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Sie nimmt den Zug des Leidens
Heftigkeit im Stillen freut. von Ihrem Geſicht.“
Plötzlich ward Stephani ſehr ernſt:„Ich leide nicht mehr, Roſenberg!“
„Darf ich's glauben?“ fragte dieſer lebhafter, als während des ganzen bisherigen Geſprächs.
Der Doctor nickte und faßte die Hand des Freundes: „Sie dürfen es. Ihnen dank ich meine Befreiung. Auf Ihren Antrieb hab' ich gefragt und von der Commerzienräthin Braun vernommen, was mich zufriedenſtellt. Das Uebrige muß mein Geheimniß bleiben. Dem Mann von Feingefühl wird es genügen, wenn ich noch ein Mal und zum letzten Mal ſage: Mein Lebenskummer iſt begraben!“
Roſenberg unterdrückte ſeine Bewegung und wandte, die Hand des Doctors nicht aus der ſeinen laſſend, leiſe ein: „Für mich iſt dies genug, doch nicht für Sie!“
Erſtaunt fragte Jener:„Was bliebe mir noch zu wünſchen?“
„Lebensfreude!“ betonte der Bankier.
„Ich werde ſie aus der Arbeit ſchöpfen!“
„Der Geiſt vertrocknet, wenn das Herz verdorrt.“
Aufgeräumter entgegnete Stephani:„Ich hatte mir für mein Herz ſchon einen ſo ſchönen Plan erdacht. Nun zer⸗ fällt er.“
„O, welchen Plan?“ drängte Roſenberg.
„Ich träumte auf dem Gange hierher, wie traulich die Zukunft ſich geſtalten müßte, wenn ich des Abends meine Bücher verließe, um in ein glückbewohntes Haus zu wandern und meines liebſten, ja einzigen Freundes Kinder als Pſeudo⸗ Onkel auf den Knieen zu ſchaukeln. Die Kleinen kröchen ſtöhnend an mir empor, mein Gedächtniß ſtiege in ſeine Rumpelkammer und holte alte Zaubergeſchichten heraus vom böſen Nix, vom Lindwurm oder von Hexen, und würden die Kleinen furchtſam, o dann ſäße am hellen Kamin die gute Fee des Hauſes und lächelte mütterlich: Die grauen Geſpenſter thun frommen Kindern nichts zu Leide!“ Hier ſprang der Doctor auf und rief ärgerlich:„Das Wetter! Und um das Alles bringen Sie mich jetzt!“
Langfam erhob ſich auch Roſenberg und begann mit einer ge⸗ wiſſen Vorſicht:„Stephani, ſollte von mir zu Ihrem Hauſe ein weiterer Weg als umgekehrt ſein? Und ſollte ich nicht mit gleicher Leichtigkeit dort Kinderfreund werden können, wie Sie bei mir? Mein Kopf hat auch noch ſeine Rumpelkammer.“
„Sie ſind— beinahe hätt' ich geſagt verrückt!“ lachte der Doctor.
Der Bankier ging auf den heitern Ton mit Feinheit ein:„Wodurch erhalte ich ein Privilegium auf dieſes ſchmeichel— hafte Prädicat?“
Jener lachte von Neuem: — ah!“
„Ich habe den Gedanken einmal gefaßt und will ihn nun nicht wieder fahren laſſen!“ trotzte Roſenberg.
Stephani ſchritt im Zimmer auf und ab:„So fehlt nur noch, Sie treten in die Fußſtapfen des biederen Aaron und wiſſen auch gleich die paſſende Frau für mich!“
Roſenberg ſtand ruhig und ſchlug die Arme zuſammen: „Und wenn ich ſie wüßte?“
Des Doctors Fuß ſtockte, ſein Auge maß den Freund vom Wirbel bis zur Sohle:„Hat etwa auch Sie in unſerer erfindungsreichen Heimat das tolle Gerücht erreicht, der Major gehe damit um, mir ſeine Tochter werth zu machen, weil der alte Degen meine Bibliothek benutzt und mich ein paar mal in ſein Haus geladen?“
„An jene Dame dacht' ich nicht“, ſagte der Bankier, „doch da Sie mich an unſeren Major erinnern, iſt Ihnen nicht heut eine ſeltene Aehnlichkeit mit ſeiner Gemahlin auf⸗ gefallen
„Ganz richtig!“ ſtimmte Stephani bei, die„Commerzien⸗ räthin Braun! Die Frauen könnten für Zwillingsſchweſtern
„Daran zu denken, ich könnte
gelten.“ „Sagen Sie das gelegentlich daheim der Frau Majorin“,
ließ Roſenberg ſcherzend fallen,„ſie wird ſich überaus ge⸗
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Abweſende.
