Mutter fuhr fort:„Ich finde in dem Liede dich ſelbſt.— Du
Nun höre! Deine Mutter
ſchweigſt? So gibſt du es zu. ſieht ein, ſie hat nicht wohlgethan
„Zu ſpät!“ ſeufzte die junge Frau.
„Ich leugne das; denn früher konnte mir die Erkenntniß nicht kommen, als bis ich den Mann geſehen, den ich dir geraubt.“
Helenens Kopf fuhr in die Höhe:„Was ſagſt du, Mutter?“
Die Commerzienräthin wies auf die Seitenthür:„Hab' Acht; denn dort ſchläft Fanny! Er iſt dir nahe!“
„Wo? Wo?“ fieberte Helene.
„Heute wirſt du ihm nicht mehr begegnen.“
„Nie mehr, o nie mehr!“ rief Fürſt's Gattin, das Geſicht abgewendet.
„Du ſollſt es morgen! Deine Mutter, die Jenes gewollt, was das Lied ſagt, will auch dies. Der Fremde, den uns Hugo angekündigt, war er.“
„Er wußte nicht, zu wem er gegangen!“ ſtieß Helene heraus.
„Nachdem ich uns von Zeugen befreit, erfuhr er's.“
„Und da?“ forſchte Helene in angſtvoller Spannung.
„Da lernt' ich einen Menſchen kennen, edler, als ich die Menſchen überhaupt gedacht.“
„Dann ſchützt er mich vor jedem Wiederſehen!“
„Du hörſt, ich wünſche, daß er dich wiederſieht!“
„All deinen Geboten bin ich gefolgt, dem nicht!“
„Du ſollſt ja glücklich dadurch werden!“ lächelte die Commerzienräthin mit Selbſtüberwindung.
Helene griff ſich an die Stirn:„Mutter!“
Die Greiſin heftete ihr Auge durchdringend auf der Toch⸗ ter Antlitz und ſprach ſehr langſam:„Ich will die Feſſeln löſen, die dich drücken.“
„Was willſt du?“
„Dein Mann, den ich über Alles aufgeklärt, iſt mit dem Vorſatz einverſtanden. hülfreiche Hand zu Eurer Trennung bieten.“
Da richtete ſein Weib ſich imponirend auf:„Dann wäre er der einzig Edle, und ich, die von ihm ginge, um Jenem ihr Wort zu erneuern, dem ſie es einmal gebrochen, ich ſtände da als eine Verworfene!“
Zögernd fragte die Mutter:„Helene, bei der Wahl, die dir geſtellt wird, möchteſt du Hugo's Gattin bleiben?“
„Ob ſein oder nicht, nur keines Anderen werden, am wenigſten Deſſen, den ich nicht mehr liebe, ſeit ich das Recht dazu verloren!“
„Und dein Herz erwacht nicht wieder, obwol die eigene
Mutter dir Kunde bringt, daß er dich nicht vergeſſen?“ „Dies Wort gerade ſcheidet uns für ewig!“ flammte Helene auf.„Wo liegt das Edle, das du an ihm rühmſt, wenn er mir, der Frau, mit aufgegebenem Anſpruch zu nahen wagt? Mein Gatte führt ihn arglos bei ſich ein, und er—“
Er ſelbſt wird als Rechtsgelehrter
leuchter gelegt, ins Auge. in die Hand, ohne es zu öffnen und ſprach:„O Kind, als ich
ſie ſchauerte plötzlich zuſammen—„o Mutter, ich finde mich
nicht zurecht, mich ſchaudert!“
Verklärten Geſichts breitete die alte Frau die Arme aus:
„Mein liebes Kind hat ſich zurecht gefunden!“
Tief betroffen trat Helene zurück:„Was iſt das?“
„Es iſt, was ich von meiner Tochter erwartet! Ich ließ dich eine harte Prüfung beſtehen, du haſt dich ſtark gehalten, ich ſegne dich!“
Sie wollte Helenen an ſich ziehen, aber die Tochter wehrte die Liebkoſung ab:„Eine Mutter kann ſo mit ihrem Kinde ſpielen?“
„Vergib ihr, was ſie aus Sorge um dich gethan! Der Mann, an dem das Mädchen Helene hing, hat mir gezeigt, wie heilig er die Ehre des Weibes achtet. Er hat in meine Bruſt die Ruhe geſenkt—“ hier wurde ihr Ton düſterer— „die mir— heute darf und muß ich dir's bekennen— ſeit deinem Vermählungstag geſchwunden war. Der Glaube, der
das Gewiſſen tröſten ſoll, mir iſt er oft eine Quelle der Qual
gew
