ſich angezogen fühlen durch Form und Inhalt, durch Kern und Schale. Und der letzteren ließ Sallet ſtets geringe Pflege angedeihen. Er iſt ſich ſeiner Schwächen bewußt, er weiß, daß das Verſtändniß für ſeine Schriften nur ein ge⸗ theiltes iſt:
Das Wort kommt nicht ſo ſchnelle In's Ziel hereingefahren;
Doch trifft's die rechte Stelle
Oft noch nach hundert Jahren.
— 601
langen, iſt nicht möglich— ſie will doppelt gereizt ſein und
über das geſundheitliche Maß hinaus Anſpannungen beſtehen — der lleine, ſchwächliche Körper ſank allmählich zuſammen— kaum einunddreißig Jahre alt und der herrliche Geiſt in ihm hatte aufgehört zu leben! Wahrlich, hätte dieſen Mann nicht eine verzehrende Unruhe durchs Leben gehetzt, hätte er mehr Sorgfalt auf ſeine Form gelegt, er wäre bei ſeinen Anlagen, bei ſeinem Wiſſen ein Poet erſten Ranges geworden. Er war ein Mann und Charakter, und das heißt mehr als ein Dichter ſein! Von wie vielen Poeten läßt ſich das Erſtere nicht ſaßen, von Leuten, die zu Sallet's Zeit in die Sieges⸗
Friedrich von Sallet.
So will ich wacker pflanzen
Des Wortes Batterieen,
Draus laſſ' ich rauhe Stanzen Zu Hunderten entfliehen.
Jetzt nennt ihr's nur ein Schnattern, Doch euren Kindeskindern Wird's, als ein Schuſſesknattern, Die feige Ruh' ſchon mindern. Jetzt darf ich noch nicht gleißen, Bin blos ein Belletriſte;
Doch einſtens werd' ich heißen Ein Zukunftsartilleriſte.
Nichts lag ihm ſo fern als der Ehrzeiz, ein Dichter zu ſein. Kopf und Herz hatten nur den einen Gedanken: Nutzen zu ſtiften für Volk und Vaterland, an dem Tempel mitzu⸗ bauen, der die geſammte und ungetheilte Menſchheit in ſich aufnehme. Es war ein ſchönes Ziel, das er ſich vorgeſetzt, aber er überſchätzte ſeine leiblichen Kräfte, er ließ ſeinen Geiſt
Wachenh uſen's Hausfreund.
trompete blieſen,„rothe Lieder“ ſangen, die Guillotine in Verſe brachten und nun ſeit zwanzig Jahren verſtummt ſind. Wir haben manchen Poeten, von dem wir ſagen möchten, es wäre beſſer geweſen, daß er bald nach ſeinen Liedern zu den Todten gegangen. Man hätte dann nicht ſeine„Wandelungen“ zu beklagen, und weniger einen Helden, den wir heute, wo die Acten der vierziger Jahre geſchloſſen ſind, in die Kategorie der Ueberläufer und Schönſchwätzer ſtellen müſſen. Sallet's „Laienevangelium“ und ſeine„Gedichte“ bleiben das ewige Vermächtniß eines revolutionären Geiſtes. Er machte Oppoſition wider Alles und Jedes, ihm war nicht wohl, wo er nicht angreifen, einhauen, losplatzen konnte. Und es iſt gewiß, hätten ſeine Dichtungen bei ſeinen Lebzeiten ein größeres Publikum gefunden, wäre ihnen nicht der Eingang bei vielen Leſern durch ihre rauhe harte Form erſchwert worden, ſo hätten die Behörden ein ſchärferes Auge auf ihn gerichtet und er wäre gewiß nicht ohne Beſtrafung davon gekommen.
76


