Jahrgang 
1868
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Dieſe fuhr fort:Er hatte in den langen Jahren der Trennung von deinem Schwager vergeſſen, daß Hugo anderer Religion als er; und heut erſt hat ihm Roſenberg entdeckt, in welchem Glauben auch du erzogen worden.

Plötzlich ſtand Fanny wieder auf ihren Füßen:Und daran kann er Anſtoß nehmen?

Mit durchblitzendem Vorwurf entgegnete die Mutter: Du biſt zu ſchnell geweſen in deinem Gefühl; du hätteſt denſelben Anſtoß nehmen ſollen!

Die Kleine faltete ſtill ihre Hände über der Bruſt:Ich wäre ihm zu Liebe Chriſtin geworden!

Ohne jedes Bedenken? wallte die Commerzienräthin auf.

Gelaſſen erklärte Fanny:Ich ſah den Gott meines Lebens in ihm!

O, o! Und die Mutter ergriff aufs Neue ihr Tuch und verbarg zurückſinkend ihr Geſicht darin.

Die Tochter misdeutete den Schmerzensausbruch und ſchüttelte die Locken:Vergieße keine Thräne um ihn, ich will es auch nicht! Nach kleiner Pauſe ſprach ſie mit Bitterkeit weiter:Daß doch die Reden und Handlungen der Menſchen einander ſo wenig ähnlich ſehen! Das alſo war ſein Unglück, daher ſeine Kälte? Nun werd' ich Jüdin bleiben!

Die Mutter blickte zweifelnd ſeitwärts nach ihr:Geht dir das Wort von Herzen?

Mir iſt, als hätt' ich gar kein Herz mehr, Mutter!

Auch nicht für mich?

Es iſt hier innen Alles ſo kalt und ſtarr. Wenn mir ſonſt Jemand wehthat, mußt' ich weinen. Jetzt kann ich nicht weinen, das hat zu weh gethan! Ich will kein Buch mehr leſen.

Was meinſt du damit? forſchte die Commerzienräthin lauernd.

Ich glaubte immer, große und tiefe Gedanken entſprängen in der Seele und ſprächen die Ueberzeugung des Mannes aus, der ſie niederſchreibt. Jetzt weiß ich's beſſer es ſind nur kluge Berechnungen des Kopfes. Wir ſchwärmen, Wunder was für ein edler Menſch der Verfaſſer ſein muß, und am letzten Ende hat er mit ſich und uns nur kokettirt.

Ich thue nichts dazu; ſie ſelbſt ſtreift ihre Neigung ab! ſprach die Commerzienräthin bei Seite, als wollte ſie ihre Hände in Unſchuld waſchen.

Fanny wandte ſich zu ihr:Willſt du mir Eins ver⸗ ſprechen, liebe Mutter?

Wahrſcheinlich hegſt du den gleichen Wunſch, wie Hugo; heut abzureiſen? ſagte die Matrone, um dem Mädchen ge⸗ wiſſermaßen entgegenzukommen.

Weiß Hugo denn nicht, daß Herr Doctor Stephani reiſt? verſetzte Fanny kalt.

Welch anderes Verſprechen begehrt mein gutes Kind?

Mich bei dir zu behalten, bis ich ſterbe!

Die alte Frau ſchnellte vom Stuhl in die Höhe: Fanny!

Die Kleine ſchüttelte ſich wie von Froſt befallen:Mir würde grauen, jemals Frau zu werden!

Beruhigter erwiderte die Mutter:Ich fürchtete ſchon ſie hielt den Gedanken zurück.

Was, liebe Mutter?

Nichts, nichts! Und die Commerzienräthin ſtrich ſich haſtig über die Stirn.

Wirſt du meine Bitte erfüllen?

Wenn du nicht ſelbſt ſie ſpäter widerrufſt? ſchränkte die Gefragte das Zugeſtändniß ein.

Fanny neigte den Kopf:Ein heimliches Vorgefühl da⸗ von muß ſchon lange in mir gelegen haben; denn es gab mir ſtets einen Stich, wenn über alte Jungfern geſpottet wurde. Es iſt recht roh, das zu thun! Wer weiß denn, warum ſo manche Mädchen geblieben? Und daß man ſie unnütze Weſen ſchilt, iſt grauſam. Wir können gar viele Dienſte leiſten. Wird wieder einmal Jemand von Euch krank, ſo ſchick ich nach keiner fremden Wärterin, ich pflege Euch und wache bei Nacht am Bett.

