— 616
mand freut ſich deß mit Ausnahme der Polizei, welche zur Auf— rechterhaltung der Ordnung bei der Praterfahrt commandirt war. — Auch Ihr Correſpondent hat Grund zu trauern. Noch nie⸗ mals hat er die Praterfahrt verſäumt.
Nachmittags um drei Uhr faßt er in der Hauptallee Poſto, muſtert die neuen Equipagen und Livreen, beſpöttelt die alten Wagen, die friſch lakirt worden ſind, und die Lakaien, die zum erſten Mai nur neue Perrüken und Rockbordüren bekommen haben, unterzieht Reiter und Reiterinnen einer ſcharfen Kritik und wan⸗ dert nach vier Uhr, wenn auch der Hof ſeine Runde gemacht hat, und in dem reſervirten Theil des Praters, dem ſogenannten Kaiſergarten, ſpeiſt, in den„Wurſtel“. Dort kann man ſich wiegen laſſen, die Schlagkraft probiren und elektriſirt werden (von Leydener Flaſchen). Kinder laſſen ſich ſchaukeln, hutſchen, reiten im Ringelſpiele. Ungariſche Soldaten tanzen bei den Klängen einer Zigeunermuſik auf dem Raſen Cſardas, in Fürſt's Singſpielhalle„dudelt“ die feſche Kirchhöfer, Volksſänger und ambulante Profeſſoren der Magie ſpeculiren auf das Kleingeld unſerer Taſchen. Einige Schritte weiter gerathen wir zwiſchen ein halbes Hundert Buden, deren ganz außerordentliche, noch nie dageweſene Wunder ebenſo viele Ausrufer mit Stentorſtimme verkünden.
„Nurr, nurr herrrrein ſpaziert, meine Herrrren, die Vor⸗ ſtellung wird gleich beginnen!“ Der„Wurſtel“(eine ſpezifiſch Wieneriſche Marionette) den Juden erſchlagen, ein Dutzend Rieſen, Zwerge und weiſen Frauen ſich vor einem verehrungswürdigen Pu⸗ blikum produziren, und die Pariſer Taucher in einem Waſſerbottich unterſeeiſche Spaziergänge parodiren. Gräßlich heulen die nim— merſatten Beſtien der Menagerien, das Volk jauchzt, ſchreit und ſingt, die in flagranti ertappten und ſofort gelynchten Diebe jammern, und das Alles gibt eine Symphonie, bei der einem ganz ſchwirbelich zu Muthe wird, daß man Gott dankt, wenn man endlich in einem der überfüllten Wirthshäuſer ein Plätzchen erobert hat. Mit Mühe und Noth holt man ſich dort aus der Kellnerei ſelbſt ein Glas Bier, ein an den Tiſchen hauſirender Marqueur⸗Aſpirant verſieht uns mit Brod, ein Lerchenfelder Früchtel, das ſich für einen echt italieniſchen Salamuzzi⸗Mann aus⸗ gibt, ſchleppt geſchäftig Emmenthaler Käſe aus Böhmiſch-Krum⸗ mau und Veroneſer Salami aus Mähriſch-Oſtrau herbei. Wir dürfen kühn die Behauptung wagen, daß kein Fürſt ſo tafelt, nicht einmal ein depoſſedirter.—
Doch heuer gab es Regen, nichts als Regen, und Ihr Correſpondent mußte zu Hauſe bleiben und konnte erſt am nächſten Sonntag(den dritten Mai) in den Prater gehen. Se. Majeſtät der Kaiſer that daſſelbe, das heißt, er kam von Peſt nach Wien, um nach altehrwürdiger Sitte ſich am erſten Mai dem Volke zu zeigen, und mußte wegen des ſchlechten Wetters die Praterfahrt auf den 3. Mai verſchieben. Außer dem weiblichen Hoſſtaate, der bei der Kaiſerin verblieben war, erſchienen an dieſem Tage bei dem Corſo Alle, die in Wien erlauchte Namen und ſchöne Equipagen haben. Doch dürfen wir als gewiſſenhafte Chroniſten nicht unterlaſſen zu erwähnen, daß man bei dieſer Gelegenheit daran erinnert wurde, daß Herr Erzherzog Rainer ſchon ſeit längerer Zeit verreiſt iſt, ebenſo der Herzog von Würtemberg, deſſen Gemahlin, Tochter des Erzherzogs Albrecht, und deren lieb⸗ liche