der Rheumatismus aus Abſcheu vor dem ſchmuzigen Waſſer ihnen Adieu ſagt, um ſie zu Hauſe wieder zu erwarten. Die Andern kommen um des Spiels willen, und ſie ſind nicht immer glücklich, wie die einfachſte Berechnung lehrt, daß die Bank hundert Gäſte ausziehen muß, um zehnen ein Almoſen zu geben; woher denn auch der Name Hazard ſtammt. Eine ganze Menge noch An⸗ derer kommen um gar keiner Zwecke willen; aber wenn ſie wirk⸗
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