Seiner Phantaſie ſchweben alle die grauenvollen Bilder vor, mit
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denen ein zartbeſaitetes Gemüth das moderne Amphitheater aus⸗ zumalen pflegt: er hört im Geiſte das wüſte Lärmen einer toben⸗
den Menge, ſieht ihre pöbelhaften Raufereien und vernimmt ihr ungeduldiges Ziſchen und Stampfen vor dem Aufrollen des
Vorhanges, das nur zuweilen durch den empörten Ruf nach
„Muſik“ unterbrochen wird. Mit Abſcheu kehrt er ſeine Blicke halbem Entſetzen dem dumpfen Rauſchen und Brauſen, das von oben in die Tiefe dringt.— Wir verzeihen ihm ſeine feudale Verachtung des Olymp und ſeiner Bewohner gern. Hätte die grauſe Avcyun— ich meine ein magerer Geld⸗ beutel oder Neugier ihn je dazu getrieben, die Befriedigung ſeiner Kunſtliebe auf des Amphitheaters Stufen zu ſuchen, hätte er je auf den olympiſchen Höhen gethront, hoch über der geputzten Menge, göttergleich— er würde weit andere Eindrücke droben empfangen haben, er würde ſich ſeines hochmüthigen Stolzes ſchämen und fortan ſonder Furcht und Verachtung aufwärts blicken. Denn da herrſchen nicht die rauhen Winde der Ge⸗ meinheit und der kunſtverachtenden Unbildung, nein, da weht der friſche Odem der wahren Begeiſterung und eines äſthe⸗ tiſchen Kunſtſinnes. Nicht die niedrigſten Schichten der Ge⸗ ſellſchaft, die eréme der Eckenſteher und dienſtbaren Geiſter füllen die ſchmuckloſen Reihen des Theaterhimmels, ſondern die kunſtverſtändigen und gebildeten Kreiſe ſind es, welche das ſtärkſte Contingent zu den erhabenen Himmelsbewohnern ſtellen. Da iſt vor Allem die große Zahl der Berliner Muſenſöhne, welche, da ſie bekanntlich den eitlen Mammon in perpetuirlichen ala⸗ demiſchen Verruf gethan haben, den Olymp zu freguentiren gezwungen ſind; ihnen reiht ſich würdig an die Cohorte der reiferen„Pennaliſten“; da ſind ferner in zahlreicher Vertre— tung die Jünger der Themis, vom Auscultator bis zum kgl. preuß, unbeſoldeten Aſſeſſor, welche ihr Hungeretat bis zu den letzten Ausläufen der Cultur hinauftreibt. Da ſieht man ſelbſt Militärs in Civil, ſogar„entlarvte oder civiliſirte Lieutenants“, die mit dem kriegeriſchen Schmuck ſich zugleich der vom point d'honneur vorgeſchriebenen Pflicht entledigt haben, trotz ihrer kärglichen Offiziersgage nur in den erſten Rängen zu erſcheinen, und endlich finden hier die beſcheidenen „Merkurialen“, die geſammte, dem übelbekannten Berliner Dandygenre nicht angehörige, weil auf ein geringes Gehalt angewieſene Kaufmannswelt, eine heimatliche Kunſtſtätte. Aus weniger bevorzugten Elementen der bürgerlichen Geſell⸗ ſchaft iſt der übrige Theil der himmliſchen Heerſchaaren zu⸗ ſammengeſetzt. Es ſind das gewöhnliche„Alltagsphiliſter“, Leute aus dem niederen Bürgerſtand, verſchämte Gouver⸗ nanten, männliche und weibliche Kunſtenthuſiaſten der dienen⸗ den Klaſſe— der bekannte, muſikaliſch gebildete Hausknecht und das ſentimentale Kammerzöfchen— und ſolchen Indivi⸗ duen, denen es am Schalter nicht gelungen iſt, ein höheres Rangbillet zu erſtehen und die deshalb verzweiflungswüthig ſich zu den Göttern geflüchtet haben. Man ſieht im Großen und Ganzen eine höchſt reſpektable Geſellſchaft, wie ſie die vornehmen Parquetbewohner ſich kaum träumen laſſen, und von denen ſie ſich nur durch Eins unterſcheidet: während näm⸗ lich die feſtlich geſchmückte Menge drunten in uns den ge⸗ rechten Zweifel erregt, ob ſie in Apollo's Heiligthum getreten, um der Kunſt des Geſanges zu huldigen oder der Göttin Mode glänzende Hekatomben zu opfern, iſt von den Olym⸗ piern gewiß, daß nur wahres Intereſſe und ungetheilte Liebe zur Kunſt ſie den ſteilen Pfad zu ihren hölzernen Götterſitzen hinanklimmen ließ.
Darf ich dich nun, geneigter Leſer, einladen, mich ein— mal auf dem dornenvollen Wege zum Höchſten zu begleiten und von dort mit mir herabzuſchauen auf die Bretter, ſo die Welt bedeuten und auf deinen heimiſchen Platz in der Erden— region? Sei unbeſorgt, es wird dich kein Leid treffen, ſicher werde ich dich wieder zur Erde geleiten.
