Jahrgang 
1868
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L

Ich ſterbe, wenn Sie mich verlaſſen! ſchluchzte ſie auf.

Ich übergebe Sie einem andern Arzt! ſprach er markdurchſchütternd.

Sie erhob ſich mühſam:Niemand kann meine Seele

retten, nur Sie!

Seine kochende Erbitterung legte ſich. Er zog die Hand von der Thür und entgegnete milder:Ich gehe ohne Groll, ich ſcheide voll Mitleid!

Sie rang ihm die Hände entgegen:Ihr Mitleid iſt das fürchterlichſte Gericht über mich!

Ich habe nichts Anderes, Ihnen Frieden zu geben!

Ihre Hand! Ihre Hand! Und ſie bemächtigte ſich derſelben, ehe er's wehren konnte.Ich bin ein Weib. Wir klammern in allen Zweifeln uns feſt an das, was wir von Kindheit auf gewöhnt, als heilig zu verehren. Ihr Männer, ihr findet in euch ſelber Kraft und Troſt. O ſagen Sie mir ſo ehrlich, wie Sie fühlen ſind die Gotteslehrer im Recht, von uns zu fordern, daß wir die Achtung, die Liebe der theuerſten Menſchen gering anſchlagen gegen Gottes Geſetz!

Stephani ſchaute ſie an mit verändertem Ausdruck, und überzeugend entſtrömte ſeinem Munde:Wir alle ſind Got⸗ teslehrer! Jedes Geſchöpf iſt eine Verkörperung ewiger Ge⸗ danken. Und wer der Ngtur nacheifert, die Leben, Blüthe und Frucht ausſtreut, ſo weit ſie zu wirken vermag, der er⸗ füllt die höchſten Geſetze treuer und reiner, als wer ſie in Symbolen und Formeln ſucht!

Die alte Frau richtete ſich hoch auf:So bin ich ent⸗ ſchloſſen! Und ein Verklärungsſchimmer flog über ihr Ge ſicht. Doch bevor ſie kundthun konnte, wozu ſie entſchloſſen, ging die Corridorthüre auf, und Fürſt erſchien, an ſeiner Seite Roſenberg, den er vor ſich eintreten ließ.

Noch auf der Schwelle ſtehend, deutete der Bankier ins Innere des Zimmers und warf dem Rechtsanwalt die Frage zurück:Hab' ich nun Recht gehabt, Kleingläubiger, Sie?

Der Angeredete ſtarrte einen Moment auf Stephani: Er iſt's leibhaftig? Dann ging er raſch vorwärts, ohne ſeine Schwiegermutter zu beachten.Stephani, ſprich: du forderſt meine Schwägerin zum Weibe?

Mit allem Stolz, deſſen er fähig war, erwiderte der Doctor, auf die Commerzienräthin deutend:Die Dame wird dich eines Beſſeren belehren!

Sanft fiel Roſenberg ein:So hätte nicht die Liebe Sie hergeführt?

Ausweichend verſetzte Stephani:Die Frau Commerzien⸗ räthin kennt mein Verlangen.

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Ich kenne es! ſprach die Bezeichnete ernſt nach.

Der Bankier trat dicht vor den Doctor:So bin ich zum Verbrecher geworden, Stephani: ich habe falſches Zeug⸗ niß abgelegt und weiß meine Ehre nicht anders herzuſtellen, als daß ich nun für mich um das Fräulein werbe.

Die Mutter ſtand frappirt:Herr Roſenberg, nachdem Ihr eigener Mund mich gewarnt, mein liebes Kind zur Ent⸗ ſagung zu zwingen?

Der Bankier verneigte ſich:Ich wies zugleich die liebevolle Mutter auf eine ſchöne, würdige Aufgabe hin.

Die Matrone nickte:Ich werde ſie löſen! und ſchritt durch die Seitenthür hinaus.

Stephani faßte den Bankier ſcharf ins Auge:Was ſoll hier vorgehen, Roſenberg?

Dieſer legte ihm die Hand auf die Schulter und ſagte mit einem Anflug von Heiterkeit:Man kann es keine chriſtliche Handlung nennen; denn Sie bewegen ſich unter Juden, mein Freund!

Stephani faßte ihn bei den Händen:Ich ſchaue auf den Grund Ihrer Seele v

So muß ſich, fiel Roſenberg wiederum raſch ein, Ihnen darin das Vertrauen zeigen, daß eine andere frei von Sehnſucht wird.

