Jahrgang 
1868
Einzelbild herunterladen

5

wieder auf die Erde herabzieht. Lange ging das ganz gut, bis jetzt endlich Godard mit ſeinem freien Ballon eine Luftfahrt unternahm. Godard, der eine weitere Fahrt beabſichtigte, hatte viel Ballaſt mitgenommen, ſein Ballon ſtrich daher lange in der unterſten Luftſchicht umher und kam in die Nähe des Hippo⸗ droms, als vieſer eben ſeinen gefangenen Ballon aufſteigen ließ.

Es paſſirt alle Tage, daß zwei Fiaker in einer Straße an einander fahren, es geſchieht auch, daß zwei Schiffe auf dem großen Ocean einander an⸗ und überſegeln, hier aber mußte es paſſiren, daß dieſen beiden Bal⸗ lons das weite Reich der Luft zu eng war. Sie geriethen an einander, der größere Ballon Godard's brachte dem andern eine tüchtige Wunde bei und dieſer ſenkte ſich ſofort, ohne daß weiter ein Unglück dabei ge⸗

ſchah.

Ich füge dieſem Vorfall die Mittheilung hinzu, daß in Lon⸗ don demnächſt ein Journal für Luftſchifffahrt erſcheinen ſoll, deſſen Redacteur regelmäßige Fahrten unternehmen, durch dieſelben unſere Planeten genau inſpiciren und alſo endlich einmal Licht über die höchſten Regionen bei uns verbreiten wird.

**

Eine der reichſten Erbinnen Englands hat ſoeben ihre Koffer packen laſſen, um in die deutſchen Bäder zu gehen. Miß L. wird mit einem ſonderbaren Hofſtaat, d. h. mit einem Gefolge der edelſten jungen Lords reiſen, denn es ſind ihrer ein ganzes Dutzend, die ſeit mindeſtens zwei Jahren um die Gunſt der ſchönen Ellen buhlen, die ſich, weil ſie alle zehn wenigſtens gern ſieht und aus der ungeheuren Zahl ihrer Anbeter ihnen den Vorzug eingeräumt hat, ſie anzubeten, nicht entſchließen kann, Einem von ihnen die Hand zu reichen, weil ſie dadurch die an⸗ dern neun beleidigen würde.

Miß Ellen reiſt in die rheiniſchen Bäder. Welches von ihnen wird ſie wählen? Inzwiſchen ſtehen auch ihre zehn Anbeter auf dem Sprunge über den Canal: ſie werden mit demſelben Zuge London verlaſſen, werden in demſelben Hotel abſteigen, das Miß Ellen wählt, werden fortwährend in dem Lichtkreiſe von Miß Ellen's ſchönen Augen ſein, in den Sattel ſteigen, wenn Miß Ellen ausreitet, ins Theater gehen, wenn Ellen geht, ſchlafen gehen, wenn Ellen ermüdet ihre Augen ſchließt, ihr Frühſtück nehmen, wenn Ellen's Zofe im Hotel nach demſelben ruft und auf der Promenade ſtets in Ellen's unmittelbarſter Nähe ſein.

Da auch die jungen Lords mit vieler Dienerſchaft reiſen, ſo kann das ein großer Zug werden und man iſt geſpannt, wel⸗ ches Bad Miß Ellen beglücken wird.

Das Originellſte an der Sache iſt, daß auch zwiſchen den Bewerbern dieſer modernen Penelope die größte Eintracht, ja ſo⸗ gar Freundſchaft herrſcht, denn Miß Ellen hat Denjenigen mit Verbannung bedroht, der aus Eiferſucht dem Andern auch nur ein Haar krümmen werde.

Miß GEllen wird ſich, ſo behauptet man, nie entſchließen können, Einen aus dieſer Zahl zu wählen, und die nothwen⸗ dige Folge alſo wird ſein, daß ſie einem Elften die Hand reicht,

dem ſie vielleicht auf dieſer Badereiſe begegnet. Da aber die Zehn nur geſchworen haben, ſich unter einander nichts Böſes zu thun, ſo werden ſie alle Zehn das gleiche Intereſſe haben, dem glück⸗ lichen Elften den Hals zu brechen, und die Sache kann alſo noch ſehr tragiſch werden. * +

Albert Wolff, der Feuilletoniſt des PariſerFigaro, von dem ich meinen Leſern ſchon wiederholt erzählte, hätte beinahe wieder ein Duell gehabt. Jeder Pariſer Schriftſteller, derauf ſich hält, muß wenigſtens einmal auf der Menſur geſtanden haben, und wenn er das zweimal und noch öfter thut, ſo ſchadet ihm das wenigſtens nicht.

