Jahrgang 
1868
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den, es litt ihn nicht dort.

Sſeite ſaß unbeweglich wie zuvor.

Sie antwortete nicht, ſondern ſtarrte zu Boden. Er kreuzte die Arme und ſah auf ſie hinab:So harten Sinnes war auch jener Chriſt.

Wer? fragte ſie dumpf, ohne aufzublicken.

Ich möchte Ihnen wol von ihm erzählen; ich fürchte nur, Sie hören mir nicht zu.

Die Commerzienräthin veränderte keineswegs ihre Hal⸗ tung, aber ſie ſagte:Ich werde hören.

Unaufgefordert ließ Roſenberg ſich neben ihr nieder: Ich beſitze einen ältern Freund in der Schweiz. Er ſteht

in Geſchäftsverbindung mit unſerm Hauſe, iſt Iſraelit und

liebte ein Chriſtenmädchen, das Kind eines proteſtantiſchen Predigers. Der Diener Gottes drohte der flehenden Tochter, die ihm zu Füßen lag, mit dem ſchwerſten Fluch. Der Sohn unſeres Volkes legte die Feder nieder, trat in die franzöſiſche Fremdenlegion, ſchlug ſich fünf Jahre am Atlas mit den Kabylen, kam, müde des Krieges, aus Afrika zurück im Predigerhaus war es beim Alten geblieben, die Tochter be⸗ wahrte die Liebe, der Vater den Zorn. Mein Freund ging nach England und Indien. Wieder verſtrich ein halbes Jahr⸗ zehnt. Er traf in den heimiſchen Bergen noch immer ein weiches und ein ſteinernes Herz. Er ſuchte Zuflucht in Schwe⸗ So waren dreizehn Sehnſuchts⸗ jahre verfloſſen. Die blühende Chriſtin von einſt war häß⸗ lich und alt. Doch Liebe wohnt in der Seele, nicht im Kör⸗ per; die Liebe des Juden blieb unerſchütterlich. Da ſtarb der Prediger. Auf dem Todtenlager ertheilte er den Beiden gebro⸗ chen ſeinen Conſens. Sie gingen zuſammen als Mann und Weib, ich war bei ihrer kleinen, ſtillen Hochzeit zugegen. An jenem Tage o, ich vergeſſ' ihn nie! erſchien das alte, gram gewelkte Mädchen wie eine verkümmerte Roſe, die der Thau zu voller Juniſchönheit zurück entfaltet.

Der Erzähler hatte geendet, die alte Frau an ſeiner Er ſtand auf, verbeugte ſich lautlos und überſchritt die Schwelle. Da erſt ſtrich die Matrone mit dem Finger über die Stirn und fragte:Iſt ſie Jüdin geworden? Die Antwort blieb aus. Sie blickte um ſich, ſah ſich allein und ſank mit einem frierendenHa! wie ohnmächtig rücklings auf die Kiſſen.

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Helene und Hugo hatten das achtſamſte Ohr auf jedes noch ſo kleine Geräuſch gehabt. Jetzt trat der Rechtsanwalt allein aus dem Nebenzimmer ein und ſprach rückwärts:Er iſt fort! Dann ſchloß er die Thür.

Die Commerzienräthin fuhr aus ihrer halb liegenden Stellung empor und ſtierte ihren Schwiegerſohn wie einen Fremden an:Was bringen Sie?

Mit eigenthümlicher Kälte verſetzte er:Die Frage nach der Entſcheidung, die Sie getroffen. Tritt der Bankier nun doch in unſere Familie?

Er ſchlägt es aus.

Und Ihre weitere Beſtinknung über Fanny?

Nach einigem Zögern antwortete die Mutter:Was rathen Sie mir, Hugo? 1

Nichts; denn wer Rath ertheilen ſoll, bedarf des vollſten Vertrauens von Seiten der Rathloſen.

Beweiſ' ich Ihnen mein Vertrauen nicht?

Helene allein hat mir Vertrauen bewieſen. In dieſer letzten Viertelſtunde iſt das letzte Geheimniß zwiſchen uns ge⸗ fallen. Er ſah die Hörerin bedeutungsvoll dabei an. nicht.Sie wiſſen? begann ihre Zunge zu ſtottern.

Schnell lenkte er ab:Daß mein armes Weib einer thörichten Hoffnung lebt, da ſie ſich ſchmeichelt, Stephani werde es über ſich gewinnen, von Ihnen eine Tochter zu begehren. Fürſt ſchien gefliſſentlich das trauliche Wörtchen Mama in ſeinen Anreden zu vermeiden.

Schüchtern den Blick weggewendet, fragte die Commer⸗ zienräthin:Sie glauben, er läßt mir mein Kind?

