Jahrgang 
1868
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In demſelben Zimmer, welches die Verſöhnung der bei⸗ den Gatten geſehen, ſaß am nächſten Morgen die Commerzien⸗ räthin neben dem Rechtsanwalt, der ihr ſoeben den Erfolg des nächtlichen Zwiegeſprächs mit ſeiner Frau berichtet hatte und mit der Erklärung ſchloß:Wer glücklicher iſt, Helene oder ich, das weiß ich nicht, Mama! Nur Eins weiß ich

Sie brauchen es nicht zu ſagen, lieber Sohn, unter⸗ brach die alte Frau freundlich,ich fühl' es ein ſo ge ſchloſſenes Bündniß iſt von Dauer!

Iſt mir doch, nickte Fürſt,als wär' ich nun erſt Bräutigam geworden!

Bemerkten Sie wohl, führte die Schwiegermutter die Unterhaltung fort,beim Frühſtück Fanny's Erſtaunen über Helenens Frohſinn? Sie ſaß und ſah Sie Beide beſtändig an und ſchüttelte nur den Kopf. Als Ihre Frau mit der Frage aufſtand:(Begleiteſt du mich in den Garten, Kleine? Wie glänzten da die großen blauen Augen!

Helene folgte dem Wink, den ich ihr gab, entgegnete Fürſt.

Es war feingefühlt, lobte die Commerzienräthin,die Schweſtern ſich unter vier Augen ausſprechen zu laſſen.

Ich verband, verſetzte Jener,noch einen anderen Zweck mit Fanny's Entfernung.

Auch den errath ich, Hugo! Ich habe dem Kinde noch nichts von dem jungen Roſenberg geſagt, ich will vorher mit Ihnen die Sache erwägen.

Der Rechtsanwalt verneigte ſich leicht:Für Beides bin ich Ihnen dankbar, Mama! Die Sache bedarf in der That der größten Vorſicht.

Zu große Vorſicht würde mir eine Beleidigung gegen Doctor Stephani ſcheinen, der unſer höchſtes Vertrauen, denk' ich, verdient hat!

Doch könnt' es geſchehen, daß Stephani ſelbſt die Ver⸗ mittelung bereute, die er übernommen.

Bereute? fragte die Dame ſehr verwundert.

Er, der Beſonnene, wäre mit ſeiner Fürſprache für den Bankier trotz aller Freundſchaft gewiß minder vorſchnell ge⸗ weſen, hätt' er nicht gedacht: ich habe mit Juden zu thun.

Etwas piquirt warf die Commerzienräthin den Kopf auf: Herr Sohn!

Fürſt kehrte ſich nicht daran, ſondern fuhr, die Augen ſenkend und mit ſeiner Uhrkette ſpielend fort:Ich nenne ungern den Namen Aaron, Mama! Die alte Dame führte ihr Tuch ans Geſicht, um ihre Verlegenheit zu bemänteln, die den Gipfel erreichte, als er arglos weiter ſprach:Bei Ihrer erſten Tochter ſtießen Ihre Wünſche auf keinen Wider⸗ ſtand. Helenens Herz war frei, als ich um ſie warb. Ich bin ein wenig in Zweifel, ob die Lage der Dinge bei Fanny gleich günſtig iſt.

Wie? Sie vermuthen

Verzeihung, ich halte mich nur an eine Vermuthung Helenens, die ſchüchtern laut ward, als ich ihr von dem Bankier und ſeiner plötzlich entſtandenen Neigung erzählte.

Die Commerzienräthin legte die Hand an die Stirn: Ich laſſe in dieſem Augenblick alle Männer, die unſer Haus beſucht, an mir vorübergehen.

Sie greifen vielleicht zu weit zurück, Mama!

Die Dame blickte auf:Warum kommen Sie mir nicht raſch zu Hülfe, Hugo?

Um Sie nicht zu erſchrecken.

Die Commerzienräthin erhob ſich:Nun haben Sie mich erſchreckt!

Fürſt verließ den Sitz gleichfalls:Könnten Sie ſich entſchließen, Ihr Kind einem Gatten zu geben, der in jeder Hinſicht ein ganzer Mann iſt, nur

Nur? trieb ſie den Stockenden an.

Nicht unſeres Glaubens?*

Ein Chriſt? rief die Matrone, in allen Gliedern er⸗ bebend, und taſtete nach einer Stütze. Fürſt legte hülfreich ſeine

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Rechte unter ihren Mm.Ein Chriſt! ſtöhnte die Erſchütterte

und glitt in einen Seſſel, die Augen in ihr Tuch drückend.