In überwallendem Gefühl rief Stephani:Mein Bru⸗ der! und die Freunde lagen Bruſt an Bruſt.

Da trat die Commerzienräthin ein, an ihrer Hand Fanny, ihr folgend Helene.Nun, ſchau ihn an, ermuthigte die Matrone das Mädchen,und ſiehſt du noch den Gott deines

Lebens in ihm, ſo folge der Stimme, die dich zu ihm ruft.

Ein Blick aus Fanny's Auge in das des Geliebten, und ſe jauchzte laut auf:Ich hab' ihn wieder! Doch als raute ſie ſich ſelbſt und ihrem Glück nicht, fügte ſie fragend hinzu:Hab' ich ihn wirklich wieder?

Stephani ſchloß ſie in die Arme, er war keines Wortes mächtig. Roſenberg aber ſprach ſeitab, mit einem tiefen Blick auf die für ihn Verlorene, vor ſich hin:Nimm es für einen Traum und träum' ihn durch die ganze Nacht des Lebens mein Auge wird ihn bewachen!

Indem näherte ſich Fürſt der Greiſin und bat mit ehr⸗ erbietiger Innigkeit:Ihre Hand, Mama! Es war der Gruß der Ausſöhnung, den er ihr bot.

Die andere deiner Helene! rief ſein Weib.tun ſteigt das Lied als Phönix aus der Flamme:«meine Mutter hat's gewollt!

Die kleinſten Napoleoniden.

4. Jerome Uapoleon Bonaparte-Paterſon.

Der letzte der kleinſten Napoleoniden, von dem wir unſern Leſern zu erzählen gedenken, iſt der genannte älteſte Sohn des einzigen Sprößlings aus der Ehe des Erkönigs von Weſtphalen mit Miß Eliſabeth Paterſon und 1832 in England geboren. Seine Perſönlichkeit bietet freilich an ſich des Intereſſanten nicht viel, und die Geſchichte ſeines Lebens iſt mit wenigen Worten erzählt; doch iſt er immerhin durch den Erbſchaftsproceß gegen den Prinzen Napoleon eine be kannte Perſönlichkeit geworden.

Seine Erziehung erhielt er auf der Militärſchule in Weſtpoint, die er nach erfolgreicher Abſolvirung ſeiner Studien verließ, um franzöſiſche Kriegsdienſte zu nehmen. Von einer überraſchenden Aehnlichkeit mit Napoleon I., war er in der Armee einer der beliebteſten und bekannteſten Offiziere und fand Ge⸗ legenheit ſich im Krimkriege, an dem er als Major Theil nahm, mehrfach und in glänzender Weiſe bei der Erſtürmung Sebaſtopol's auszuzeichnen. Der Kaiſer überreichte ihm per⸗ ſönlich das Kreuz der Ehrenlegion und bot ihm einen Herzogs⸗ titel an, den der junge Krieger indeſſen ablehnte. Nichts deſtoweniger hielt er ſich für den einzig legitimen Erben ſeines

Großvaters, der inzwiſchen zum eventuellen Nachfolger des

Kaiſers, für den Fall eines frühzeitigen Todes des kaiſerlichen

Kronprinzen, ernannt worden war, mit der Beſtimmung, daß aus der zahlreichen Familie nur Jerome und ſeine männlichen Nachkommen aus ſeiner Ehe mit Katharina von Würtemberg erbfolgeberechtigt ſein ſollten. Das Schauſpiel blieb der Welt erſpart, den jüngſten und frivolſten Sohn von Madame Lätitia den Kaiſerthron von Frankreich beſteigen zu ſehen, obwol er ſechsundſiebzig Jahre lang den Folgen der maßloſeſten Aus⸗ ſchweifungen zu trotzen verſtand. Erſt 1860 ereilte den Groß⸗ vater J. N. Bonaparte's der Tod und gab Letzterem Veran⸗ laſſung, Erbſchaftsrechte auf Jerome's bedeutende Hinterlaſſen⸗ ſchaft geltend zu machen. Daß den jungen Mann der Beſitz und die Reichthümer reizten, dürfte kaum behauptet werden; man hat ihm eine enorme Abfindungsſumme geboten und Anerbieten jeder Art machen laſſen um den Preis ſeines Schweigens; dieſem kam es vielmehr darauf an, die Ehe Jerome's mit ſeiner Großmutter anerkannt zu ſehen.

Die Staatskunſt des erſten wie des zweiten Kaiſerreichs hat ſich alle Mühe gegeben, dieſen Jugendſtreich des unge⸗