Jahrgang 
1868
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Aus aller Welt.

XXXI. Nero's Tod. Die Revolution der Frauen. Girardin und ſein Arcadien. Die hohen Seidenpreiſe und ihre Urſache. Ein geheimnißvolles Drama. Fauſt

als Ballet. Das Canadiſche Heirathsbureau.

Die ganze Menſchheit iſt eine Heerde von Kindern, wir

S W Beide, lieber Leſer, natürlich ausgenommen. Welch' eine Menge von ſentimentalen Be⸗ trachtungen haben unſere Zei⸗ tungen an den Tod RNero's geknüpft, nicht des römiſchen Kaiſers, der ſchon vor längerer Zeit geſtorben iſt, ſondern je nes Hühnerhundes in St.⸗Cloud, der bei Lebzeiten die Ehre hatte, dem Kaiſer Napoleon III. die Faſanen zu apportiren, welche Se. Majeſtät erlegten.

Nero, ſo hieß es in den Zeitungen, war der intimſte Freund des Kaiſers, der durch den Tod ſeines Lieblings ſogar in eine ſchwere Krankheit verfallen ſein ſollte, und vergeblich ſuchten die Nekrologiſten in Nero's Lebensgeſchichte nach großen Thaten oder wenigſtens erheblichen Charakterzügen. Die albernſten Betrachtungen wurden von einzelnen Zeitungsſchreibern angeſtellt, und an der Börſe ſanken die Courſe, weil man behauptete, Napoleon werde den Verluſt nicht lange überleben.

Nero, ſo ſchwärmte ein Feuilletoniſt, war der einzige auf⸗ richtige Freund des Kaiſers, und hundert Andere ſagten es gedankenlos darauf nach.

Welch' eine Dummheit! Daß der Hund der Freund des Menſchen, iſt bekannt; wer viel Freunde haben will, ſchaffe ſich alſo viel Hunde an. Im Allgemeinen aber iſt gerade der Hund nach meiner Ueberzeugung der größte Schmarotzer. Stellt ihn vor einen Bettler und einen Ariſtokraten: er wird jedenfalls den anbellen, der ſchlechte oder zerriſſene Kleider trägt.

Kein Wunder, wenn auch Nero Bonapartiſt geweſen; denn jeder Hund wird ſich für den entſcheiden, der ihm die größten Fleiſchtöpfe vorſetzen kann.

Nero hatte ſchon vor einem Jahre dem Kaiſer viel Sorge gemacht, er war eines Tages verſchwunden, Niemand ahnte, wo hin, und ganz Paris ward dadurch in Aufregung verſetzt, wie kürzlich alle Anbeter der ſchönen Sängerin Marie Roze in Alarm gebracht wurden, die dem Finder ihres verlorenen Hundes eine Belohnung ausſetzte und mit dieſer Verheißung natürlich alle ihre Verehrer auf die Beine brachte..

Die Kaiſerin Eugenie liebte den unglücklichen Nero nicht; denn im Widerſpruch zu ihren ſpaniſchen Schweſtern, die gern den ganzen Tag hindurch mit ihrem Hund im Schoße daſitzen, hat ſie eine Averſion gegen alle dieſe Thiere, und Nero ſtarb alſo, von ihr nicht betrauert, in der Blüte ſeiner Jugend, im achten Jahre. Man behauptet, er habe Memoiren hinterlaſſen.

Da wir hier einmal von Hunden reden, ſei einer natur⸗ hiſtoriſchen Curioſität erwähnt, deren Zeuge ich vor Kurzem war, als ich von Boulogne über den Kanal nach Folkeſtone fuhr. Ich hatte ſtets gehört, daß die Hunde nicht der Seekrankheit unter⸗ liegen. Auf dem Schiffe war eine Anzahl blondhaariger Miſſes, die als Angehörige der meerbeherrſchenden Nation dem Seegange trotzten, während die Franzöſinnen über den ihnen gereichten Schüſſeln die größten Klagetöne ſangen. Zu den Paſſagieren gehörte ein normanniſcher Junge, der ſeegewohnt und breitbeinig

Feuilleton.

