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Wie geſagt, der vor vierundzwanzig Jahren erfolgte Tod Sallet's entzog eine bedeutende Kraft dem deutſchen Vaterlande. Sie iſt noch lange nicht nach Verdienſt gewürdigt worden. und mögen deshalb dieſe Zeilen beitragen, das Intereſſe für
ihn aufs Neue rege zu machen. Sein„Schön Lola“, iſt ein köſtlicher Genuß für jeden Poeſiefreund, und ſeine„Contraſte und Paradoxen“ wird ebenfalls ſchwerlich Jemand ohne Be⸗ friedigung aus der Hand legen.
Uueber ſeine äußern Verhältniſſe läßt ſich wenig ſagen. Er war in ſeiner Jugend auf einer preußiſchen Militärſchule; ſpäter kam er als Offizier nach Mainz. Das Unthätige ſeines
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Standes ließ ihn eine Sathyre auf ihn ſchreiben, die ihm zehn Jahre Feſtungshaft einbrachte, aber durch des Königs Gnade auf zwei Monate reducirt wurde. Er ſaß dieſelbe in Jülich ab. Später entſagte er dem Militärſtande, lebte nur der Literatur in Breslau, heirathete eine Couſine, die ihm als Poeſiegeſtalt ſchon in früheſter Jugend vor Augen geſchwebt. Er lebte glücklich und zufrieden, ſo weit dies ſeine häuslichen Verhältniſſe betraf. Der Himmel ſchenkte ihm einen Sohn, die Muſe war ihm günſtig, er arbeitete raſch und viel, ganze Nächte durch— da ereilte ihn der Tod, plötzlich und unerwartet. Es war am 21. Februar 1843. Ehre ſeinem Namen!
Zittheilungen ans Italien.
Florenz, im Juni.
„Unſere bürgerliche Geſellſchaft nimmt täglich einen mehr kosmopolitiſchen Charakter an; die Pariſer Induſtrie⸗Ausſtellung hat mehr als alle ihre Vorgängerinnen die Völker aller Nationen, aller Weltheile durch einander gequirlt; wir Deutſchen vorzugs⸗ weiſe haben uns dabei durch eine überwiegend zahlreiche Vertre⸗ tung des germaniſchen Elementes als eine Nation gezeigt, die überall zu Hauſe, überall ſchnell heimiſch wird und die ganze Welt als ihr Vaterland erkennt.“ Vorſtehende Worte, die Herr Hans Wachenhuſen in Nr. 1 des„Hausfreund“ zur Einleitung in eine neue Dekade deſſelben an ſeine Leſer richtet, haben, wenn irgendwo, auch in Italien ſchon von Alters her ihre Beſtäti⸗ gung gefunden. In deutſchen Papieren des florentiniſchen Cen⸗ tral⸗Archivs iſt zu leſen, wie ſchon gegen Ende des funfzehnten Jahrhunderts deutſche Schuſter und Schneider über die Alpen und die Apenninen herniederſtiegen und ihre eigenen Zünfte in Städten wie Florenz, Piſa u. ſ. w. hatten; wie ſie des Weges kommend, wol auch ihrer geringen Habe beraubt wurden und dann in altbrüderlichem Zuſammenſtehen dieſer Zünfte mit ein⸗ ander in brieflichen Verkehr traten, um einem ihrer Mitglieder eine Hoſe oder anderes Kleivungsſtück mit demſelben Eifer zu be⸗ ſchaffen, als wenn es ſich darum handelte, den Beſtand einer ganzen Zunft zu erhalten, die in Piſa einmal bis auf einen einzigen Schuſter zuſammengeſchrumpft war, welchem die Beſorgung des Dels für die Lampe des Madonnenbildes in gepflogener Weiſe oblag. So wie vor Jahrhunderten bildet der deutſche Arbeiter noch heute in Italien ſich bald eine heimiſche Stätte. Aber wie viel Bienenarbeit und Mühe und zähe Ausdauer ein ſolches Ar⸗ beiterleben in ſich ſchließt, bis es zu dem, was man äußerlich ſieht, zu einem lichten und warmen geworden, das darzulegen, gäbe wol hundert und hundert Geſchichten. Da ſpannen und überſpannen ſich die Phantaſien mit weitgeſuchten Novellen, indeß als unerreich⸗ bare Meiſterin die Natur in das friſche Leben des Volkes greift und unbekümmert ihre Geſchichten der Wirklichkeit ſpinnt! Mehr als am mütterlichen Herd lernt der Deutſche, der weit in die
weite Welt hinauswandert, auch die Gewalt der Geſchicke kennen.