Freund Wolff iſt ein Deutſcher und ſchreibt franzöſiſch wie Einer. Die Pariſer Caricaturiſten zeichnen ihn als Preußen gern mit der Pickelhaube auf dem Kopf und dem Zündnadel⸗ gewehr im Arm. Er iſt als Chroniqueur viel auf Reiſen, namentlich nach Baden und Ems, und ſo oft er nach Italien reiſen wollte, iſt es ihm nicht gelungen, um das Cap Monaco herum zu kommen.

Kürzlich bei Gelegenheit der Generalverſammlung der Pa⸗ riſer dramatiſchen Schriftſteller fühlte ſich Maquet, der frühere Mitarbeiter Alexander Dumas', durch einige Aeußerungen Wolff's verletzt und ſchrieb einen beleidigenden Brief gegen Wolff. Dieſer forderte Maquet und ſetzte ſich bei Tartoni nieder, um die Ant⸗ wort ſeiner Secundanten zu hören.

Dieſe verhandelten mit den Chargirten Maquet's, den Herren Augier und Labiche, ſtundenlang; ſie kamen und gingen bei einer afrikaniſchen Sonnenhitze, während Wolff eine Schale Eis nach der andern verſpeiſte. Die Secundanten wollten eine

Verſöhnung zu Stande bringen. Wolff, der Beleidigte, verlangte

Piſtolen und immer wieder eine Schale Eis, auf die Gefahr hin, ſich die Kolik an den Hals zu ſpeiſen.

So verlief der ganze Nachmittag, während die Secundanten ſchweißtriefend hin⸗ und herjagten. Als es Abend ward, hatte Wolff ein Dutzend Portionen von Vanille⸗, Erdbeer-, Himbeer⸗, Nuß⸗ und Aprikoſen⸗Eis im Leibe. Maquet hatte weder die Forderung angenommen, noch die verlangte Erklärung von ſich gegeben. Wolff ging alſo nach Hauſe, um ſeinen Artikel über die ganze Angelegenheit zu ſchreiben, und wenn beide Gegner in der herrſchenden Hitze recht viel Gefrorenes zu ſich nehmen, ſo iſt Ausſicht, daß die Sache ohne Blutvergießen vorüber gehen wird.

**

Die Zeitungen bringen uns einen neuen Beleg für die Glückſeligkeit, welche die Centraliſation über Frankreich gebracht, wo bekanntlich, wenn in einem Dorfe ein Meilenſtein geſetzt wer⸗ den ſoll, erſt bei dem Gouvernement angefragt werden muß, das über dieſen Meilenſtein ein ganzes Actenſtück ſchreiben läßt und ihn dann endlich für überflüſſig erklärt.

Vor einiger Zeit verſank an der Mündung der Loire ein engliſches Schiff. Die Hülfsſignale deſſelben wurden an der Küſte anfangs nicht verſtanden, endlich aber begriff man doch, daß das Fahrzeug in der höchſten Gefahr ſchwebe und telegraphirte an den Unter⸗Commiſſär der Marine in St.⸗Nazaire. Der Unter⸗ Commiſſär telegraphirte ſofort an den General⸗Commiſſär in Nantes.

Unglücklicherweiſe war der Telegraphendienſt in der Nacht unterbrochen und die Antwort traf erſt nach vierzehn Stunden ein, als die Mannſchaft des unglücklichen Schiffes ſchon dreizehn Stunden und fünf und vierzig Minuten ertrunken war.

Die Franzoſen behaupteten, nur ein Engländer könne auf den Einfall kommen, zu ertrinken, ehe man telegraphiſchen Be⸗

fehl habe, ihm zu helfen, denn es muß in dieſer Welt Alles

ſeine Ordnung haben. 3*

Du und ich, lieber Leſer, wir wären beide pechrabenſchwarze Neger, wenn Adam und Eva im Paradieſe nicht von dem ver wünſchten Apfel gegeſſen hätten.

Ich ſage es nicht, aber ein amerikaniſcher Arzt, Mr. Smith

5