Hund, ein ganz ordinäres

auf dem Verdeck umherſtieg und ſchadenfroh mit anſah, wie ſein

Vieh von gar keiner Raſſe, kläglich umher taumelte und endlich vom ärgſten mal de mer befallen

wurde.

Ich habe ihn mir hier abgebildet und präſentire ihn den Sachverſtändigen als naturhiſtoriſche Merkwürdigkeit.

Schon vor wenigen Wochen erzählte ich von der Frauen⸗ Revolution, die ſich in New⸗York vorbereitet und ſich über die ganzen nordamerikaniſchen Freiſtaaten auszubreiten droht. Der Geiſt der Empörung gegen die alten ſocialen Geſetze erhebt be⸗ reits die Fahne,the women's league, der Frauenbund, iſt in Neuyork geſchloſſen, er wird ſeine Emiſſäre über ganz Amerika, über die ganze Welt ſenden und der Knechtſchaft des weiblichen Geſchlechtes ein Ende machen.

Die erſte Sitzung desFrauenbundes alſo hat in Reuyork ſtattgefunden und iſt ſehr ſtürmiſch geweſen; denn alle Damen haben zugleich geredet. Zwei Stunden hat allein die Debatte über die Frage gedauert, welchen Namen man dem Bunde geben ſolle; ebenſo heiß iſt die Debatte über den Punkt geweſen, ob man ſich mit Politik beſchäftigen wolle; dann endlich haben ſie ſich beruhigt und zuſammen gefrühſtückt.

Verſchiedene der bedeutendſten amerikaniſchen Blauſtrümpſe haben natürlich dieſer Sitzung beigewohnt und Reden gehalten, ſo ſcharf wie ein ſchneidig Schwert.

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Emil Girardin iſt immer der Mann der Ideen. Svoeben überraſcht er die Welt mit der Behauptung, kein Menſch habe das Recht, den anderen zu ſtrafen. Alle Strafgeſetze civiliſirter Staaten ſeien daher eine Anmaßung, die in nichts auch nur irgend welche Berechtigung finde.

Nalürlich erſcheinen ihm in Folge deſſen die Gensdarmen, die Polizei⸗ und Gerichtsbeamten als ſehr überflüſſige Leute, ſogar als Uebelthäter, die der unglücklichen Menſchheit eine Plage ſind. Nach der Theorie, welche er aufſtellt, ſind alle Laſter zu heilen, alle Vergehen nur durch die Geſetze entſtanden. Mord, Raub, Diebſtahl, Gewalt u. ſ. w. ſind auszurotten, werden von ſelbſt aufhören, ſo bald wir uns gegenſeitig keine Gelegenheit mehr geben, uns einander todtzuſchlagen, zu beſtehlen und zu betrügen.

Girardin kommt ganz auf meine Idee, die ich an dieſer

Stelle ſchon einmal äußerte: Sobald erſt Jeder von uns in einem

eiſernen Geldſchrank wohnt, kann ihm Niemand mehr ſeine Kaſſe oder ſeine ſilbernen Löffel ſtehlen. Girxardin aber führt ſeine Idee weiter aus; er will die ganze bürgerliche Geſellſchaft auf einen anderen Fuß bringen, alle Böſewichter nicht durch ſchöne Worte, Lehren oder Zwangsmaßregeln, ſondern durch die Nothwendigkeit bekehren.

Um, ſagt er,den Böſewicht vom Diebſtahl zu ent⸗ wöhnen, der ihn zum Einbruch und zum Morde verſucht, werde ich keine Kaſſe mehr haben; ich werde alle meine Zahlungen durch Cheques machen, werde andere Taſchen erfinden, die nicht ſo offen ſtehen, wie die unſerigen. Ich werde ferner meine ſilbernen Löffel und Gabeln durch andere erſetzen, die mit Hülfe der Galvano⸗ plaſtik wie Silber ausſehen, aber keinen Werth haben; ich werde eine Glocke an meinen Fenſterläden, eine Eiſenbarre und eine elektriſche Schelle an meiner Thür haben und die ganze Nacht hindurch eine Nachtlampe brennen. Mit einem Wort: ich werde meine ganze Phantaſie aufbieten, um Vorſichtsmaßregeln zu er⸗

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M hMreh