Jahrgang 
1868
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außer Stande befinde, die Scheidung vorzunehmen.

klärte er gleich von vorn herein, daß dieſelbe eigentlich über⸗ flüſſig ſei, da die Anwendung der franzöſiſchen Geſetze allein genüge, ſeinem Bruder die volle Freiheit zu einer Wiederver⸗ heirathung zu geben, daß es ihm aber widerſtrebe, in ſeiner Familie ein Beiſpiel religiöſer Gleichgültigkeit zu geben und er ſich ſelbſt in der Perſon ſeines Bruders nicht des kirch⸗

lichen Segens berauben wolle, den das Geſetz, das er ſelbſt

gegeben, zwar nicht erheiſche, aber deſſen Anerkennung es fordere. Nichts deſtoweniger glaubte Pius VII., mit einer Ablehnung antworten zu müſſen, die freilich weitläuſig be⸗ gründet wurde. Die Ehe Jeromes ſei ungültig, weil heim⸗ lich geſchloſſen, ein Grund, den die Beſchlüſſe des Tridentiner Concils eigens anerkennen. Die Kirche habe alſo die Pflicht, die Scheidung auszuſprechen. Unglicklicherweiſe ſeien aber die Beſchlüſſe eben dieſes Tridentiner Concils in Baltimore nicht veröffentlicht, demnach die Kirche nach kanoniſchem Recht ſich Der Papſt habe die gewiſſenhafteſten Nachforſchungen in den Archiven der Inquiſition angeordnet, um ſicher zu ſein, ob jene Be⸗ ſchlüſſe nicht doch in Baltimore veröffentlicht ſeien, man habe aber keine beſtätigende Nachricht finden können.

Napoleon antwortete ſofort, daß ihm dieſe Begründung ſo kindiſch wie lächerlich erſchienen, und daß er in dieſer ſon derbar motivirten Weigerung einen mehr als überflüſſigen Be⸗ weis des beleidigenden böſen Willens des Papſtes und die Abſicht ſehen müſſe, ihm hinderlich zu ſein und Rache für die Angelegenheit der Legationen zu nehmen. Der päpſtliche Hof zeigte ſich indeſſen ſpäterhin nachgiebiger, und wenn Pius VII. auch nicht ſelbſt die Eheſcheidung ausſprach, ſo ließ er es doch geſchehen, daß die Pariſer Diöceſe in ihrer Entſcheidung vom

6. October 1806 dies that, und wies ſogar ſeinen Nuntius

in Paris an, im Auguſt 1807 die Ehe Jerome's mit Katharina von Würtemberg einzuſegnen.

So war es dem Kaiſer gelungen, durch die Gewalt ſeiner Autorität nicht nur die ſerupulöſen Einwendungen des Papſtes hinfällig zu machen, ſondern auch zu beweiſen, daß die An⸗ forderungen des bürgerlichen Geſetzes erſt erfüllt ſein müſſen, ehe das Sakrament der Kirche bindende Kraft erlangt. Uebrigens nahmen andere Dinge die Gemüther zu ſehr in Anſpruch, als daß man Zeit gehabt hätte, damals der Sache weiter nach⸗ zudenken. Das öffentliche Gewiſſen ließ ſich damit genügen, ſich hinter die Unfehlbarkeit des Papſtes zn verſchanzen, der nicht würde zugegeben haben, daß ſein Nuntius eine zweite Ehe einſegnete, wenn die erſte noch nicht gelöſt wäre.

Wie ſtellt ſich nun aber die Sache dem unbefangenen Urtheil dar? Entweder durfte die Kirche die Ehe auflöſen oder nicht. Pius VII. behauptet: nein, und ſeine Gründe ſind nach kanoniſchem Recht ſtichhaltig, ganz gleich, ob ſie dem trunkenen Uebermuth des Kaiſers der Franzoſen kindiſch und lächerlich erſcheinen. Das katholiſche Gewiſſen mußte alſo die ſchließliche Zuſtimmung des Papſtes für eine erzwungene hal⸗ ten, und der Bruder Napoleons war der Bigamie ſchuldig, ein Urtheil, das wir aufrecht erhalten müſſen, da das Er⸗ kenntniß einer Diöceſe nicht dem ſouveränen Ausſpruch des

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Papſtes zuwider laufen darf, um ſo mehr, als die civilrechtliche Ungültigkeit nur auf Antrag der Mutter Jerome's von den zuſtän⸗ digen Gerichten erkannt werden konnte, was in Folge jenes kaiſer⸗ lichen Uebergriffs in die Befugniſſe der Gerichte unterblieben iſt.