So ſehr der Deutſche oft wegen ſeiner Beſcheidenheit mitleidig belächelt wird, ſo gut iſt ihm dieſe, durch eigene Kraft und ge⸗ diegenes Thun ſich ſelbſt zur Geltung zu bringen. Florenz übte immer beſondere Anziehung auf deutſche Zuwanderer aus. Da iſt Süden und Norden wie Weſten und Oſten Deutſchlands ver⸗ treten. Auch Berliner Kinder ſind feſtgeſetzt, und nicht unter den letzten. Auch ſie haben ihre Geſchichte. Wenn man da einen kosmopolitiſchen Schneider ſieht, der ſeine Gebilde nach Amerika wie nach Conſtantinopel, nach London und nach dem Herzen der Mode, nach Paris ſelbſt, verſendet und nun in bür⸗ gerlichem Selbſtbewußtſein dem Vertreter einer im Uebrigen ſo empfindlichen, großen Nation, welcher unter ſeinen Sorgen der hohen und kleinen Politik ſich ſeines gewöhnlichen Zuſammen— hanges mit bürgerlichen Dingen nicht recht bewußt zu ſein ſcheint, in offener Kriegserklärung zuruft: mach deine Rechnung mit dem — Schneider. und ſich dabei auf dem eigenen Gebiet des Gegners bis zu Erörterungen über die Zuträglichkeit fraglicher Vertretung eines Landes erhebt, ſo denkt man nicht ſo leicht da⸗ ran, wie eine ſolche Exiſtenz geworden iſt, wie das da eingewan⸗ dert war zu einer Zeit, als Florenz noch nicht ſeine Straßen
zur Großſtadt erweitert, noch keine glänzenden Schauläden er⸗ öffnet hatte, und wie in idylliſcher Sorgloſigkeit die Burſchen noch in bäuerlicher Sammtjacke des Abends mit Zitherſpiel durch die Straßen zogen und die Städterinnen noch die breiten floren⸗ tiniſchen Strohhüte trugen, die nun längſt auch die Bauernmädchen ſchon abgeſchafft haben. Kugelflaſche Weins(gegen 3 ½ Bierflaſchen) noch zwei Groſchen und auf dem Lande noch weniger, und wie jetzt gingen auch damals die Deutſchen gern in die Friſche des Landes hinaus und verbrachten den Abend beim funkelnden Glaſe unter Geſang. Und doch wollte es bei dem ſprudelnden Ueberfluſſe, mit vem Bacchus ſeine Schalen füllen ließ, den jungen Zuwanderern in ihren erſten Zeiten des Mühens nach rechts und links nicht reichen, ſo daß ſelbſt ein Schneider vor den Grenzen ſeiner Kunſt ſeine Kräfte ſinken ſehen konnte und es aufgeben mußte, der Unverbeſſerlichkeit ſeiner Unausſprechlichen Herr zu werden. Aber die Aſſociation hat auch ſchon früher oft zu Stande ge⸗ bracht, was der Einzelne nicht vermochte. Da gab es einen Flügelbauer und Tiſchler, auch ſo einen guten Deutſchen, deſſen Geſchicke zu denen des Schneiders hinneigten, und was unter den Fingern des Letztern ſich unwiderſtehlich erwieſen, das erhielt an einem ſchönen Sonntage unter dem Leimtiegel wieder Selbſt⸗ ſtändigkeit und Veſtand. So war man wieder präſentirbar. Der Schneider aber hat des Tiſchlergewerkes dankbar gevacht. Nach all den großen und kleinen Misgeſchicken, die zähes Blut mit dem von Vater und Mutter anerzogenen Sinn für gediegenes und redliches Schaffen überwindet, war er der Erſte, der Flo⸗ renz mit dem Anblick eines modernen Schauladens überraſchte, wie er ihn nach eigenem Sinnen und Zeichnen hatte herſtellen laſſen. Und nun kamen die Tiſchler der Stadt und ſchauten und prüften und nahmen die Maße, und es entſtanden allmäh⸗ lich jene Schauläden, die neuerdings, ſeitdem Florenz Haupt⸗ ſtadt eines Königreichs geworden, ſich zu ſo glänzender Pracht von Holzſchnitzerei und Marmorgetäfel erhoben haben. Mit der Hauptſtadt werden die Straßen erweitert, die Idylle findet ſich nicht mehr heimiſch, und wer die Hauptſtadt des Königreichs Italien nicht weit weg von hier⸗ wünſcht, bewegt ſich mit dem Strom eines modernen Lebens.
Dieſes Leben iſt aber hier lange noch nicht zur zweiten Natur geworden. In den Carnevalstagen dieſes Jahres war es ſo recht erſichtlich, wie viel noch dazu gehört, ehe die verſchie⸗ denen Stämme Italiens zu Luſt und Leid hier zuſammenwachſen. Mit einigen ſehr belobigten Ausnahmen hielten die großen Familien ihre Vergnügungsſäle verſchloſſen. Die fremden Geſandtſchaften thaten zumeiſt daſſelbe. Für die Einen wurde dieſer, für die Andern jener Grund der Zurückhaltung angegeben. Von dem Vertreter Frankreichs, der überdies immer viel mit ſeiner großen und tleinen Politik zu ſchaffen hat, meinte man, er getraue ſich kei⸗ nen Ball zu geben, weil ihm das Seil zwiſchen Paris und Flo⸗ renz zu geſpannt erſchien, um darauf zu tanzen. Das hätte vielleicht der türkiſche Geſandte zu Stande gebracht, der unbe⸗ kümmert um die Sage vom kranken Mann ſeinen Ball gab, und mit anerkannter Gelenkigkeit den ſchauenden Damen zeigte wie man Quadrille zu tanzen habe. Sonſt hat nur etwa der Hof durch ein Ballfeſt noch Einiges zum Vergnügen der florentiner Welt beigetragen. Die Hofbälle ſind unter dem Königreich
Ja, damals koſtete eine ganze gewaltige
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