Der bis dahin ſo ſtandhaften Mutter ſtieg über die Art,

wie Fannh ſich ihre Zukunft ausmalte, Rührung ins Auge.§

Sie nahm den braunen Lockenkopf in beide Hände und küßte ihn:Mein Kind! Das Mädchen entwand ſich ihr geſchwind und deutete nach der Corridorthür:Es klopft! Ich gehe zu Helenen. Sie grämt ſich meinetwegen. Ihr ſollt Euch nicht um Eure Kleine härmen! Hierbei verſuchte Fanny zu lächeln. Da erneuerte ſich das Klopfen verſtärkt. Flüchtig drückte ſie noch einmal die Hand der Mutter und eilte zur Schweſter.

Die Commerzienräthin öffnete, erſchrack jedoch wie vor einem Geſpenſt; denn ihr gegenüber ſtand Stephani:Herr Doctor! Die Arme ſanken ihr entkräftet nieder.

Der Unerwartete trat leiſe ein und ſchloß ebenſo. Er ſah bleich aus. Der alte Zug des Leidens um ſeinen Mund hatte ſich wieder eingeſtellt. Er ſprach nur halblaut:Gut, Frau Commerzienräthin, daß Sie allein!

Iſt Ihnen nicht mein Schwiegerſohn begegnet?

Nein, aber Roſenberg. Ich leſe in Ihrem Blick Ver⸗ wunderung, mich hier zu ſehen. Sie haben mich nicht er⸗ wartet..

Aufrichtig: Nein!

Verzeihen Sie meiner Beſorgniß um Ihre Perſon!

Ich verſtehe die Meinung nicht ganz, Herr Doctor! Dabei deutete ſie ihm an, Platz zu nehmen, ſeine Hand⸗ bewegung lehnte s ab.

Wir können uns in Kürze verſtändigen. ſchwerlich geneigt ſein, bei Fräulein Fanny daſſelbe Syſtem

zu verfolgen wie ehedem. Herr Roſenberg verzichtet aus

triftigen Gründen

Und nun? unterbrach die Commerzienräthin in äußerſter Spannung.

Erlauben Sie mir eine Frage: wie denken Sie Ihr krankes Kind zu heilen?

Es gibt kein anderes Mittel, als die Zeit! ſagte die alte Dame langſam.

Deſto raſcher erwiderte Stephani:Es gibt ein Mittel,

der Zeit zu Hülfe zu kommen.

Das haben Sie gefunden?

Weil mir das Unglück, das ich Ihnen gebracht, ſehr nahe geht. Mein Mittel iſt: dem reinen Herzen Ihrer jungen Tochter vor meinem Charakter Abſcheu einzuflößen.

Herr Doctor! zuckte die Greiſin auf.

Sie wollen verſchmähen, was Ihnen unedel erſcheint. Doch

dieſer Serupel fällt, da ich es bin, der den Plan entwirft.

Die Blicke zur Erde gekehrt, fragte die Commerzienräthin: Und wie die Ausführung?

Ohne Zaudern erläuterte Stephani:Wir brauchen hier einmal Gift als Arznei, Sie müſſen ſich zu einer Lüge be⸗ quemen! Die Hand der alten Frau griff nach einer Stuhl⸗ lehne. Der Doctor dachte, die Furcht vor der Lüge mache einen abſchreckenden Eindruck auf ſie, und fuhr deshalb fort: Oder wenn es Ihnen mehr Beruhigung giebt, ſo ſei es keine Lüge, dem Fräulein zu hinterbringen, daß mein Ge⸗ fühl bei der Geburt geſtorben an dem Gedanken der Glau⸗ hensverſchiedenheit! Die Commerzienräthin fiel auf den Seſſel. Stephani trat ihr näher:Was beugt ſie jetzt noch nieder?

Mein Gewiſſen! ſtöhnte es leiſe empor.

Der Scharfblick des Mannes fand ſchnell den Schlüſſel. Er trat zurück:Sie hätten den Weg, auf den ich Sie leiten will, bereits betreten?

Ja! klang das keuchende Geſtändniß.

Er ſchwieg ein paar Secunden und ſah hinab. Dann ſprach ſich unverhohlen ſeine Empfindung aus:Dann muß ich bereuen, einer ſo klugen Dame mit meiner Thorheit läſtig gefallen zu ſein! Sich kurz verbeugend, kehrte er ihr den Rücken.

O, bleiben Sie! drang es flehend an ſein Ohr.

Eiskalt verſetzte er:Entſchuldigungen ſind keineswegs vonnöthen. Ich hätte ſie höchſtens dafür anzubringen, daß ich Ihre Erfindungsgabe zu niedrig taxirt, und wünſche Ihnen, allezeit wohl zu leben!

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