Jahrgang 
1868
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Es ſcheint, du haſt ihn mit warmen Blicken betrachtet! Helene betrachtete hierbei das junge Mädchen ſelbſt ſo, wie ſie eben ausſprach.

Gewiß! ſtimmte Fanny ein. ſchon lange und ſieht ihn endlich

So fliegt das Herz ihm natürlich zu! fiel Helene ein. Worüber ſprach er?

Fanny legte den Finger an die weiße Stirn:O, über Vieles!

Wovon du nichts behalten?

Das Mädchen gab ihre grübelnde Miene nicht auf:Wie kommt es nur, daß ich mich beſinnen muß? Ich wußte doch vorhin in meinem Stübchen noch Silbe für Silbe? O, werde nicht bös, Schweſter! Mein Gott, wie kann mir Alles ſo plötzlich entfallen? Ich höre ja noch ſeinen Ton! Und wenn er die Stimme erhob und ſah mich an, war mir', als ver⸗ dunkelte ſich das Licht im Saale und ein heiliger Schimmer flöſſe rings um uns her. Ich kann dir das nicht ſo beſchrei⸗ ben, Helene!

O, du beſchreibſt ſehr treu, was dir geſchehen!

Was mir geſchehen? fragten die großen Augen.Es war ja nur Einbildung? Durch die Flurthür drang der Schall von Tritten.Die Mutter, die Mutter! zitterte Fanny und ſchlüpfte dem Nebengemach zu.

Du fliehſt auf einmal die Mutter? fragte Helene.

Verrathe nicht, daß ich hier geweſen! bat das ver⸗ wirrte Kind und war hinaus.

In großer Bewegung blickte Helene ihr nach:Ich ſoll nicht verrathen, was dir ſelbſt noch Geheimniß? Es iſt die Liebe, die deine Bruſt geküßt! Sie warf den Blick und die Arme empor wie zum Gebet:Die Liebe zu ihm! Nun hat mein Leben ein Ziel!

Die Commerzienräthin trat ein, mit ihr unſicheren Ganges ihr Schwiegerſohn, der ſein Weib nicht anzuſehen wagte, ſon⸗ dern ſich faſt willenlos von der alten Frau führen ließ, die ohne weitere Einleitung der Tochter Hand nahm, in die ſeinige legte und mit ſanftemGute Nacht, meine Kinder! dem Wege Fanny's folgte.

Die Gattin löſte ſogleich die gezwungene Verſchlingung. Der Rechtsanwalt hob das Auge nicht vom Boden. Die Erſchütterung ſeines Innern prägte ſich in dem anhaltend hohlen Klang ſeiner Stimme aus:Du entziehſt mir deine Hand, Helene?

Helene forſchte in ſeinem GeſichtWas hat die Mutter dir von mir geſagt?

Die Mutter? Sie iſt kurzſichtig geweſen, wie ich ſelbſt. Ein Anderer hat geſprochen?

W

Ein Mann, der dich nie geſehen und beſſer kennt, als deine tägliche Umgebung.

Der mich nie geſehen?

Mein Jugendgefährte Stephani. Du biſt arm an meiner Seite.

Das hat er dir offenbart?

Hugo nickte bejahend:Und mein iſt die Schuld. Ich fühlte mich allzu ſicher in deinem Beſitz und wähnte dich be⸗ friedigt, weil du nie klagteſt.

Ich habe nicht zu klagen.

Das iſt traurig. So verachteſt du mich; denn heim⸗ lich leideſt du!

Wer gibt dir ſolche Worte?

Der Entſchluß, mein Unrecht zu ſühnen und das Ueber⸗ gewicht zu gewinnen, das der Mann in ſeines Weibes Augen

haben muß.

Verehrt man Jemand

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Mach' ich dir je die Herrſchaft ſtreitig?

Wenn du mich nicht verſtehen willſt, fällt die Schuld von mir auf dich zurück.

Verſtehſt du mich?

