die ſich in einem der gemüthlichen Parlors des St. Nicolas⸗ Hötels zuſammengefunden hatten. Man hatte in der Nacht vorher im Lafahette⸗Square die Leiche eines Mannes gefun⸗ den, mit deſſen früheren Verhältniſſen Mr. Hayward, wie einer der Berichterſtatter des allwiſſenden„Herald“ mitgetheilt hatte, näher bekannt war, und ſomit konnte er unſerem Drängen, die Geſchichte deſſelben zu erzählen, nicht ausweichen.
„Es ſind keine Geheimniſſe, die ich Ihnen mittheilen kann“, begann er;„Nachforſchungen in den Tagesblättern würden Sie leicht davon überzeugen können, daß ich Ihnen nur Belanntes, das ſich im Laufe der Jahre ereignete, zu einem Ganzen zuſammenſtelle. Aber das Stück Leben, das ich vor Ihren Blicken aufrollen werde, mag Ihnen zeigen, daß die Verbrecher, die uns in die Hände fallen, nicht immer der Kaſte der Parias entſpringen.
„Es ſind ungefähr zehn Jahre her, als eines Tages der
Lverpooler Dampfer Aſia— ich war damals Conſtabler und hatte Dienſte an der Landungsbrücke— einen kleinen kugel⸗ 9
runden Engländer an unſere geſegnete Küſte ſetzte. Er ge⸗ rieth mit einem Karrenführer, der ſeinen Koffer ohne Auftrag aufgeladen hatte, in Streit, und durch meine Intervention wurde ich mit ihm bekannt. Ich begegnete ihm ſpäter hin und wieder, und er grüßte mich ſtets ſehr freundlich, da er den kleinen Dienſt, dem ich ihm bei ſeiner Ankunft erwies, nicht vergeſſen hatte. Er nannte ſich William Ferguſon; dieſer Name war aber ein angenommener, wie ſich bald heraus⸗ ſtellte— in Wirklichkeit trug er einen alten berühmten Namen, den ich Ihnen jedoch aus Rückſichten für ſeine Familie ver— ſchweigen will. Er gab ſeine Empfehlungsbriefe in der Fünften Avenue und in Madiſon⸗Square ab, und dieſe lauteten alle auf den angenommenen Namen. Bei den Upper Ten“ fand er überall die beſte Aufnahme, und ſein liebenswürdiges Be⸗ nehmen, ſowie ſein unerſchöpflicher Humor, der ſich namentlich in Ausfällen gegen die engliſche Ariſtokratie Luft machte, ge⸗ wannen ihm alle Herzen. Der alte Baker, der Präſident der Manhattan-Bank, war ganz verliebt in das Kerlchen, nahm ihn überall hin mit ſich, und führte ihn namentlich auch bei den(Bigbugs“ in Wallſtreet ein.
„Die Leute riſſen ſich um Ferguſon; Jeder fühlte aus dem Auftreten und Sprechen des jungen Engländers den feinen Mann heraus, und wenn er ſelbſt auch nie einräumte, daß er der Sprößling einer edlen Familie ſei, ſo wußte er doch aus dem Glauben Anderer daran Kapital zu machen. Er ließ ſeine Freunde fühlen, daß er ungenirt einige Jahre in Amerika leben wolle, bis er volljährig ſei— um Land und Leute kennen zu lernen, wie er ſich ausdrückte,— er konnte ja ſeine Revenuen verzehren, wo er wollte. So war er faſt ſechs Monate der Löwe des Tages; eine Einladung drängte die andere, und gewiß fand keine größere Geſellſchaft ſtatt, zu der man ihn nicht bei ſich ſehen wollte. Sein Verhältniß zum Bankpräſidenten blieb immer daſſelbe innige, und man ſprach ganz offen davon, daß der alte Baker ihm die Hand ſeiner älteſten Tochter geben würde. Mit Neid blickten die Mütter anderer heirathsluſtiger Töchter auf die Bevorzugte, ſie misgönnten ihr den Triumph und boten, da die Verlobung noch nicht offen ausgeſprochen war, Alles auf, um den jungen Mann in ihre Netze zu locken.
„Wer von Ihnen, meine Herren, ſchon in den Kreiſen dieſer Geldfürſten verkehrt hat, wird wiſſen, wie gern dieſel⸗ ben mit der Europäiſchen Ariſtokratie liebäugeln— aber auch ohne von den feinen Weinen und Diners derſelben genoſſen zu haben, wiſſen Sie, daß ein Yankee ſich keine Gelegenheit entgehen läßt, wo es etwas zu verdienen gibt, und dazu ſahen einige der(Upper Ten in Ferguſon ein ſehr geeignetes Mittel. Um die Broadway-Petroleum⸗Compagnie zu heben, bot man ihm den Vorſitz und zwanzigtauſend Dollars als Zugabe an. Aus Höflichkeitsrückſichten nahm er nach vielem Drängen das Anerbieten an. Eine andere Geſellſchaft wählte ihn zum Mitdirector und offerirte ihm, unter Erfüllung der in den Statuten vorgeſchriebenen Bedingung', daß er in ihrem ganz ſoliden Unternehmen Actien bis zum Betrage von 5000 Dollars zeichne, das übliche Jahrgehalt mit 2500 Dollars.
