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Italien hier ſehr liberaler Natur geworden. der Begründung der Hauptſtadt hierſelbſt waren Bälle, die zur Ehre der Anweſenheit des Königs im Polazzo Pitti gegeben wur⸗ den, für Putzmacherinnen und Frauen aus den verſchiedenſten Ständen ein reicheres Feld, als für die geringere Zahl von Edel⸗ damen, die gleich von Anfang zur neuen Ordnung hielten. In neuerer Zeit mögen wol die Einladekarten zum Hofballe auf eine etwas höhere, doch immer noch ſehr weite Baſis geſtellt wor⸗ den ſein. Dies ergibt ſich beiſpielsweiſe aus dem Unſtande, daß man es vergangenen Winter für zuträglich gefunden, den Gäſten des Hofballes das Buffet abzuſchaffen. Es waren früher viele Klagen über die Buffetſtürmer erhoben worden, wonach wol mehr Zuckergebackenes, Würſte u. ſ. w. bedachtſamer Vor— ſicht für die Zukunft als augenblicklichen Bedürfniß erobert worden wären. In der letzten Zeit haben ſicher die Hofbälle an äußerm Glanz gewonnen, wozu auch namentlich die Damen von den verſchiedenen Geſandtſchaften am hieſigen Hofe viel beige⸗ tragen. Damit wird einiger Wetteifer veranlaßt.
Auch die Tochter des Schneiders, mit dem wir Bekannt⸗ ſchaft gemacht, hatte dabei, wiewol ſie eigentlich häßlich ſei, nach dem Geſtändniß des unparteiiſchen Vaters mit Diamantſtaub in den Haaren und mit der langen Raſe ganz hoffähig ausgeſehen. Um der demokratiſchen Verzweigung der Hofbekanntſchaften Einhalt zu thun, da iſt dem König in ſeinem neuen Hausminiſter ein düſter berufener Wächter, der frühere Staatsminiſter Gualterio, der bei Tag und bei Nacht Geſpenſter ſieht und Verſchwörungen wittert, zur Seite gegeben worden. Der hat für das Uebel Ab⸗ hülfe gefunden. Mit Ausnahme der Mitglieder des Municipium, der Kammern, des Senats, muß nun der Gaſt des Hofballes in Uniform erſcheinen. Der Träger des Gedankens hat dem Schnei⸗ der Concurrenz gemacht und in die bedeutendſten Schneiderläden die Zeichnung geſchickt, wonach die neue Hofuniform zu fertigen iſt. Jedoch iſt der Phantaſie des Uniformträgers wie des Schnei⸗ ders freiheitlicher Spielraum inſofern geſtattet, als ſie die er⸗ forderlichen Stickereien nach Belieben verſchönern können. Mit dieſer Anforderung der Uniformen ſind von dem letzten Hofball, der hier zu Ehren des neuvermählten kronprinzlichen Paares, Humbert und Margarethe, gegeben wurde, ein guter Theil von Hieſigen und Fremden ausgeſchloſſen worden, denen der Preis der Uniformen zu hoch ging. Da indeß oben erwähnter Träger des Gedankens nicht daran gedacht hat, auch für die Frauen eine Uniform zu erfinden, ſo ſchritt auf dem genannten Galaball neben der Herzogin auch die Schneidersfrau voll Selbſtbewußtſein vorüber. In den Blättern wurde erzählt, wie ſelbſt das männ⸗
liche Geſchlecht die ſtrenge Hofregel gewiſſermaßen zu umgehen gewußt hätte. Da hieß es, daß ſechs Journaliſten zuſammen eine Uniform gehabt, die ſie in einer dazu bereit ſtehenden Droſchke ſich nach einander abgetreten hätten, womit ein jeder ſich den in den Ballſälen präſentiren konnte. Ein Correſpondent frei⸗ lich, wie derjenige der„Times“, hatte das Zeug dazu, um ſich ſelbſt⸗ ſtändig eine prächtige Hofuniform herſtellen zu laſſen.— Die fehlenden Ballfeſte werden nach alter florentiniſcher Art durch die Conversazione zu jeder Jahreszeit erſetzt, wiewol im Kleinen auch in der größten Auguſthitze hier getanzt wird; nur koſten darf es nichts. Die Conversazione, ein Unterhaltungsabend, koſtet dem richtigen Florentiner nichts. Mit dem Mundwerk iſt er gewöhnlich überreich bedacht worden. Jeder kommt und redet und geht, wenn es ihm beliebt; denn auf die Herumreichung von Erfriſchungen braucht er nicht zu warten; ſelbſt ein Glas Waſſer wird er ſich am beſten bei Seite oder in der Küche er⸗ bitten. Fremde finden ſich anfangs nicht ſogleich darein, wie man da ſo lange im Halbkreiſe trocken herumſitzen könne, um nur die Sprechwerkzeuge in Bewegung zu halten. Deutſche und Engländer namentlich machen ihre Unterhaltungsabende abwech⸗ ſelnder und bringen Spiel und Geſang und Erfriſchungen da— zwiſchen. Auch Italiener aus andern Gegenden finden dieſe edle ſtorentiniſche Art nicht alle ſehr heimiſch für ſich, und es liegt in der Natur der Hauptſtadt eines großen Landes, daß italieniſche Familien hierſelbſt allmählich des Fremden viel annehmen koͤnnen. Von Deutſchen, welche hier ihre
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Beſonders noch vor
wickelten“ dieſer lauen Luft,
Unterhaltungsabende haben, den zu ſollen.
