— S
B
blnſ
rirtes Volksblatt.— Herausgeber: Haus Wachenhu
XI. Jahrgang.
1868. N 39.
Meine Mutter hat's gewollt.
Erzählung von F. L.
(Schluß.)
a drang von der Seite her ein ſchwaches Geräuſch. Fanny konnte die Einſamkeit nicht länger ertragen, ſie mußte ſich Gewißheit ſchaffen, ob der Geliebte in ihrer Nähe war. Und war er's wirklich, warum trennte ihn dann noch eine Wand von ihr? Hatte Hugo oder Helene ihm nicht geſagt, wo ſie ſich aufhielt? der Thür. Die Schweſter hörte es und erſchrak, ſo daß ſie
unwillkürlich rief:„Fanny!“ ohne dieſe herbeiziehen zu
wollen.
Aber die Kleine klammerte ſich begierig an den Ton und
trat ein:„Du riefſt mich, Schweſter?“
„Nein, ich rief dich nicht!“ ſagte Helene verlegen.
Die Kleine that, als bemerkte ſie jetzt erſt den Gaſt.
„Sie hier, Herr Doctor?“ fragte ſie, die Augen tief ſenkend.
Stephani nahm alle ſeine Kraft zuſammen:„Ich bin dafür entſchuldigt: in einer Stunde muß ich den Ort ver⸗ laſſen.“
„Verlaſſen?“ rief das Echv.
„Ich höre, Sie bleiben noch einige Wochen hier; bei meiner Rückkehr werd' ich Sie wieder begrüßen“, log er mit Fleiß.
Das Mädchen ſah zaghaft auf:„Warum müſſen Sie denn fort? Meine Schweſter wendet ſich ab? O Gott, Ihnen iſt ein Unglück zugeſtoßen?“
„Ja“, erklärte er mit brechender Stimme.
Laut aufſchluchzend warf Fanny die Arme um Helenens
Hals.
Der ſtarke Mann hatte Mühe, ſich aufrecht zu halten, „Leben Sie wohl!“ brachte er mit Anſtrengung heraus.
Das Mädchen machte ſich von der Schweſter los:„He⸗ lene weint; ſie weiß, was Ihnen geſchehen!“
„Nicht ganz, nicht Alles!“ verſetzte er halb athemlos. „Die Gefahr nimmt zu, je länger ich ſäume.“ Und im Nu hielt er die Thür geöffnet in der Hand.
Bei ſeinem letzten Wort kehrte die junge Frau ſich fra⸗ gend um:„Ich meinte, für Sie ſelbſt ſei keine Gefahr!“
Fiebernd entgegnete er:„Sie kann entſtehen oder ſie iſt ſchon da! Soll ich Verrath an der Freundſchaft auf mich laden?“
„Dies abzuwenden bin ich Ihnen gefolgt!“ antwortete eine ſanfte Stimme draußen.
Stephani prallte entſetzt zurück:„Roſenberg!“
Wachenhuſens' Hausfreund. KI. 13.
Genug, ſie hob behutſam das Schloß
Der Bankier trat ein und blieb ſo ſtehen, daß der Doctor nicht an ihm vorbei konnte. Dann verbeugte er ſich: „Mein Freund Stephani ſpart mir die Anmeldung.“ An dieſen ſelbſt gewandt, deutete er auf Helene:„Ich habe wol die Ehre, in der Dame die Bekanntſchaft zu machen, die uns geſtern verſagt blieb?“
Die junge Frau nahm dem Doetor die Bejahung ab: „Mein Name iſt Helene Fürſt.“
„Es wäre mir werthvoll, mit Erlaubniß des Fräuleins für wenige Worte Gehör bei Ihnen zu finden.“
Ehe Helene es ihm zu gewähren vermochte, rief Fanny mit fliegendem Odem:„O ſagen Sie mir zuvor ein einziges, welches Unglück Ihren Freund betroffen, wo iſt die Gefahr für ihn, von der er ſprach?“
Der Bankier trat ein paar Schritte vor:„Er hat ſie erkannt? So iſt ſie überwunden.“
„Sie iſt überwunden Roſenberg“, ſprach der Andere und ſchritt feſten Fußes ohne Abſchied hinaus.
„Er geht“, ſchluchzte Fanny von Neuem auf,„und läßt mich in Verzweiflung!“ Ohne Rückſicht auf den anweſenden Fremden brach ſie vor der Schweſter ins Knie und umſchlang Helenens Füße:„Er liebt mich nicht!“
„Er liebt Sie, holdes Kind!“ rief Roſenberg mit ge⸗ lenkem Arm geſchäftig, die Hingeſunkene aufzurichten.
„Wie?“ wandte ſie das überſtrömte Geſicht.„Das ſagen Sie mir?“
„Denn ich weiß es!“.
„Beſtimmt?“ Trotz der Erſchütterung, die in ihm ar⸗ beitete, mußte er über die kindliche Frage lächeln.„O, Sie lächeln; ſo iſt es wahr: er liebt mich! Aber—“ und der Zweifel befiel ſie noch einmal—„er will ja fort, in einer Stunde fort?“
„In einer Stunde haben Sie ihn wieder!“ tröſtete der junge Mann.„Nur fragen Sie jetzt und fürchten Sie jetzt nichts mehr!“
Gern trocknete Fanny die feuchten, blauen Augen, doch das Fragen konnte ſie noch nicht unterlaſſen:„Wird ihm bis dahin auch nichts wiederfahren?“
„Ich hoffe wenigſtens, kein neues Unglück!“
„Aber das erſte—?“ wollte ſie haſtig weiter forſchen.
Doch Helene unterbrach ſie:„Du ſollſt ja jetzt nicht fragen! Laß uns allein; die Mutter kann kommen; geh! Wenn ſie dich mit verweinten Augen findet—“
„Ich gehe ſchon!“ Indeß an der Seitenthür drehte ſie
7