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Er nahm
dies Anerbieten an, gab für ſeine Einlagen Wechſel auf ſeinen Londoner Bankier, und dieſe fanden in Wallſtreet willig Käufer.
„Ungefähr um dieſe Zeit blieben, vermuthlich durch den Untergang des Steamers Canadian veranlaßt, ſeine Rimeſſen aus, und die Hälfte der Geldleute in Wallſtreet rechneten es ſich zur Ehre an, ihm mit einigen hundert Dollars aus der Verlegenheit helfen zu können. Da er nun natürlich erſt in längſtens drei Wochen in Beſitz der Secundawechſel kommen lonnte, war er ſo gefällig, Alles Geld, was ihm angeboten wurde, anzunehmen und außerdem noch einige kleine Tratten auf London abzugeben. Um jene Zeit hatte er ein kleines Geſchäft in der Stadt der brüderlichen Liebe abzumachen und erbat ſich von ſeinen Freunden Empfehlungsbriefe dorthin. Aber auch dort mußte er Liebhaber für engliſche Wechſel ge⸗ funden haben; denn die Thatſache, daß er ſehr vergnügt von ſeinem Ausfluge zurückkehrte, ließ darauf ſchließen, daß er ſeine Geſchäfte zur Zufriedenheit geordnet hatte. Da fiel eines Tages eine Bombe in Wallſtreet. Es hieß, William Ferguſon ſei ein Spieler, und zwar einer der abgefeimteſten dieſer Species von Menſchenfreſſern. Wie ein Lauffeuer ver⸗ breitete ſich das Gerücht in der Fünften Avenue und in Wallſtreet. Lord Ferguſon, hieß es, habe an einem gewiſſen Abend in einem Clubhauſe in der Broadſtreet Bank gehal⸗ ten und durch ſeine Finten, die ein ihm unbekannter mis⸗ günſtiger College verrathen, zu wiederholten Malen bedeutende Summen an ſich gebracht. Glatt und ſchlüpfrig wie ein Aal, war es ihm jedoch gelungen, mit Hinterlaſſung ſeiner Baarſchaft zu entkommen.
„Welchen Eindruck dieſe Nachricht auf den Bankpräſiden⸗ ten und in den noblen Quartieren überhaupt hervorrief, brauche ich Ihnen wohl kaum zu ſagen. Die Scham ließ die meiſten Opfer dieſes ariſtokratiſchen Fremden über ihre Verluſte ſchweigen;— alle aber werden die heilſame Lehre daraus gezogen haben, daß es nicht gut ſei, wenn Republikaner mit den Sitten des Königthums liebäugeln.
„Einige Tage darauf ſitze ich gegen 11 Uhr Abends in dem Wachtzimmer des Stationshauſes in Centreſtreet; es war bitterlich kalt, und ich hatte meinen Ofen gut geheizt. Da ich die Nacht vorher nur wenig geſchlafen hatte, ſo nickte ich auf meinem Stuhle ein. Plötzlich wurde ich durch das ge⸗ räuſchvolle Eintreten von zwei Conſtablern, die einen Arreſtanten brachten, erweckt. Hinter ihnen her drängte ſich eine aufge⸗ regte Menſchenmaſſe. Der Gefangene hatte nach Ausſage der Conſtabler in einem benachbarten Spielhauſe einem Manne den Schädel eingeſchlagen; der ohne jede Provocation tödtlich Getroffene hatte nach dem Dafürhalten des herbeigerufenen Arztes nur noch wenige Stunden zu leben. Der Angriff ſollte hinterrücks, während der Andere die Zeitung las, ge⸗ ſchehen ſein.
„Ich war anfangs der Meinung, der Gefangene ſei ver⸗ rückt; denn es ſind Fälle von Geiſtesſtörung bei Leuten, die in den Spielhäuſern verkehren, nicht ſelten; indeſſen der her⸗ ausfordernde Blick des Menſchen und ſein leckes Benehmen belehrten mich bald eines Andern. Auf meine Frage, ob er das Verbrechen, deſſen man ihn beſchuldigte, begangen habe, entgegnete er mit einem ſpöttiſchen:„Ich glaube beinahe.» Ich nahm deshalb mein Regiſter zur Hand, um den Fall ein⸗ zutragen und fragte ihn nach ſeinem Namen.—(Ich heiße heute noch William Ferguſon?, antwortete er,(vor dem Rich⸗ ter werde ich einen anderen Namen geben.— Ich ſah den Menſchen betroffen an— er war es, der frühere Paſſagier der Aſia, nur das Schnurrbärtchen war verſchwunden und ſtatt deſſen ein Backenbart cultivirt. Ich kannte ſeine Ante⸗ cedentien damals noch nicht, da dieſe erſt durch die ſpäteren Gerichtsverhandlungen aufgedeckt wurden. Ich ließ ihn nun hinter Schloß und Riegel bringen, die Conſtabler gingen auf ihre Poſten zurück, die Menge verlief ſich und ich war wieder allein.
„Je mehr ich an den Menſchen dachte, deſto mehr ge⸗ wann ich die Ueberzeugung, daß hier ein beſonderer Fall vor⸗ liege. Um daher meine Neugierde zu befriedigen, beſchloß ich, als ich gegen Mitternacht abgelöſt ward, ſo ungewöhnlich es auch
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