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geputzt bin ich nicht? Oder nein“, verbeſſerte ſie ſich ge⸗ ſchwind,„Hugo ſoll mir ſagen, ob ich ihm gefalle!“
„Mir ganz ausnehmend!“ verſicherte er.
„Ich danke, Herr Schwager!“ knixte Fannh.
Die Commerzienräthin trat dicht an den Rechtsanwalt und raunte ihm zu:„Iſt uns etwa Jemand aus der Haupt⸗ ſtadt gefolgt?“
Fanny nickte während deſſen der Schweſter zu:„Nun bleib' ich ſo!“
Helene ſtreichelte ihr zuſtimmend die Wangen. Fürſt zuckte ſtumm die Achſeln auf die Frage der alten Dame und rief:„Liebe Helene, wenn dir's gefällig wäre?“
„Gewiß, Hugo!“
„Geht Ihr aus?“ begehrte Fanny zu wiſſen.
„Nur auch ein wenig zu den Blumen im Garten!“ ſagte Fürſt.
„Doch bleibt nicht zu lange“, ermahnte das kleine Fräu⸗ lein;„denn Doctor Stephani will ja kommen!“
„Schon am Vormittag?“ gab der Rechtsanwalt ſein Bedenken kund.„Das hat er nicht geſagt.“
„Wahrſcheinlich doch“, behauptete der Lockenkopf,„da er den Wunſch geäußert, Helenen kennen zu lernen. Alſo denk ich mir, er wählt die Viſitenzeit.“
Bereits hart an der Thür mit Helenen, rief Hugo:„Die Uhr zeigt noch nicht Elf!“
„So früh noch?“ ſagte Fanny, und wie ihre Worte ſich dehnten, verlängerte ſich ihr Geſicht.
Indem der Rechtsanwalt die Thür öffnete, flüſterte er ſeiner Frau ins Ohr:„Alle Zeichen beſtätigen es!“
In gleich leiſem Ton erwiderte ſie:„Und du willſt ihr Anwalt werden?“
„Ich bin es geweſen!“ Der Ausgang ſchloß ſich.
Sofort näherte ſich Fanny lebhaft der Commerzienräthin: „O Mutter, Mutter, nun kann ich dich erſt fragen, was du zu Helene und Hugo gemeint!“
„Meine Freude—“ begann die alte Frau, doch das Töchterchen ließ ſie nicht ausreden:
„Sonſt fand er nur an Blumenkohl Geſchmack, und heut verlangt ihn nach Blumen; iſt das nicht eigen?“
Aufs Neue hob die Commerzienräthin an:„Ich würde mich über ſeine Veränderung im Tiefſten freuen, nähme ich nicht an dir eine wahr, die mich niederſchlägt.“
„An mir?“
„Du forderteſt Hugo's Urtheil über deine Erſcheinung. Daraus geht hervor, du willſt mehr Männern gefallen.“
„Mutter!“ rief das Mädchen ſo beſtürzt, daß ihr faſt Thränen ins Auge traten.
„Beſonders vielleicht Einem!“
Die Verwirrung des holden Kindes ging in die höchſte Angſt über.„Mein Gott!“ zitterte ſie und fing wirklich an zu ſchluchzen.
„Die Wahrheit, Fanny!“ befahl die Commerzienräthin. „Deine Thränen würden dich verrathen, hätte ich nicht ſchon auf anderem Wege in Erfahrung gebracht, daß du ſeit längerer Zeit mit Intereſſe an einen Herrn denkſt—“
Hier richtete ſich die Gebeugte im Bewußtſein ihrer Un— ſchuld auf:„Ich? Mit Intereſſe an einen Herrn?„Seit längerer Zeit?“
„Du wagſt, mich dreiſt darauf anzuſehen?“
„Ja, Mutter!“
„Auch noch, wenn ich dir ſage, wen ich meine?“
„Wen meinſt du?“
„Den Namen will ich verſchweigen, um dich nicht gar zu tief zu beſchämen. Aber er wird dir einfallen, wenn du vernimmſt: es iſt ein Chriſt!“
WMit großer Ruhe in Blick und Wort verſetzte Fanny: „Wer hat dich ſo hintergangen, liebe Mutter?“
„Der Argwohn iſt falſch!“ ſprach dieſe bei Seite und ſchloß laut an:„Du leugneſt? Gut! So hab' ich mich geirrt.“
Unbefangen fragte die Kleine:„Wie biſt du nur darauf gekommen?“
i Du ſollſt mir den Beweis liefern, daß ich geirrt!“
„Aber wenn ich gar nicht ahne, auf wen du zielſt?“
„Sei ſtill und höre! Ein anderer Mann, den du ſeit Kurzem kennſt, begehrt von mir deine Hand—“
„Meine Hand?“ Fannh erſchrack heftig.