Zwillinge. Da ihre Dienerſchaft entlaſſen wurde, ſo denken ſie wohl längere Zeit fern zu bleiben. Auch Erzherzog Heinrich weilt noch immer im Auslande. Die Gerüchte von ſeiner Begnadigung und Rehabilitirung ſeiner Che mit der Sängerin Hoffmann ſind ganz verſtummt. Der Hof von Hannover iſt ſtets bei der Praterfahrt vollzählig zu ſehen, ſeine impoſanten Galawagen und die eleganten Livreen der Diener(roth mit Silber) verfehlen nicht, einiges Aufſehen zu erregen. Unſere Ariſtokratie liebt Wiener Wagen nach Pariſer Muſter. Das„Schottenfelder Zeugel“, jenes originelle Gefährte der Wiener Vorſtadtfabrikanten, ver⸗ ſchwindet von Jahr zu Jahr immer mehr, um theils leichten Korbwagen, theils hochbeinigen Trabfahrzeugen Platz zu machen. Der Fiaker„immer feſch“ iſt ſtark vertreten, in ihm die Börſe und die Demi⸗Monde. Die Créme der Letzteren bevorzugt jedoch den nichtnumerirten Miethwagen; und nur ein Minimalbruch⸗ theil derſelben war ſo glülich, ſich zu eigenen Cquipagen auſzu⸗ ſchwingen, wie jene blonde Hausmeiſterstochter aus Tirol, die
—
gegenwärtig in ihrer Wohnung an der Ringſtraße Frau Gräfin titulirt wird, und deren Protector eine unſerer(ex offo) frömmſten Perſönlichkeiten iſt. Alljährlich erſcheinen auch Comfortables bei der Praterfahrt, und alljährlich werden ſie ausgelacht. Im Comfortable fährt nur die„Schnackerl⸗Nobleſſe“, die ſich ſeit der Aufhebung des Schuldenarreſtes wohler fühlt denn je. Als ſie noch die wirthlichen Hallen der Alſervorſtadt Nr. 1 nächſt dem Landesge⸗ richte bewohnte, folgte ſie mit ängſtlicher Spannung den Ver⸗ handlungen des Reichsrathes über die kitzliche Frage, ob noch fernerhin ein Menſch das Recht haben ſolle, ſeinen Bruder wegen einer Querſchrift auf jenen langen Papierſtreifen, die man Wechſel nennt, der perſönlichen Freiheit zu berauben. Als endlich Herren⸗ haus und Abgeordnetenhaus ſich gegen jene Leichtſinnigen ent⸗ ſchieden hatten, die ihr ſauer erſpartes Geld Verſchwendern anzu⸗ vertrauen pflegen und dafür Wucherer genannt werden, jubelten die Inſaſſen des Schuldenarreſtes und erbaten ſich vom Hauscomman⸗ danten einen Ausgang. Eine geſchloſſene Deputation, begleitet von einem Civilwachmann und einem Polizeiſoldaten in voller Paraderüſtung, zog zum Blumenhändler. Ein prachtvolles Bouquet wurde gekauft, und weiter ging es auf der Ringſtraße dorthin, wo unſer Juſtizpalaſt in Schey's Haus zur Miethe wohnt, um dem Miniſter Herbſt die Ehrengabe als Dank für ſeine Unter⸗ ſtützung der Wünſche der Schuldner zu überreichen. Von da mußte die Deputation leider wieder in den Schuldenarreſt zurück⸗ wandern und dort noch ſo lange verweilen, bis die Sanction des Geſetzes, die jedoch nicht lange auf ſich warten ließ, erfolgt war. Inzwiſchen telegraphirten die Schuldner Glückwünſche und Be⸗ grüßungen an ihre Angehörigen und verlaſen die Telegramme der Schuldgefangenen jener Länder, deren Geſetzgebung in dieſem Punkte noch zurückgeblieben iſt. Man ſang und muſicirte, man tanzte und lachte, und als ſich die Thore öffneten und die Schuldner wieder als freie Männer das Wiener Pflaſter betraten, waren alle ſelig bis auf die Gläubiger, die ihren hinausgeworfenen Alimentationsgeldern nachweinten, und die Hausdiener, welchen die Schuldner beim raſchen Abſchiede verſchiedene kleine Geldbe⸗ träge zu zahlen— vergeſſen hatten.