Sie könnten ſich alſo nicht dazu entſchließen! beant wortete er ſelbſt ſeine Frage. Und wer, wer iſt es? forſchte ſie.

Das verliert nun jede Bedeutung ſagte er kühl.

Hugo! rief ſie halb vorwurfsvoll, halb flehend.

Glaußen Sie mir! bekräftigte der Rechtsanwalt.Er ſelbſt iſt überdies weit entfernt, das Intereſſe, welches er ein⸗ geflößt, zu erwidern, und würde ſehr betreten ſein, wenn Fanny oder wer ſonſt es ihm verriethe.

Die alte Frau raffte ſich empor:So drängt ſich uns um ſo mehr die Nothwendigkeit auf, die Gedanken des Mädchens von ihm abzulenken.

Gedanken laſſen ſich nicht gewaltſam regieren. Ich meine, wir haben hier nur die Pflicht, Mama, uns nicht mit dem Bankier zu übereilen.

Die Mutter blieb ſtandhaft:Sie waren zugegen, als ich den Doctor ermächtigt, ihm Ausſichten zu eröffnen. Ich kann die Hoffnung, die ich angeregt, nicht wieder zerſtören.

Beſonnen warf Fürſt ein:Steht Ihnen die Tochter näher oder ein Fremder?

Mit Würde verſetzte ſie:Mein lieber Hugo, von dem Augenblick an, da ich Ihre Neigung zu Helenen kannte, waren Sie mir kein Fremder mehr, ſondern mein Sohn!

Der Rechtsanwalt dankte ihr wieder durch eine kurze Verbeugung:Doch hätte Ihnen Jemand angedeutet, vor Helenens Seele ſchwebte das Bild eines anderen Mannes er brach ab; denn die Commerzienräthin machte eine heftige Bewegung und entfärbte ſich.O, ſehen Sie, Mama, nahm er ſeine Rede wieder auf,die Bewegung, die Sie ergreift, ſpricht klar für mich! Eine ſo zärtliche Mutter würde mir dann nicht das Recht des Sohns im Augenblick eingeräumt haben. Nun denken Sie ſich Fanny in dem Fall

Die Dame winkte ihm Schweigen und begann matt: Der Fall iſt alſo Thatſache, nicht blos Vermuthung?

Das zu erfahren, erklärte der Rechtsanwalt,wird

Ihre Aufgabe ſein!

Und wenn ich die traurige Ueberzeugung erhalte?

Dann iſt es ehrlich und, um Unglück zu verhüten, ſo⸗ gar geboten, daß wir den Werber fragen, ob ihn nach einer Ehe gelüſtet, in die ſein Weib mit gebrochenem Herzen geht. Leiſer fügte er hinzu, da die Seitenthür ſich bewegte:Da kommt Helene mit Fanny!

Aber in dem Moment eilte der Lockenkopf auch ſchon mit vorgeſtreckten Händen auf den Schwager zu und rief mit ſtrahlendem GeſichtchenMein lieber Hugo!

Fürſt verſtand, was die Kleine, der Helene lächelnd lang⸗ ſam folgte, mit der überraſchend herzlichen Begrüßung meinte. Er drückte ihre Händchen und legte ebenſo viel Innigkeit in den Gegengruß:Unſere kleine Fanny!

Unſere kleine Fanny, wiederholte dieſe vergnügt ſcherzend,hat dem Mann ihrer Schweſter noch nie einen Kuß gegeben!

Und er ihr auch nicht! verſetzte Hugo, das ſo lange Verſäumte bereitwillig nachholend.

Die Commerzienräthin blieb ſehr ernſt bei der kleinen Familienſcene und wandte ſich leiſe an Helene:Hugo ſagte, Ihr wäret im Garten.

Wir waren es auch, entgegnete die junge Frau heiter, aber die Kleine gefiel ſich plötzlich nicht mehr, da ging ich mit ihr und half ſie umkleiden.

Warum das? fragte die Mutter.

Fanny, die wohl gehört, als von ihrer Toilette die Rede war, wand ſich geſchmeidig aus Hugo's Arm:Ich habe das alte Kleid ja täglich getragen, ſeit wir im Bade ſind; man muß ſich doch auch einmal anders zeigen!

Muß man? bemerkte die Mutter ohne Wohlgefallen. Warum denn aber ſo ungewöhnlich glänzend, du, der ſonſt jeder Schmuck zuwider war?

Fanny drehte ſich herum:Seh' ich überladen aus?

Die Mutter fuhr fort:Mit deiner bisherigen Einfach⸗ heit verglichen, iſt dieſe Verwandlung auffallend.

Nicht wahr, Helene fragte das Mädchen,übertrieben

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