„Nachdem er dich ein einzig mal geſehen, hat er dich lieb, ſehr lieb gewonnen!“
„Wann hat er mich geſehen?“ ſtammelte das Mädchen.
„Geſtern!“
„Geſtern, Mutter?“ Beide Hände flogen ihr wie elektriſirt in die Höhe, der Mutter entgegen, und das Blut ſchoß ihr in die Schläfe.
„Du ſcheinſt nicht unangenehm überraſcht, mein Kind!“
„Und er liebt mich, ſagſt du?“
„Ja, ſo wahr und warm, daß—“ ein Klopfen an der Mittelthür unterbrach ſie. Unmuthig wandte ſie den Kopf— „Wer ſtört uns?“
„O Mutter!“ rief das glühende Geſicht leidenſchaftlich und floh, in die kleinen Finger gedrückt, durch die Seitenthür davon.
Indem that ſich die Corridorthür ein wenig auf, und ein ſtruppiger Kopf lugte herein. Widrig berührt trat die alte Dame zurück:„Aaron!“
„Guten Morgen wünſch ich, Frau Commerzienräthin!“ Alte klemmte ſich herein.
„Ich hatte Sie aufgefordert, gegen Mittag zu kommen.“ „Ich hatte geſagt: ich werde da ſein um Elf. Beſſer doch eine Stunde zu früh, als zu ſpät!“
Jetzt ſprang die Thür von Neuem aus dem Schloß. Mit zorniger Geberde ſtand Fürſt auf der Schwelle, den Mann in der ſchäbigen Tracht anherrſchend:„Was wollen Sie?“
Aaron ſchien ſich vorgeſetzt zu haben, unter allen Um⸗ ſtänden ſeine Contenance zu bewahren.„So haben der Herr Rechtsanwalt ſchon geſtern Abend gefragt.“
„Und ich wiederhole es. Ich ſehe den Menſchen zu Ihnen heraufſchleichen, Mama—“
„Die Frau Commerzienräthin haben befohlen!“ ver⸗ theidigte der Commiſſionär gelaſſen ſeine Anweſenheit.
„Ich habe den Beſuch erlaubt, lieber Hugo“, gab die Dame zu,„aber nur, um mich geſtern von ihm zu befreien und ihm heute zu ſagen, daß wir ſeiner bei Herrn Roſenberg nicht bedürfen.“
„So! Sie bedürfen meiner nicht!“
„Sie hören, nein!“ fiel Fürſt ein.„Ich werde perſön⸗ lich zu Herrn Roſenberg gehen. Wo wohnt er?“
Aaron zuckte die Achſeln:„Wie heißt, wo er wohnt? Meiner bedürfen Sie nicht, und ich ſoll Ihnen ſagen, wo Herr Roſenberg wohnt!“
„Ich werde ihn ohne Sie finden. Jetzt gehen Sie.“
Aaron aber ging nicht.„Herr Rechtsanwalt, ich habe Ihr Glück gemacht, und wie danken Sie's dem armen, alten Aaron?“
Fürſt's Hand hob ſich bedrohlich:„Soll ich Sie zwin⸗ gen, uns zu verlaſſen?“
Da endlich wich der Alte an die Thür und ſtöhnte: „Bin ich darum gelaufen und gerannt? Sollen Sie doch auch nicht wiſſen, wo der Herr Roſenberg wohnt!“
„Schon gut!“ Damit ſchob Fürſt ihn auf den Flur, zog die Thür zu und ſchüttelte ſich:„Daß dies Geſicht uns hier verfolgen muß! Es belaſtet mich wie ein Alp.“
Und noch einmal öffnete ſich die Thürſpalte, und noch einmal zeigte ſich das Geſicht und. das Verdammungsurtheil klang herein:„Herr Rechtsanwalt, Sie ſind ein undankbarer Menſch! Wiſſen Sie das?“ Haſtig ward die Thür in die Angeln geworfen. Fürſt wollte ſeinem Ankläger nach, allein die Commerzienräthin hielt ihn zurück:
„Laſſen Sie ihn! Er wird nicht wiederkommen. Ich will Sie heiter ſtimmen, lieber Hugo! Helenens Verdacht iſt völlig ungegründet.“
„Er iſt es nicht, behaupte ich jetzt auch!“
„Sie ſollen das Vergnügen haben, ſich ſelbſt davon zu
Der
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