Mkt. M
überführen“, entgegnete die Schwiegermutter.„Ich ſchicke Ihnen Ihre Frau herauf und bleibe im Garten. Sie Beide mögen Fannh examiniren, wie ich es gethan. Dort ſteckt ſie!“ Fröhlich nach dem Nebenzimmer zeigend, ging ſie hinaus.
Auf der Schwelle trat ihr Helene erregt entgegen:„Wo iſt Hugo?“
Die Mutter lachte:„Deine Augen ſcheinen nach außen und innen geblendet!“ So ſchloß ſie hinter ihr die Thür und ließ das Paar allein.
Helene ſah ihren Gatten an:„Was ſpricht die Mutter?“
Fürſt faßte raſch ihre Hand:„Sie iſt überzeugt, daß wir uns betrügen, Helene, und verweiſt uns an Fanny ſelbſt. Laß uns keine Minute verlieren, mein Herz!“
Er klopfte leiſe an das Seitengemach.
Sogleich trat das junge Mädchen heraus, noch alle Spu⸗ ren tiefſter Seelenerregung im Aeußern. Beim Anblick He⸗ lenens jauchzte ſie laut auf:„Ach, Schweſter, Schweſter!“ und warf ſich ihr an die Bruſt.
„Meine Fanny!“ erwiderte die junge Frau, mehr be— troffen als erfreut, die Umarmung.
5 Die Kleine blickte an ihr empor und lächelte:„Er liebt mich!“
„Mein Kind, was iſt dir?“ forſchte Helene, von heim— lichem Grauen erfaßt.
„Siehſt du“, lispelte der Lockenkopf weiter,„nun iſt's
doch leine Einbildung geweſen, daß mir ſo eigen zu Muth
ward, wenn er ſprach! Nun weiß ich, was mir geſchehen:
er liebt mich!“
Fürſt trat nahe hinzu, da er ſah, wie ſeine Frau zit⸗ terte. Er nahm eine Hand des Mädchens, und Rührung llang durch ſeinen Ton:„Fanny!“
Die Glückliche misverſtand ſeine und Helenens ernſte Haltung.„Ihr bleibt ſo froſtig! Freut euch doch mit mir! Nun ſind wir ja alle gleich glücklich! Und die Mutter, wie lieb iſt die Mutter! Sie horchte mich erſt aus, ob ich auch keinem Andern gehören wollte. O, einem Andern, wo gibt es einen Andern?“
Ihr ſüßes Geplauder wurde gehemmt durch ein kurzes Pochen an der Corridorthür. Schnell gebot der Schwager: „Ruhig, Mädchen! Ich werde ſehen, wer kommt.“
„Er kommt?“ rief die Kleine, riß ſich von der Schwe— ſter los und flog ins Nebenzimmer.
„Du täuſcheſt dich; bleibe!“ ermahnte Helene. Aber ſie lockte den Flüchtling dadurch nicht zurück. Die junge Frau rang die Hände„Sie iſt verloren, wenn ihr Traum zer⸗ rinnt!“
Fanny hatte ſich nicht getäuſcht; denn als der Rechts— anwalt öffnete, ſtand Stephani vor ihm.
Die Gemüthsverfaſſung, in welcher Helene ſich aus Sorge um die Schweſter befand, ließ ſie bei ſeinem Eintritt jäher erſchrecken, als es ſonſt wol geſchehen wäre. Faſt hätte ſie ihm ſeinen Namen laut entgegen gerufen. Glücklicherweiſe kam Hugo ihr darin zuvor:„Stephani!“
„Du biſt betreten über mein frühes Erſcheinen?“ begann der Doctor raſch.
„Nein!“ widerſprach Fürſt,„du warſt bei uns, ehe wir dich ſahen! Das iſt er, Helene!“
„Ah, deine Gemahlin!“ ſagte Jener kurz und verneigte ſich.
„Mein liebes Weib“, betonte der Juriſt und zog den Doctor an beiden Händen zu ihr.
„Da ſtreckte Helene dem ſcheinbar Fremden auch die ih⸗ rigen entgegen und begrüßte ihn:„Herr Doctor!“ Mehr vermochte ſie nicht zu ſagen, ſie mußte weinen.
