Jahrgang 
1868
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ſich wieder um:Und Ihnen hab ich noch nicht einmal ge⸗ dankt! Sie ſind ſo gut, wie er geſtern von Ihnen geſagt, ſehr gut! Sie reichte ihm die Hand, die er ſchweigend an ſeine Lippen zog. Helene drückte ihr den Finger auf den Mund und ſchob ſie rückwärts. Fanny gehorchte und ging.

Die junge Frau trat dem Bankier näher:Sehr gut nennt meine Schweſter Sie? O mehr! Ich ſtehe bewun⸗

dernd, daß ſolche Seelengröße der Liebe zum Freunde ent⸗

ſpringen kann.

Völlig gelaſſen, faſt kalt verſetzte Roſenberg:Sie meſ⸗ ſen mir ein Verdienſt bei, das ich nicht habe.

Helene ſtutzte:Sie forderten ein Zwiegeſpräch mit mir

Ihr Auge iſt meiner Zunge zuvorgekommen!

Helene ward immer erſtaunter:Sie kannten ſchon beim Eintritt Fanny's Empfindung?

Ein wenig früher noch ich war der Erſte, der ſie entſtehen ſah.

Und gaben ſofort Ihre eigenen Wünſche auf?

Da ein Anderer gefiel, wo ich gefallen wollte, war ſag' ich's nur dreiſt! meine Eitelkeit verwundet.

Helene muſterte den Selbſtankläger:Ein Mann, dem Franz Stephani das Zeugniß gibt, er ſei ihm theuer wie ein Bruder

Roſenberg fiel ihr in die Rede:Erſt geſtern tauſchten wir unſere Anſicht aus, daß Niemand Andere mehr liebt, als ſich ſelbſt.

Und weiter hatten Sie mir nichts zu vertrauen, als daß Sie freiwillig meiner Schweſter entſagen? Sie werden mich verbinden, wenn Ihre Güte die Mit⸗ theilung an die Mutter übernimmt.

So muß ich der Mutter auch Ihre Gründe erklären.

Dies wird zum Vortheile Stephani's geſchehen.

Ich zweifle. Die Mutter hält ſtreng an unſern Ge⸗ ſetzen feſt!

Liebt ſie ihr Kind nicht über das Geſetz? fragte er mit Nachdruck.

Aus Helenens Wangen wich das Blut. Mit leiſem Zit⸗ tern wagte ſie das Wort;Fühlen Sie den Muth, ihr ſelbſt die Frage vorzulegen?

Ich bin wol nicht dazu berechtigt.

Ihr Troſt für meine Schweſter lautete: ein einer Stunde haben Sie ihn wieder!? Hierauf baut Fanny ihre Zuverſicht; doch ich muß fürchten, ſie betrügt ſich bitter!

Vermögen Sie, vermag Ihr Gatte ſo wenig?

Der Sohn, die Tochter bleibt an die Bitte gebunden, dem Dritten ſtehen freiere Formen zu Gebote.

Ruhig, wie immer, fragte der junge Mann:Wo finde ich die Frau Commerzienräthin?

Helene aber bot ihm die Hand und ſagte mit Wärme: Das Schlechte borgt ſo oft die Maske des Guten; doch umgekehrt iſt's eine ſchwerere Kunſt!

Roſenberg lehnte mit einer Verneigung ab, ihre Hand zu nehmen:Habe ich dem Fräulein geſagt: ein einer Stunde!» ſo muß ich meir Wort zu löſen ſuchen!

Helene ſchaute mit Rührung zu ihm auf, ſie konnte ihm nichts mehr ſagen und verließ mit andeutender Geberde, er möge verziehen, bis ſie zurückkehre, das Zimmer. Sein Auge folgte ihr nur, bis ſie hinter ſich ſchloß, dann heftete es ſich auf die Seitenthür, und leiſe ſprach er in Pauſen vor ſich hin: So nahe und doch ſo fern! Vor einem Erdumlauf noch ohne Wiſſen, daß ſie auf Erden war, und nun ein ganzes Menſchenlos durchlebt: gefunden, gebunden, entſchwunden! Nur noch Erinnerung für alle Zukunft! Aber welche Er⸗ innerung! Ich habe ſie einmal im Arm gehalten, ihren Athem gefühlt, ſie weinen und lächeln geſehen! Aus Athmen, Lächeln und Thränen beſteht das Leben, der Menſch und ſein Herz! An ſich iſt nichts voll Wonne noch voll Trauer. Die Dinge ſind alle kalt, nur unſer Auge gibt ihnen Wärme und zieht dann wieder Wärme daraus, wie ein Planet, ein Weltgeſtirn vom andern. Oft aber ver⸗ dunkelt auch ein Geſtirn das andere. Nein, nur wenn ein

drittes ſich dazwiſchen drängt! Der Mond wird finſter

durch den Schatten der Erde, die zwiſchen ihn und die edle Sonne tritt.

