Jahrgang 
1868
Einzelbild herunterladen

588

Redegabe die geiſtvollſten Männer hinreißen, obgleich oder weil ſie nicht zum Herzen, ſondern ausſchließlich zur Vernunft ſprechen, Redefiguren verſchmähen und an der Hand der Thatſachen nach⸗ weiſen, daß ihr Weg der einzig richtige ſei.

Im Privatleben war Pr. Mühlfeld äußerſt gefällig und lie⸗ benswürdig, ſelbſt gegen tief unter ihm Stehende. Seine feurigen Beziehungen zur Damenwelt und ſeine Gütmüthigkeit in Geldfragen waren in Wien allbekannt und leider auch die Urſachen, daß er ſich in ſteten Geldverlegenheiten befand. Seine Familie iſt jedoch verſorgt und ſeine Gläubiger ſämmtlich durch Lebensver⸗ ſicherungspolicen gedeckt. Eine Rationalſubſcription, die man vor einigen Wochen für ihn einleiten wollte, lehnte er ſo entſchieden ab, daß man von dieſem Verſuch, ſeine Lage ſorgenfrei zu geſtalten, abſtehen mußte. Seit mehreren Jahren litt er an Lungenemphyſem, zu dem ſich in letzter Zeit Herzkrämpfe geſellten, denen er am 24. Mai 1868 um 1 Uhr nachts unterlag. Bei der Section fand man, daß das Gehirn 4 Pfund wog, demnach die Gehirnmaſſen gewöhnlicher Organismen wol um den achten Theil überſtieg.

Noch kurze Zeit vor ſeinem Tode ließ er ſeinem Freunde und geweſenen Concipienten, dem Miniſter Giskra, durch eine Beiden befreundete Perſönlichkeit melden: Er möge ſtets deſſen

eingedenk bleiben, was ſie über Volksſachen und Volkswohl mit einander gedacht und geſprochen hätten. Er wiſſe, Giskra werde nie daran vergeſſen, und wenn man ihm oben nicht immer dank⸗ bar dafür ſein ſollte, ſich damit tröſten, daß das Volk nie daran vergißt.

Menſchen den Stephansplatz und die Straßen, welche der mit unzähligen Kränzen bedeckte Leichenwagen paſſiren mußte. Die zahlreichen Vereine Wiens die akademiſche Jugend allein 3000 Mann ſtark der Gemeinderath, das Abgeordnetenhaus waren beinahe vollzählich erſchienen. Ihnen folgten in einer unabſehbaren Reihe von Wagen die Miniſter, Deputationen der Advokatursconcipienten, für deren Bitte um Freigebung der Ad⸗ vokatur Mühlfeld ſo ützig eingetreten war, der Prote⸗ ſtanten und Juden Wiens

Exjeſuit Forſtner und cidevant Pfarrer Gſchweitler) und mehrerer Provinzſtädte. In dem Stephansdome ſangen der Männerge⸗ ſangverein und am Friedhofe der akademiſche Geſangverein(Stu⸗ denten) Trauerchöre, und hielt der Dekan der juridiſchen Falultät, Dr. Tremmel, die Trauerrede. Ein Comité des deutſchen Volks⸗ vereins wird für einen würdigen Grabſtein ſorgen.

5

Am 26. Mai 4 ½ Uhr nachmittags erfüllten an 300,000

er Neukatholiken(Johannes Ronge,

Fenileton

Zuverſicht, ſie einſperren zu laſſen, wenn ſie zur Verfallzeit eine mögliche Sorgloſigkeit zeigen.

Aus aller Welt.

XXX. Die Wandelbarkeit der Geſetze. Noch einmal Theodor. Aegyptiſche Palaſt⸗Geheim⸗ niſſe. Glückliche Er en. Der Zweikampf der Luftballons. Miß Ellen. Kein Duell, aber viel Eis. Franzöſiſche Centraliſation. Warum ſind wir keine Neger?* Iſabella und der Jockey.

Werden Sie nicht auch einige Worte über die Aufhebung der Schuldhaft imHausfreund ſchreiben? fragte man mich in einem Briefe, deſſen Handſchrift mir den Eindruck macht, als ſei der Schreiber ein Unbetheiligter, alſo weder ein Gläubiger noch ein Schuldner.

