Jahrgang 
1868
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junger Mann, Enthuſiaſt vom reinſten Waſſer, durchdrungen von der Ueberzeugung, daß ihn Gott zum Wegweiſer der ſündigen Menſchheit auf der Straße des Heiles auserkoren habe; ein viel⸗ beſchäftigter Photograph, ein ſteieriſcher Pfarrer, der ſich mit ſeinem Biſchofe zerſchlagen, endlich ein wenig beſchäftigter Doctor der Medicin, früher Jude, dann Ultramontaner und jetzt deutſch⸗ katholiſcher Demokrat und offenbar ein wenig am Größenwahn leidend. Die katholiſche Geiſtlichkeit, welche die Sache zunächſt an⸗ geht, benimmt ſich bis jetzt ziemlich klug und vermeidet es, durch geiſtliche Hausmittel wie Excommunicationen und dergleichen, dieſen Führern der Bewegung zu einem billigen Martirium zu verhelfen.

Einige Zeit verweilte ein Gaſt von hervorragender Bedeutung in unſeren Mauern Prinz Napoleon. Die politiſchen Blätter heſteten ſich mit ſolcher Ausdauer an ſeine Ferſen und ſchilderten ſeine Perſönlichkeit und Alles, was damit in Zu⸗ ſammenhang gebracht werden konnte, mit ſolch minutiöſer Genauigkeit, daß nicht ein Chemiſettenknopf unbeſchrieben blieb. Sie berichteten ihren Leſern, was Prinz Napoleon ißt und was er trinkt, woher er ſein Cigarrettenpapier bezieht, und wie ſpröde er ſich gegen die Wiener Demi⸗Monde des Volksgartens benimmt. Der Eindruck, den er auf die Wiener Bevölkerung gemacht hat, iſt im Ganzen kein ungünſtiger. Man findet, daß er beinahe ſo lebt, wie ein Fremder von Diſtinction, der zu ſeinem Vergnügen reiſt. Höchſt wahrſcheinlich macht er die Etiketteangelegenheiten

ſo kurz wie möglich ab, um den größeren Theil ſeiner Zeit dem

Vergnügen zu widmen. Er geht wie andere Menſchenkinder im

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Sommer täglich baden und beſucht die Theater, ja ſogar die Bildergalerien und Muſeen, was ſonſt Potentatenſprößlinge nicht zu thun pflegen. Doch theilt er mit dieſen auch das Intereſſe für militäriſche Anſtalten, wie die Centralequitation; ließ ſich auf die Schlachtfelder von Wagram und Aſpern führen und widmete beinahe einen ganzen Tag dem Arſenal. Dort wurde der ſpecifiſch öſterreichiſche gezogene Achtpfünder, auf den ſich unſere Artilleriſten nicht wenig einbilden, revidirt, und dann ließ ſich der Prinz vor⸗ ſchießen, nämlich aus alten ärariſchen Gewehren, die nach dem Syſtem Wänzel in Hinterlader umgewandelt worden waren. Die Büchſenmeiſter waren im Stande, in zwei Minuten zweiundvierzig Schüſſe abzufeuern, die ſämmtlich die Scheibe trafen; doch läßt ſich hieraus noch nicht berechnen, in welches Verhältniß künftig Wänzel zu Dreyſe und Chaſſepot treten wird. Mit Viſiten hatte der Prinz viel Malheuv. Als ihn der Kaiſer beſuchte, lag er gerade entkleidet auf dem Ruhebette, desgleichen ſeine Adjutanten, und ſeine Majeſtät mußte beinahe eine Viertelſtunde antichambriren, ehe ihn der Prinz halbwegs anſtändig empfangen konnte. Noch ſchlimmer erging es dem Könige von Hannover. Als Prinz Napoleon bei der Villa Braunſchweig in Hietzing vorfuhr, war daſelbſt zufälligerweiſe gerade Niemand zu Hauſe, und er mußte ſich begnügen, ſeine Karte abzugeben, ohne den König ge⸗ ſprochen zu haben; und als der König von Hannover imHötel Lamm erſchien, um ſeine Gegenviſite abzuſtatten, mußte es ſich abermals durch einen merkwürdigen Zufall ſo ſigen, daß Prinz Napoleon kurz vorher fortgefahren war.

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Bade-Photographien.

Ich reiſe, du reiſeſt, er reiſt, wir reiſen u. ſ. w. Ich be⸗ dauere Diejenigen, welche zu Hauſe bleiben müſſen, und ich bedauere

auch diejenigen, welche bei ſo afrikaniſcher Hitze auf den Land⸗ ſtraßen umher keuchen müſſen, obgleich ſie es nicht nöthig haben. Wachenhuſen's Hausfreund. KI. 13.

Ich bedauere endlich auch mich ſelbſt,

der ich Bade⸗Photographien liefern muß, weil ich glaube, daß ich es nöthig habe.

Mancher meiner Leſer wird dies vielleicht nicht einſehen; aber wir Schriftſteller ſind nicht minder zu beklagen als die

Frauen, für deren Erwerbsfähigkeit ſo viel geſchrieben wird, wäh⸗

rend Niemand von unſerer ſocialen Lage Notiz nimmt. Sie müſſen von der Nadel, wir von der Feder leben. Sie haben ihre reichen Fabrikanten, wir unſere Verleger, die uns zuweilen einladen, in ihren Equipagen Platz zu nehmen.

Und der Fluch heſtet ſich natürlich an unſere Ferſen, wie an Alle, die das Mühſal dieſer Welt tragen. Wenn ich das Coupé betrete, geht's mir wie dem Verbrecher, der auf jeder Station ſein Signalement zu ſehen fürchtet. Die literariſche Induſtrie hat ſich in die Bahnhöfe geworfen, und die Colporteure offeriren mir mit der unbefangenſten Geſchäftsmiene meine un⸗ ſterblichen Werke in den bunteſten Deckeln, auf denen die rüh⸗ rendſten Scenen abgemalt ſind, deren ich mich ſelber gar nicht mehr entſinne. Ich muß offenbar oft ſehr bedenkliche Mittel in meinen Romanen angewendet haben; denn ich ſehe auf dieſen Deckeln blutige Ereigniſſe und Familienconflicte abgebildet, die nimmermehr mit rechten Dingen zugegangen ſein können.

Als ich kürzlich in Köln das Coupé wechſelte, fand ich mich einem ältern Herrn gegenüber, der die letzten Kapitel eines Ro⸗ mans zu leſen im Begriff war. Erſt als er das Buch geendet, legte er es mit verdrießlicher Miene neben ſich und brummte et⸗ was vor ſich hin.

Da haſt du wieder einen Reiſenden um ſeine gute Laune gebracht! dachte ich bei mir, denn ich trug wirklich einige Schuld an dem BucheRouge et noir. Allmählich indeß wurde der alte Herr wieder geſprächig.

Es iſt wirklich ein Elend mit dieſen Dichtern! rief er, ſeine Cigarre zum Fenſter hinaus werfend.Da bringt mir der Wachenhuſen das ſchönſte Weib um, das je in der Phantaſie eines Dichters exiſtirt haben kann! Dieſe Catalina iſt ein Weib, um deſſen willen ich trotz meiner ſechzig Jahre noch eine Dumm heit begehen könnte.

Um Verzeihung, wandte ich ein,dieſe Catalina hat wirklich gelebt, ja ſie lebt heute noch, obgleich ſie in dem Buche aus poetiſcher Nothwendigkeit umkommen mußte!

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