Dir iſt es gleichgültig, ob ich dich verſtehe. Mir hat der Sinn, dich zu errathen, gefehlt. Du hätteſt ihn in mir wecken ſollen, Helene, ſtatt grollend in dich ſelbſt zurück zu fliehen.

Das Erſtaunen der jungen Frau ſtieg von Moment zu Moment.Hugo!

Er fuhr in unveränderter Haltung fort:Menſchen, die an einander gebunden ſind, dürfen das Band nicht zur Kette verhärten laſſen. Dies geſchieht, wenn Einer ſich eigenſinnig verſchließt, wo er recht ehrlich ſein Herz ausſchütten müßte.

Jetzt begann Helene ihre Vertheidigung:Es gibt eine Art, das Wort der Frau zu erſticken, ehe es über die Lippe kann. Sie iſt weder ſcharf, noch bitter, aber hier hielt ſie inne.

Sage nur plump! half er ſelbſt nach.Du hörſt, ich beſchönige meine Fehler nicht. Doch wär' ich weniger bloß geſtellt geweſen, wenn du mir den Spiegel vorzuhalten gewagt. Nun ein Anderer es gethan, leidet auch deine Ehre.

Die junge Frau war jedem Laut ſeines Mundes mit gierigem Ohr gefolgt.Ich kenne dich nicht wieder! ſagte ſie leiſe.

Weil ich mich ſelber heute erſt kennen gelernt. Ich weiß, ich bin eine proſaiſche Natur und brüſtete mich noch jüngſt damit, und nun auf ein Mal finde ich Etwas in mir, was ſich in ungeſtört hinfließenden Tagen nie geregt und ge⸗ rührt. Die Sorge, dich zu verlieren, ſchüttelt es auf. Ich möchte eher mein Leben verlieren, Helene, als dich, mein Weib! Bei den letzten Worten zuckte es wie ein unterdrückter Krampf durch ſeinen Ton.

Langſam fragte HeleneWer will mich dir entreißen?

Er preßte die Woge in ſeine Bruſt zurück:Der bloße Gedanke peinigt mich ſo ſchwer, als wäre das Entſetzliche ein⸗ getreten.

Antworte, wer dich mir entreißen will! wiederholte ſie dringender.

Ich ſehe tauſend Arme ausgeſtreckt, ich höre tauſend Zungen bübiſch flüſtern, dich von mir wegzulocken! Er ſchlug die Hände vors Geſicht.

Da übermannte es ſein Weib wie ihn. ihm und zog ſeine Hände nieder:Hugo!

Zum erſten Mal ſchaute er jetzt empor. Ihre Blicke be⸗ gegneten ſich. Düſter fuhr er fort:Wie du mich anſchauſt! Warum entzückt's mich nicht? Bleibt uns ein Weib nur treu aus Pflichtgefühl, ſo iſt die Ehe doch in ſich gebrochen!

Leiſe antwortete Helene:Laß die gebrochen ſein, die der Prieſter ſchloß, und die beginnen, die wir ſelber ſchließen!

Helene! rief er, beide Arme erhebend,du bleibſt mein?

Dein werden will ich!

Er ſchlang die Rechte um ihre Hüfte; indem ſanken die herabgebrannten Lichter, zum letzten Mal aufflackernd, zu⸗ ſammen. Hugo wies auf ſie hin, und durch ſeinen Schmerz brach der Jubel:Sieh, die Kerzen verlöſchen; doch nie war's hellerer Tag, als in dieſer Nacht!

Die Lippen der Gatten ruhten auf einander, dann ſchloß ſich hinter leiſen Schritten der Ausgang.

(Fortſetzung folgt.)

Sie eilte zu

Auf dem Olynp!

Wer daran gewöhnt iſt, in den glänzenden Parquet⸗ſjenen himmelanſtürmenden Höhen hinauf, die der Volksmund räumen des Berliner Opernhauſes der Muſe des GeſangesAmphibientheater,Bullerloge oderBums, die claſſiſche zu huldigen, der ſieht wol nur mit ſtillem Schaudern zu Bildung der ſtudirenden JugendOlymp zu nennen pflegt.