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thut ſich Lubmilla Aſſing hervor. Ihr Salon wird von durch⸗ wandernden Deutſchen, von Angehörigen vieler anderer Nationen und namentlich ſtark von Italienern beſucht. Da brauſt und ſummt es in einer Atmoſphäre, wie ſie die Schriften athmen, die Ludmilla Aſſing ſeit ihrem Aufenthalt in Italien reichlich zu Tage fördert.
Wenn man Ludmilla Aſſing's kleine und dünne Geſtalt mit dem anſpruchsloſen, guten deutſchen Geſichtchen begegnet, da mag man ſich ſchwerlich denken, daß darunter ſo viel mazziniſtiſches Feuer und Revolutionsglut ſteckt. Man kann ſich nicht ſo leicht Rechenſchaft geben, wo es da eigentlich brennen mag, ob im Herzen oder im Gehirn. Ludmilla Aſſing hat ſich hier heimiſch gemacht; denn wiewol ſie nach der auch ſie betreffenden preu⸗ ßiſchen Amneſtie vorübergehend wieder in Berlin weilte, ſchien ihr doch die amneſtirte Luft dort nicht mehr zu behagen. Viel⸗ leicht wirkte daneben auch jene Sehnſucht mit, welche nach den Ausſagen mancher Leute diejenigen immer wieder nach Italien zurückzieht, die hier einmal länger verweilt haben. Ludmilla Aſſing hängt mit großer Liebe an ihrem hieſigen Salon, und es wird ihr viel nachgerühmt, wie freundlich ſie ihre Gäſte zu em⸗ pfangen und wie geſchäftig ſie die richtigen Leute einander zu⸗ zuführen weiß. Ein recht ſprechendes Beiſpiel, wie die Sehnſucht den Wanderer wieder nach Italien zurücktreibt, hat uns dieſen Winter Dr. Vehſe, der Verfaſſer der Hofgeſchichten, gegeben. Er hatte 1861 Italien nach mehrjährigem Aufenthalt wieder verlaſſen, recht bitterlich unzufrieden mit den mancherlei kleinen Unannehmlich— keiten, durch welche hier Land und Leute deutſche Gemüthlichkeit und Behaglichkeit ſo oft ſtörend berühren. Dr. Vehſe hat während ſeines darauf folgenden Aufenthalts in Sachſen vollſtändig ſein Augen— licht verloren. Deſto lebhafter malte ihm ſein inneres Auge das ſonnige Italien wieder aus. Er ſehnte ſich nach dem„Einge⸗ die man anderwärts eben nicht ſo anſchmiegend um ſich fühle. So kam er an der Hand einer Führerin hier wieder an. Und überraſchend lebhaft und heiter wirkten die kleinſten Erinnerungen auf ihn ein; der Ton meiner Stimme weckte ihm eine kleine Welt von lichten Tagen zurück, und er fühlte ſich ſo wohlig, daß ſeine Erblindung, wie er ſelbſt äußerte, ihm gar kein großes Unglück ſchien.
Dr. Vehſe theilt mit Ludmilla Aſſing die Zurückhaltung ge⸗ gen die Berliner amneſtirte Luft. Seine Geſchichten mit der Hausvogtei ſind ihm immer noch in friſcher Erinnerung. Er fühlt noch lebhaft, wie in jenem Augenblick, als durch die raſt⸗ loſen Bemühungen ſeiner Tochter bei einflußreichen Perſönlich⸗ keiten von menſchlicher Empfindung ihm die vorläufige Freilaſ⸗ ſung gegen Caution zugeſtanden, als die 3000 Thaler Caution endlich aufgetrieben waren und er nun frohen Sinnes ſein Ge⸗ fängniß verlaſſen wollte, ein Beamter der Polizei ihm erklärte, man habe ihm ſchon wieder etwas anhängig gemacht. Er fühlt es noch lebhaft, wie in jenem Augenblick, als der Gerichtsprä⸗ ſident nach verkündetem Urtheil der Gefängnißhaft ihm wohl⸗ wollend erklärte, daß er appelliren und bis zur höhern Entſchei⸗ dung ſich ganz frei bewegen könne, der Staatsanwalt einfiel: „Apelliren Sie nur, ich muß Sie gleich wieder einſtecken.“ Der Verfaſſer der Hofgeſchichten, der ſich zu tief nach Mecklenburg verirrt hatte, wollte ſich nicht wieder„etwas anhängig“ machen laſſen und ließ die Appellation bleiben, wie es ihm vertraulich und menſchenfreundlich auch ein höherer Beamter der Polizei ge⸗ rathen. Vehſe befand ſich vor der Ertheilung der betreffenden Amneſtie in der eigenthümlichen Lage, in jedem der zahlreichen deutſchen Lande ſich frei aufhalten zu dürfen, ausgenommen in demjenigen, in welchem er ſich gerade jeweilig befand. Man ſah es an dem einen Hofe nicht eben ſo ſchlimm an, was über den andern Hof geſagt worden war, aber in dem eigenem Haus da war es etwas anderes. So iſt denn der Vielgeprüfte, Schwei⸗ zer Bürger geworden. Seine dunklen Tage waren ihm neuer⸗ dings durch die Nachricht erhellt worden, daß der Sohn ſeines Verlegers Campe eine neue Auflage der preußiſchen Hofgeſchichten mit den Geſchichten der Höfe der annectirten Länder vorbereitet, aber es ſcheint damit doch noch nicht ſo ſchnell vorgegangen wer⸗ K. Koch.