Die Frage ſetzt mich in die Verlegenheit, eine Sache von einer ganz neuen Seite beleuchten zu ſollen, die ſchon von allen Seiten beleuchtet worden iſt. Ich halte die Berechtigung des Einen, den Andern um ſchnöden Geldes willen ſeiner Freiheit, ganze Familien ihres Ernährers berauben zu dürfen, für eine Brutalität, die kein Geſetz civiliſirter Staaten zugeben dürfte. Mag der Gläubiger die Befugniß haben, dem Schuldner die Matratze unter dem Leibe wegzunehmen, um ſich ſchadlos zu halten, das iſt in der Ordnung, und Pflicht des Staates wird es jetzt ſein, Geſetze zu erlaſſen, die ein Aequivalent für die Schuld⸗ haft bieten können.

In Berlin blühte der Wucher, namentlich der kleine Wu⸗ cher ſeit langer Zeit. Es gibt bei uns eine zahlloſe Menge von kleinen Rentiers, die es verſtanden, ſich mit einem Vermögen von 5 10,000 Thalern eine recht anſehnliche Revenue zu ſichern; es gibt ſogar eine ganze Anzahl von Ladenbeſitzern, die in ihren Schaufenſtern ein paar verſchoſſene Corſets, ein paar melancho⸗ liſche Tragbänder oder ein halbes Dutzend gewaſchener Glace⸗ handſchuhe ausgehängt haben, in deren Laden man ſelten einen Kunden ſich verirren ſah und die dennoch recht blühende Geſchäfte machten. Sie borgten gegen Wechſel, ſelten unter 25% und begnügten ſich bei wiederholten Prolongationen mit 75 100%. Es gab und gibt ſehr fromme Leute, die keinen Gottesdienſt verſäumen, ſehr freiſinnige, für Menſchenrechte begeiſterte Männer, welche liberale Vereine beſuchen, die aber trotzdem ihrem Räch ſten gegen unchriſtliche Procente borgten, nur mit der tröſtlichen

aber ſie werden trotzdem auch ferner gegen hohe Prozente Geld ausleihen, weil ſie deſſelben bedürfen, weil ſie davon leben müſſen, ſofern es ihnen nicht gelungen iſt, ihr Schäfchen ins Trockene zu führen,unter der milden Geſetze Weisheit, wie Platen ſingt.

einer ganzen Sammlung von Porträts und Charakteriſtiken un⸗ eigennütziger Männer, die im Halsabſchneiden eine ungewöhnliche Fertigkeit erworben haben, dem Leſer ein kleines Muſeum dieſer Män⸗ ner vorzuführen. Der Sammler dieſes intereſſanten Cabinets iſt ein junger Lebemann, der ſich zehn Jahre lang von dem ernährt, was ſeine Gläubiger ihm nach Abzug ihrer Procente gaben und durch den Tod ſeines reichen Onkels endlich in der Lage iſt, auf der Straße nicht mehr den Hut vor ſeinenWohlthätern ziehen zu brauchen.

Frage auf: was iſt ein Geſetz und auf welchem Boden mora⸗ liſcher Nothwendigkeit oder Berechtigung wächſt ein Geſetz? Vor wenigen Jahren noch gingen unſere Behörden von der Anſicht aus, Schuldenmachen ſei ein Verbrechen, denn ſie fanden, daß die Schuldhaft in dem altenMöſersruh viel zu gelinde behan⸗ delt werde, ſie errichteten einen neuen Zwinger und kerkerten die Verbrecher darin ein. Es fehlte nicht viel und man hätte ihnen Ketten und Handſchellen angelegt.

Schuldenmachen iſt kein Verbrechen, ſondern nur ein Unglück, für das es keine ſtrafende Hand außer der des Executors gibt, und ſte thun die Pforten des Kerkers auf und laſſen die Unſchuldigen hinaus ziehen. Jeder kann nun alſo ſagen, was heute Recht und Geſetz iſt, aber Niemand ſagt mir, was es morgen ſein wird.

ſchrieben, ſo ſagt der Schein, aber wehe ihm, wenn er einen Tropfen ſeines Blutes vergießt. Und iſt etwa die Freiheit kein Herzblut?

ling, den König Theodor noch immer nicht vergeſſen, und Alles notire, was geeignet iſt, ihn im vortheilhafteſten Licht erſcheinen zu laſſen. S

wenig übrig, ſie ſind ſo glücklich, dem Publikum ſchon am an⸗

Alle dieſe Leute ſind jetzt um ihre ultima ratio betrogen,

Ich werde mir nächſtens Gelegenheit nehmen, auf Grund

Einſtweilen drängt mir die Abſchaffung der Schuldhaft die

Heute beſinnen ſich die Behörden eines Andern und ſagen:

Wie ſteht's imShylock? Das Herz hat Antonio ver⸗

* *

Der Leſer muß ſchon Geduld haben, wenn ich meinen Lieb⸗

Die täglich erſcheinenden Zeitungen laſſen mir freilich ſehr

ᷓᷓᷓ̃