Man gab die Meyerbeerſſchen Hugenotten. Wachtel ſang den Ravul, Frau Lucca die Valentine. Es war von jeher mein Lieblingswunſch geweſen, in einer der Meyerbeerſchen Glanzrollen dieſe beiden erſten Sterne am Berliner Theater⸗
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himmel ſtrahlen zu ſehen; was alſo irgend in der Macht eines mäßig begüterten Sterblichen ſtand, bot ich auf, um ein höheres Rangbillet zu ergattern. Ich verſuchte legale und ungeſetzliche Mittel, ich feilſchte ſelbſt mit dem berühmten Billet⸗Achilles— vergebliche Mühe. So machte ich denn aus der Noth eine Tugend und erſtand eine Amphitheatermarke.
Noch war ich ein Fremdling auf dem Olymp und lauſchte zu der patſchuliduftenden Umgebung zurück und horcht mit
deshalb mit einer gewiſſen Scheu den abenteuerlich klingenden Rathſchlägen eines Freundes, durch deren Befolgung ich an⸗ geblich in den Beſitz eines Sitzplatzes gelangen ſollte. Ich that, wie er geſagt. Schon eine Stunde vor der Kaſſen⸗ eröffnung eilte ich, den Cylinder mit einer beſcheideneren Kopf⸗ bedeckung und den modernen Ueberrock mit einem der Mode vergangener Jahrzehnte angehörigen Mantel vertauſchend, nach dem Opernhauſe. Bald war der Eingang für„Perſonen mit am Vormittag gekauften Billets“ gefunden. Ich hatte gehofft, der Erſten einer zu ſein, erſtaunte daher nicht wenig, als ich das von der Eingangspforte aus die Mauer einige Fuß entlang laufende Eiſengitter mit Perſonen beiderlei Ge⸗ ſchlechts angefüllt und noch darüber hinaus eine wogende Menſchenmenge vorfand, die, eng an die Wand ſich preſſend, eine lange doppelgliedrige Kette bildete. Mit richtiger Wür⸗ digung der Situation trat ich heran und mengte
Mich dreiſt in jene Menſchenwelle,
Die dort ſich zum Theater drängt.
Die harrende Geſellſchaft war trotz der troſtloſen Aus⸗ ſicht, eine volle Stunde unter freiem Himmel auf die Eröff⸗ nung warten zu müſſen, im Vertrauen auf die Gutmüthig⸗ keit Jupiter pluvius' beim beſten Humor und in lebhafter und ungezwungener Unterhaltung begriffen.
Hin und wieder verſuchten einige„echte Berliner Jungen“ durch kraftvolle Späße und altersgraue Meidinger die allge⸗ meine Aufmerkſamkeit auf ſich zu lenken, was ihnen auch vollkommen gelang. Im Uebrigen aber löſte ſich die allſei⸗ tige Redſeligkeit in gemüthliche Zwiegeſpräche auf, die dem Zuhörer wirklich intereſſanter Art waren. Vor mir ſtanden zwei phantaſtiſch gekleidete Damen von zweifelhafter Rang⸗ klaſſe, die mit möglichſt vernehmbarer Stimme und möglichſt hochdeutſchem Accent ihr Misgeſchick beklagten, welches ſie heute das Amphitheater aufzuſuchen zwinge, ſie, die bisher nur in höheren Rängen zu verkehren gewohnt ſeien. Ihre Umgebung nahm dieſe Stoßſeufzer eines noblen Gemüthes mit dem ſpöt⸗ tiſchen Lächeln des Unglaubens auf und Einer, dem man ſo⸗ fort den Studenten anſah, ſagte, ſich zu ſeinem Nachbar wen⸗ dend mit ſichtlicher Indignation:„Meinen Sie nicht auch, daß hier vollkommene Gehfreiheit herrſche? Wem unſere Ge⸗ ſellſchaft zu plebejiſch erſcheint, der möge diejenige aufſuchen, zu der er gehört.“—„Orpheum, Ballhaus, Villa nova—“ entgegnete lächelnd der Andere. Darob verſtummten er— röthend die lieblichen Jungfrauen.— Mein Nebenmann war ein junger Muſiker. Um ſeine Schultern hatte er maleriſch das dünne Plaid geſchlagen und mit beiden Händen hielt er krampfhaft ein dickes Buch feſt, worin ſich, wie er mir ſpäter vertrauensvoll entdeckte, ein vollſtändiger Clavierauszug der Oper befand. Er begann alsbald ein wiſſenſchaftliches Geſpräch über Muſik und Geſang und erdrückte meinen harmloſen Laienverſtand mit einem Wortſchwall von „Geſangsphänomenen, Lucca-Cultus, blinden Wachtelia⸗ nern, Offenbach'ſcher Cancanmuſik“ und dergleichen. Ich war ihm dafür ſehr dankbar, denn er beſchleunigte jedenfalls die gefürchtete Geduldsprobe durch ſeine entrüſteten Kunſt⸗ ergüſſe, ſo daß ſie, ehe ich's gedacht, bis auf wenige Minu⸗ ten verronnen war. Bald alſo ſollten ſich die Pforten des Tempels der profanen Menge öffnen! Plötzlich ertönte von den äußerſten Vorpoſten der markerſchütternde Ruf:„Es iſt aufgemacht“— und„aufgemacht“ echoete es durch die lange Reihe. Wie ein eingedämmter Gebirgsſtrom, wenn er die Schranken durchbricht und wild entfeſſelt dahinbrauſt, Alles mit ſich fortreißend und unter ſeinen Sturzwellen begrabend, ſo
ſtürzte die ungeduldige Menſchenwoge unter furchtbarem Drängen
und Stoßen vorwärts nach dem Eingang. Im nächſten Augen⸗ blick war ich durch den mächtigen Anprall an die Wand gepreßt,