Fürſt erklärte ſich ihre Ergriffenheit aus dem Gefühl einer empfangenen Wohlthat und ſprach weich:„Iſt ihre Thräne dir Dank genug, Stephani?“
„O ſtill! Ich bitte!“ ſagte dieſer mit ſanfter Feſtig⸗ keit, doch ſeine Stimme klang ebenfalls bewegt. Raſch fuhr er fort:„Ich komme als Hülfebegehrender hierher.“
„Für dich?“ fragte Fürſt überraſcht.
„Für deinen künftigen Schwager, darf ich ſagen, wenn deine Gattin unterrichtet iſt.“
thür umſehend.
„Auch Ihre Schweſter?“
„Nur zum Theil!“
„Wie das?“
„Sie ſollen es hören, wenn Hugo die Güte hat, uns vor Unterbrechung durch die Mutter zu ſchützen.“
„Wir hatten einen Gedanken, liebe Helene!“ erwiderte der Rechtsanwalt, ihr die Hand drückend, und, war den Beiden im nächſten Moment aus dem Geſicht.
„Stephani!“ hob Helene an, ſein Auge ſuchend.
Er ſtand unerſchütterlich:„Die Vergangenheit iſt tobt!“
Die junge Frau nickte trübe:„Sie war nicht glücklich für uns Beide!“
„Ich bin ruhig, nun Ihre Zukunft gerettet iſt.“
„Und Ihre, mein Freund?“
„Ich habe zunächſt die eines Mannes im Auge, der mir ſo theuer wie ein Bruder iſt und Ihnen ein Bruder wer⸗ den ſoll.“
„Nie, nie!“ ſtieß Helene ungeſtüm heraus.
Beleidigt trat Stephani zurück:„Kennen Sie ihn?“
„Und wär' er edel wie Sie, es iſt unmöglich!“
„Weshalb?“
„Weil meine Schweſter ihn nicht liebt!“
„Wird danach bei den Töchtern der Juden gefragt?“ verſetzte er ſcharf.
Die junge Frau verlor die Farbe und wankte:„Ste⸗ phani!“
Sanfter bat er:„Verzeihen Sie mir! Sein Herz ge⸗ hört Ihrer Schweſter, und ihm gehört Ihrer Mutter Wort!“
„Das Wort meiner Mutter hat meine arme Schweſter in den verzweiflungsvollſten Irrthum geſtürzt. Wird ihr der Wahn genommen, ſo bleibt der Wahn ſinn!“
„Verſtehe das, wer kann.“
„Mir bricht die Seele über das Entzücken des ſüßen Kindes. Daß ſie geliebt wird, weiß ſie; allein ihr Herz bezieht der Mutter Rede auf einen Mann, der ſich— nicht Roſenberg nennt!“
Ueber Stephani's Brauen legte ſich eine ſchwere Wolke. Düſter ſprach er in ſich hinein:„Er hätte recht geſehen?“
Helenen entging, was er ſagte, ſie ſah nur ſeine finſtre Geberde, und heiß zitterte es von ihrer Lippe:„Stephani, das Schickſal will Sie an unſerm Hauſe rächen! Nur grau— ſam, daß es die Unſchuld zum Opfer wählt!“
Er warf den Kopf trotzig in den Nacken:„Wer iſt das Die Menſchen geben und nehmen einander die (Schluß folgt.)
Schickfal⸗ Welt!“
William Ferguſon.
Aus den Erinnerungen eines New⸗Yorker Polizeibeamten. Von Fr. v. Wickede.
„Welch ſchreckliche Berichte von Kummer und Leiden, Noth und Elend, Schmach und Schande würden wohl in die Oeffentlichkeit kommen, wenn jeder Polizeibeamte die Er— fahrungen etlicher Jahre erzählen wollte, und welche Lehren könnte die Geſellſchaft wohl in ſittlicher Beziehung daraus
ziehen, wenn jedes Drama, von dem wir oft nur die letzten Scenen ſehen, von Anbeginn vorzuführen die Möglichkeit vor⸗ handen wäre.“— So ſprach an einem ſtürmiſchen Winter⸗ abende des Jahres 1861 Mr. John Hayward, Kapitän der New⸗Yorker Sicherheitspolizei, in einem Kreiſe von Bekannten,
„Ich bin es!“ verſetzte Helene leiſe, ſich nach der Seiten⸗
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