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ſchmeichelt fühlen, daß man ſie mit einer Jüdin verwechſeln kann.“
„Unſere Jüdin beſitzt ſo ariſtokratiſche Manieren—“
„Doch eben nur Manieren“, fiel der Bankier ein,„der innere Takt ſcheint ihr zu mangeln.“
„Mit nichten, Roſenberg!“ vertheidigte der Doctor die
Jener aber ſetzte ſeinen Angriff fort:„Sie nehmen die Commerzienräthin in Schutz? Und Ihnen gerade zeigte ſie wenig Zartheit. Als die Tochter mit kindlicher Ungezwungen⸗ heit den Doctor Stephani anging, ſeinen Aufenthalt im Bade zu verlängern, wie kalt, wie brüsk faſt fuhr die Frau Mama dazwiſchen:(Wann verlaſſen Sie die Stadt?? Man hätte argwöhnen können, ihr läge daran, meinen Freund ſo ſchnell wie möglich ſcheiden zu ſehen.“
„Dem war vielleicht ſo!“ antwortete Stephani beſtimmt.
„Und die Urſache, Doctor?“
„Iſt jetzt gehoben!“
Roſenberg, der ihn forſchend angeblickt, ſtutzte„Dann
täuſcht' ich mich darin.“
„Was nahmen Sie an?“ „Ich ſuchte das Motiv in mütterlicher Beſorgniß.“ Jetzt war's am Doctor, Betroffenheit zu fühlen.
mütterlicher Beſorgniß?— Um wen?“ ſchloß er zögernd.
„Um wen?“ lächelte Roſenberg, als wäre die Frage recht überflüſſig.„Das Auge einer Mutter pflegt ſcharf zu ſehen, was in der Seele des Kindes, zumal der Tochter vorgeht.“
Stephani biß ſich einen Moment auf die Lippe; dann zwang er ſich zu der Frage„Was wiſſen Sie?“
„Was ſoll ich wiſſen? Ich glaubte nur daſſelbe zu be⸗ merken, was die alte Dame wahrzunehmen ſchien, und wäre mir das Mädchen noch theuer geweſen, ſo hätte mich ein finſterer Dämon gepackt—“
„Ihre Reden verwirren mich, Roſenberg!“
„Und ich müßte“, fuhr dieſer ungeſtört fort,„jetzt über den eitlen Hochmuth erröthen, mich manchmal beſſer zu dünken als Der und Jener. Kein Menſch hat Grund, den Anderen zu verachten, wir Alle ſind zu Allem fähig.“
„Sie werden mir immer unverſtändlicher!“ rief Stephani, der wie auf Feuer ſtand.
„Wenn ich dem Fräulein nicht kalt gegenüber ſaß, ſo behielt Ihre Theorie der Selbſtſucht Recht. Mich hätte wider⸗ licher Neid zerfreſſen. Ich ſah und fühlte, daß alle übrigen Güter die geiſtige Bedeutung nicht erſetzen. Wie lauſchte Fanny, wenn Franz Stephani ſprach!“
Der Doctor zuckte unwillig empor:„Roſenberg!“
Dieſer hielt den Blick des Freundes ruhig aus:„Der Zorn führt keinen Beweis. Ich ſah das heiße Aufſtrömen des Herzens ins Auge, das untrügliche Zeichen, wenn die Liebe erwacht!“
Nun brach Stephani in laute Heiterkeit aus„O großer Seher! Weil ich ein Buch geſchrieben, das ihr gefällt, ſoll ſie ſofort den Verfaſſer lieben? Alſo die Eiferſucht ſteckt meinem Freunde im Blut!“
Immer gelaſſen, entgegnete Roſenberg:„Sie unterſchätzen mich; ich bin zu ſtolz, nach Dem zu ringen, was einem Anderen zufällt, ſelbſt wenn der Andere ein Mann Ihresgleichen iſt.“
Ohne ſeine einmal erregte Laune zu verlieren, reichte Stephani ihm die Hand hin:„Gute Nacht, Roſenberg! Sie gehen krank zu Bette, und ich will Sie morgen nicht früher wiederſehen, als bis ich Ihnen zurufen kann: ſteh' auf und ſei geheilt!“
„Der Gang ins Curhaus hat mich geheilt, Stephani!“
Der Doctor ſchritt dem Ausgang zu:„Schon gut! Bei der Mutter bin ich als Freiwerber aufgetreten, nun werd'
ich's auch bei der holden Tochter thun!“ Er nickte noch ein
Mal ermuthigend zurück und ſchloß die Thür.
Roſenberg ſtand und ſah ihm nach:„Den Weg be⸗ ſchreite nur!“ Dann nahm er das Licht vom Tiſch und ſtarrte ſchmerzlich lächelnd in die Flamme:„So mach' ich mich ſelbſt zum Teufel, der ihn unmerklich in Verſuchung führt!“ Lang⸗ ſam verließ er das Gemach und betrat ſein ſtilles Cabinet.
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