Das iſt die Geſchichte von der amerikaniſchen Heirath Jerome's, auf Grund deren ſein Enkel im Jahre 1861 bei den franzöſiſchen Gerichten Anſprüche auf die Erbſchaft ſeines Großvaters erhob, der ihm perſönlich wohl wollte und ihn oft bei ſich ſah. Zweimal fiel die Entſcheidung zu ſeinen Un⸗ gunſten aus, nachdem der Proceß lange Zeit die öffentliche Aufmerkſamkeit beſchäftigt und die berühmteſten Advocaten der politiſchen Oppoſition für den jungen Jerome plaidirt hatten. Die Cour imperiale ſchlug die Sache endlich am 1. Juli 1861 mit folgendem Erkenntniß nieder:

In Erwägung, daß die Heirath, die den Ausführungen des Appellanten als Grundlage dient, durch zwei oberherrliche Decrete annulirt iſt und ſeine übrigen Ausführungen durch zwei Urtheile letzter Inſtanzen zurückgewieſen ſind; daß übrigens das unanfechtbare Reſultat dieſer Entſcheide durchaus den Anfor⸗ derungen der Billigkeit entſpricht; daß die vom Prinzen Jerome am 12. Auguſt 1807 unter den Augen von ganz Europa ge⸗ ſchloſſene Ehe, ein feierliches Zeugniß der Größe des kaiſer⸗ lichen Frankreichs, gefeiert im guten Glauben und mit der Billigung der erhabenſten Perſonen, nicht ohne Ungerechtigkeit die Rechte, die aus ihr entſtanden ſind, könnte einer Hand⸗ lung geopfert ſehen, die mit Umgehung der heimiſchen Geſetze geſchehen und vermöge der doppelten Unbeſonnenheit eines neunzehnjährigen Minorennen und einer im Voraus benach⸗ richtigten Familie, und deren oberherrlich erklärte Ungültigkeit länger als ein halbes Jahrhundert unangetaſtet geblieben iſt; aus dieſen Gründen:

Erkennt der Appellationshof, daß die Sache der Kläger als ſchlecht begründet befunden iſt, in allen Punkten nicht haltbar, ſie mit ihrer Klage abweiſt und beſtimmt, daß das vorliegende Erkenntniß ausgeführt wird.

Dieſes Urtheil, das ſich freilich in Wendungen, wie nicht ohne Ungerechtigkeit,den Anforderungen der Billigkeit entſprechend bewegt, machte der Sache ein Ende, freilich nicht, ohne die Aufmerkſamkeit auf dieſe und andere Vorgänge in der kaiſerlichen Familie gelenkt zu haben, die man gern im Dunkel der Vergangenheit hätte begraben ſein laſſen. Doch vor den Gerichten müſſen auch die misliebigſten Dinge zur Sprache gebracht werden, die ſonſt im heutigen Frankreich kein Menſch zu erwähnen hätte wagen dürfen, auf die ſelbſt, der freimüthige Geſchichtſchreiber nur leiſe anzuſpielen wagt. Die ganze Geſchichte beweiſt aufs Neue, daß man nicht nur außer der gewöhnlichen Moral noch eine Staatsmoral kennt, der Vieles erlaubt iſt, was ſonſt eben derſelbe Staat durch ſeine Diener verdammen und beſtrafen läßt: daß man ſogar noch eine dritte Moral für die Großen der Erde erfunden hat, deren dieſe mit einem gewiſſen Recht ſich ſo lange bedienen dürfen, als die Neugierde, ſtatt der Verachtung, Theilnahme, ja Anerkennung und Beifall für die in Uebereinſtimmung mit dieſen Sittengeſetzen geſchehenen Handlungen hat. E. L.

Wiener ßriefe.

Regenwetter am erſten Mai. Jammer unterſchiedlicher Menſchenklaſſen in den Hauptalleen und im Wurſtelprater. Praterfahrt am dritten Mai. Der Hof, der König von Hannover, Einige, die nicht da waren, die ariſtokratiſchen, die privaten und die gemietheten Fuhrwerke. Die Aufhebung der Schuldhaft. Geſchloſſene Deputation beim Miniſter Herbſt. Sommerſchlaf der Vereine. Agitation auf reli⸗ giöſem Gebiete; verſchiedene Sekten. Johannes Ronge im Saale des Muſikvereins und die Führer der Deutſchkatholiken. Prinz Na⸗ poleon in Wien intereſſirt ſich für Kunſt, Wiſſenſchaft, Hinterlader und einiges Andere. Stetes Viſitenmalheur des Prinzen.

L. Jedes rechte Wiener Kind öffnet am erſten Mai zei⸗ tig am Tage das Fenſter des Schlafzimmers, um den Himmel mit ſorgenvollen Blicken zu betrachten. Heuer goß es in Strömen. Da legte ſich die ſonſt ſo gemüthliche Phyſio⸗ gnomie des Urwieners in bedenkliche Falten, ächzend, ſtöhnend und ſeufzend hob ſich die Bruſt. Das Menſchenkind ſchloß wie⸗ der die Lichtöffnungen ſeines Gemaches und begab ſich zum Früh⸗ ſtücke. Noch immer konnte man auf einen ſchönen Nachmittag hof⸗

fen. Doch auch während des Mittagseſſens ſchlugen erbarmungs⸗

los ſchwere Tropfen ans Fenſter; ſie klopflen an die Herzen der

Beſitzer von Wiener Equipagen und der Inhaberinnen pariſer Toiletten, ſie murmelten anfangs leiſe und dann immer lauter: Heute iſt keine Praterfahrt, die Pferde bleiben im Stalle, die Wagen in der Remiſe, die Toiletten in ihren Käſten, ihre Be⸗ ſitzer innerhalb der vier Wände, die Praterwirthe werden jam⸗ mern, die Fiaker fluchen, der erſte Mai iſt verregnet, und nie⸗