Der Sinnende hob die Hand gegen die Thür, die er noch immer im Auge hatte, und ſprach:Du, ſchöner Mond

dort, ſollſt dein liebes Licht und deine Sonne behalten der

Schatten weicht.

Die Corridorthür klang. Die Commerzienräthin erſchien, hinter ihr Helene und Fürſt, der den Gaſt nur ſtumm grüßte und ohne Aufenthalt dem Nebenzimmer zuging. Daſſelbe that mit ihm zugleich ſeine Gattin, nachdem ſie dem Bankier noch einen Blick zugeworfen, der ihm ſagte, ſie und ihr Mann würden in der Nähe bleiben. Roſenberg gab durch leichtes Kopfſchütteln zu verſtehen, er bedürfe keiner Unterſtützung bei ſeinem Vorhaben.

Als ihre Kinder den Raum verlaſſen hatten, trat die Commerzienräthin an den Tiſch in der Mitte; ihr Blick war düſter, der Mund zuſammengezogen. Der junge Monn er⸗ wartete ihre Anrede. Die Stimme der alten Dame gab einen heiſern Ton, als ſie begann:Herr Roſenberg, ich höre, daß Ihre Geſinnung ſich ſchnell verändert hat!

Und mir ward geſagt, daß Sie eine fromme Frau!

Was ſoll dies hier?

Als Abraham dem jungen Iſaak die Hände band, um ihn dem Herrn zu opfern, da fiel der Engel dem Vater in den Arm.

Ich weiß! warf ſie kurz ein.

Wir müſſen die heiligen Sagen nur recht verſtehen. Der Herr verwarf das Opfer als fromme Sünde. Und was er damals that, thut er noch heut.

Soll ich eine Lehre aus dem Beiſpiel ziehen? fragte die Dame verletzt.

Nur einen Vergleich! erwiderte er beſcheiden.

Wo liegt er? Ich finde ihn nicht.

Die Schrift erzählt nichts von dem ſtillen Schmerz, mit dem ſich der Knabe Iſaak dem Meſſer des Vaters preis⸗ gab. Ihre Tochter würde mit gleicher Entſagung dem Wil⸗ len der Mutter gehorchen.

Die alte Frau konnte ihre Heftigkeit nicht mehr zügein: So iſt's doch wahr, was mir von allen Seiten ans Ohr ſchwirrt: daß ein Chriſt ihren Sinn berückt?

Gemeſſen erwiderte der Bankier:Die Religion des Her⸗ zens kennt keine Sekten.

Indeß die Commerzienräthin eiferte fort:Eins meiner Kinder ſollte unſern Gott abſchwören, unſer ewiges Theil verlieren um eines Menſchen willen?

O Abraham! unterbrach Roſenberg mild, Blick und Arm empor kehrend.Iſt's weniger fromme Sünde, wenn einer Seele hienieden die Heimat geraubt wird, um ihr im unbekannten Lande des Jenſeits eine Stätte zu ſichern?

Mit Selbſtbewußtſein begann die Commerzienräthin:

Die Heimat meines Kindes iſt

Doch Roſenberg unterbrach gegen ſeine Gewohnheit aufs Neue:Bei dem Manne, an dem Sie ſühnen können, was eine Jüdin an ihm verſchuldet hat!

Jetzt war's, als erriethe die alte Frau das Kommende; denn ſie bebte in ſich zuſammen:Wodurch verſchuldet?

Man hat Sie geſtern nach einer Dame gefragt, die in der Hauptſtadt wohnt

Es ward dunkel vor den Augen der Matrone. phani! flüſterte ſie wankend.

Roſenberg ſtützte ſie und ließ ſie vorſichtig auf das Sopha nieder:Erſchüttert es Sie, den Anlaß einer Frage jetzt zu kennen? Und wollen Sie ihm das ſchwergetragene Weh noch einmal bereiten?

Noch einmal! ſtöhnte ſie, die Hände vor das Geſicht ſchlagend. Der junge Mann ahnte nicht, was er mit dem Wort ausgeſprochen.

Vielleicht hat, fuhr er weich fort,jene Dame oft bereut und trotz ihrer Frömmigkeit oft vergebens gebetet! Das hat ſie! nickte die Commerzienräthin.

Wenn Sie das wiſſen, können Sie dann noch ſchwanken?

Sie

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