geweſen; denn ihm zu Liebe beſtimmt' ich dein Geſchick und blieb doch ſchwankend, ob es dir zum Heil war. Nun aber
weiß ich's, nun iſt Frieden hier“, athmete ſie auf und legte die Hand ans Herz,„und zu dem Frieden wird die Freude kommen; denn mein geliebtes Kind wird glücklich werden.“
Ernſt und gemeſſen erwiderte Helene:„Wie ſoll ich dich jetzt verſtehen?“
Die Commerzienräthin ſchüttelte lächelnd den Kopf:„Ver⸗ ſtehe mich immerhin noch nicht! Ich verlaſſe dich einen Augen⸗ blick; erwarte mich hier, Helene!“
„Was haſt du vor?“
„Du wirſt es ſehen, wenn ich wiederkehre!“ Sie wollte fort, doch plötzlich fiel ihr das Buch, das ſie neben den Arm⸗ Sie trat an den Tiſch, nahm es
die Worte des Liedes las:„Was ſonſt in Ehren ſtünde, nun iſt es worden Sünde!» da gruben ſie ſich mit Krallen in mein Gehirn. Und als ich von der braunen Haide las, da ſchien die Schrift aus den Wänden mich anzuglühen, wie das Mene Tekel den König von Babylon!“
Mit ſchnellem Griff bemächtigte ſich Helene des Buchs, riß das verhängnißvolle Blatt heraus, hielt es ins Licht und rief:„Hier glüht ſie!“ Das lodernde Papier warf ſie hinter ſich in den Kamin. Schweigend öffnete die Commerzienräthin
noch einmal die Arme; jetzt ſträubte Helene ſich nicht mehr.
Still legte die Mutter wie zum Segen die Hände auf die ſanft gebeugte Stirn und ſchritt hinaus. Das Auge der Tochter begleitete ſie:„Wohin ſo geheimnißvoll, daß ich nicht folgen darf?“
Leiſes Pochen an der Seitenthür ließ ſich hören, dann lauter, und der Ton eines liebgewohnten Mundes:„Helene!“
„Fanny!“ rief, geſchwind den Blick wendend, die Schweſter.
Das Pförtchen ſprang, der Lockenkopf ſchlüpfte herein: „Warum ging die Mutter dort hinaus und kommt nicht, ſich niederzulegen?“
„Ich weiß es nicht, ich ſoll ſie hier erwarten“, berichtete die Schweſter kurz.
„So laß mich eine Minute bei dir bleiben!“ bat Fanny.
„Wir meinten, liebe Kleine, du ruhteſt längſt!“
„Ich habe“, vertheidigte das Mädchen ſich gegen den verſteckten Argwohn mit Würde,„Euch nicht etwa behorcht, aber ſchlafen konnt' ich nicht, ich bin zu aufgeregt.“
„Wodurch?“
„Du ſollſt Alles wiſſen; deswegen huſcht' ich her! War das ein Abend, Helene! Hat dir die Mutter geſagt, wen du verſäumt?“
„Den Doctor Stephani“, warf die junge Frau gleich⸗ gültig hin.
„Die Mutter verbot mir, dich in den Saal zu rufen. Sie hielt es wohl für unpaſſend, wenn du noch kämſt, nach⸗ dem ſie dich entſchuldigt.“
„Jedenfalls!“
„Doch morgen lernſt du ihn kennen!“ lispelte das Blauauge vergnügt.„Ich habe nie ſolchen Mann geſehen!“
S
Fanny überhörte die Frage.„Ich glaube auch, es gibt keinen Zweiten wie ihn. Er kam mit einem Freunde, einem Herrn Roſenberg oder dergleichen, der aber neben ihm ganz verſchwand wie Hugo!“ Sie erſchrak über ihre vorſchnelle Aeußerung und fügte betreten hinzu:„Ach, verzeih'!“
Helene zeigte ihr, daß ſie nicht beleidigt war, durch den Einwurf:„Hugo ſchreibt auch keine wiſſenſchaftlichen Werke.“
Schnell wieder ermuthigt, verſetzte Fanny:„Und wie er ſchreibt, ſo ſpricht er! Das hab' ich ihm geſagt.“
„Das haſt du ihm geſagt?“
„War es unbeſcheiden? Er nahm es nicht übel; er ſchien ſich ſogar darüber zu freuen.“
„Freut er ſich leicht? Iſt er heiter im Geſpräch?“ er⸗
kundigte ſich Helene.
„Heiter? Nein! Hugo lacht oft laut, das thut er nie, er lächelt kaum, allein es liegt— ich möchte ſagen: eine ſonnige Klarheit, eine warme Ruhe in all ſeinen Worten
wie auf ihm ſelbſt!“