Die alte Frau wollte aufſtehen, indeß ſie vermochte es

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Beinahe entrüſtet ſchleuderte der Rechtsanwalt ihr zu: Die Dankbarkeit, die Sie ihm mehr als irgend Jemand ſchulden, gäbe ſolche Frage nun und nimmer zu, wenn An⸗ dachtsübungen und gute Werke Geſchwiſter wären! Für Stephani bürg' ich: er muthet der Synagoge kein Opfer mehr zu!

Da ermannte ſich die Gedrückte zu ſtrafendem Ton:So ſpricht ein Angehöriger der Synagoge?

Furchtlos gab er zurück:Die beſten Männer des Staats arbeiten dafür, den Seelenzwang und die Schranken des Glaubens zu brechen. Wer preiſt ſich nicht, in einer Zeit zu leben, die nur aus Büchern den Scheiterhaufen kennt? Wie lange ſollen zu größerer Ehre Gottes noch Herzen als Märtyrer brennen? Er nahm ſeinen Hut, den er auf den Tiſch geſtellt.Wenn Sie mich wiederſehen, bring' ich Ihnen die tröſtliche Gewißheit, daß Stephani nicht anders denkt, als ich von ihm gedacht. Ich ſuch' ihn auf, um kurzen Ab⸗ ſchied zu nehmen; denn heute noch reiſen wir oder er. Adieu!

Ohne weiteren Gruß ging Fürſt. Jetzt erhob ſich die Commerzienräthin raſch und goß ihren Zorn in die Luft: Will man mich irre machen an mir ſelbſt? Soll ich nicht mehr zu unterſcheiden wiſſen, wenn Pflichten in mir ſtreiten, welche ich zum Leitſtern meines Handelns wählen muß? Sie trat an die Seitenthür und rief hinein:Helene!

Die junge Frau erſchien, ſich rings umſehend:Und mein Mann?

Hart klang die Erwiderung:Dein Mann, vor dem du kein Geheimniß mehr haſt, iſt unterwegs, zu hören, daß Doctor Stephani deine Schweſter Fanny nicht von mir verlangt.

Sanft wandte Helene ein:Herr Roſenberg hat doch mit dir geſprochen?

Die Commerzienräthin durchmaß däs Zimmer hin und her:Herr Roſenberg iſt abgethan für uns! Geh und erkläre das deiner Schweſter!

Ich habe ihr nichts zu erklären, Mutter! entgegnete Helene feſt.

Die alte Dame ſtand ſtill, Glut überloderte ihre Züge: Meine Tochter kündigt mir den Gehorſam auf?

Mit gebrochener Stimme ſagte die Angegriffene:Ich trage keine Schuld an Fanny's Wahn, und meine Worte wür⸗ den ſie würden ſie tödten!

Die Matrone blieb ſtreng in ihrem Weſen:Ich trage die Schuld und werde Worte finden! Du bringſt mir das Mädchen, Helene!

Geſtatte mir, Euch fern zu bleiben, Mutter! Der Hauch erſtickte ihr, und ohne die Bewilligung ihres Geſuchs abzu⸗ warten, eilte ſie durch die Seitenthür, in welcher unmittelbar

darauf Fanny ſichtbar ward.

Die Kleine ſah der verſchwundenen Schweſter nach, dann auf die Mutter und ließ ihr Befremden laut werden:Was habt Ihr nur? Dies Heimlichthun ängſtigt mich! Sie wiſſen Alle, was ihn ſo traurig machte, und meinen Fragen weicht Jeder aus. Und du jetzt auch? Sie lief auf die Mutter zu:Wie ſiehſt du mich an? Was kann es noch Schreck⸗ liches geben, da er mich liebt? Und bin ich ihm denn nicht die Nächſte, die Alles zuerſt erfahren muß, was ihn trifft?

Mein Kind, begann die Commerzienräthin, doch in dem Moment überwältigte ihr Gefühl ſie dergeſtalt, daß ſie die Haltung verlor, am Tiſch auf einen Seſſel fiel und ächzte: Gott, Gott, ich kann es nicht! Sie preßte das Tuch vors Antlitz.

In der nächſten Secunde kauerte Fannh auf den Knieen vor dem Schos der Greiſin und flehte:Mutter, o liebſte Mutter, ich vergehe, wenn du nicht ſprichſt!

Die Commerzienräthin empfand, ſie müſſe Rede ſtehen. Das Tuch weglegend, fing ſie an:Was wirſt du ſagen, Fanny, wenn deinen Träumen die Wirklichkeit ſehr rauh ent⸗ gegentritt?

Ein leiſesMutter war die Antwort. Die Lippen des Mädchens blieben geöffnet, ihr Auge und Ohr hing am Munde der alten Frau.

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