Die unzähligen Vereine Wiens ſind bereits in den Sommer⸗ ſchlaf verſunken. Einige von ihnen haben ſich aufgelöſt oder ſind der Auflöſung nahe, andere wieder ſchreiben wiederholt Generalver⸗ ſammlungen aus, die aus Mangel an Theilnahme ſtets beſchlußun⸗ fähig bleiben. Einerſeits fehlt jetzt der liberalen Partei ihr eigent⸗ liches Element, die Oppoſition gegen die Regierung, da dieſe ſelbſt aus den Führern der Linken ſich conſtituirt hat; andererſeits ſind wir durch den Jahre langen Scheintod des öffentlichen Lebens etwas in⸗ different gegen politiſche Agitationen geworden, und es dürfte noch längere Zeit währen, bis wir es der Mühe werth finden, das bischen Selbſtregierung, das uns bis jetzt zuſteht, conſtitutionell aus⸗ zunützen. Auch die Agitation auf religiöſem Gebiete findet in Wien keinen rechten Anklang. Einige zumeiſt unter den Webern der Seidenfabriken am Neubau und den Schuſtern und Schneidern verſchiedener Exportgeſchäſte ſeit Jahren im Stillen vegetirende Sek⸗ ten, wie die Johannesbrüder, die Swedenborgianer, die Bekenner der reinen Lehre und die Nazarener, Letztere auch Nachfolger Chriſti genannt, werden jetzt aufathmen und ſich unbehelligt von den Behörden entwickeln dürfen. Sie wer⸗ den ihrem Glaubensbekenntniſſe die ſtaatliche Anerkennung zu ver⸗ ſchaffen ſuchen, öffentlichen Gottesdienſt halten, und ihre Mit⸗ glieder nicht mehr wie vordem alljährlich von den Landesgerichten zu einigen Wochen Kerker verurtheilt werden. Eine durchgreifende Maſſenbewegung ſteht vorläufig nicht zu erwarten. Im Concert⸗ ſaale des Conſervatoriums, wo auch Muſikproductionen abgehalten werden, Rieſen und Wunderthiere ſich produciren, orthodoxe Juden an ihren hohen Feiertagen Betſtunden halten, und am zweiten Montage eines jeden Monates der ultramontane Severinusverein nachtet, hat Johannes Ronge zu einem zahlreichen Auditorium geſprochen. Seine Angriffe auf die beſtehenden Misbräuche des Katholicismus fanden allgemeinen Beifall, einige zeitgemäße Phraſen und Schlagworte wurden lebhaft beklatſcht, aber der poſitive Theil ſeiner Anſprache, bezweckend die Gründung einer
deutſch⸗katholiſchen Gemeinde, wurde mit geringerem Enthuſiasmus
aufgenommen, als Ronge erwartet haben mochte. Seine hervor⸗ ragendſten Anhänger ſind hier der Exjeſuit Forſtner, ein noch
—— 6—
—
———


