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Der Denkart meines wackeren Roſenberg widerſtrebt es, für eine Neigung, die ihn ergriffen, als Sprachrohr einen Com⸗ miſſionär zu brauchen.“
Der alten Dame zuckte ein Freudenſchreck durch alle Glieder. Unwillkürlich ſtreckte ſie beide Hände aus:„Herr Doctor!“
Mit ruhiger Wärme ergänzte dieſer:„Sie haben Schmerz auf ſeinen Zügen geleſen. Sein Leiden iſt Leid, an dem er heut erkrankt, als er das Fräulein auf einem Spaziergange geſehen.“
„Da Sie es uns ſagen, kann ich nicht zweifeln!“ be⸗ tonte die Commerzienräthin.
Fürſt ſchob die Hände in die Taſchen ſeiner Beinkleider: „In welchen Verhältniſſen iſt der Bankier?“
„In ſolchen“, erwiderte Stephani nachdrücklich,„daß ſein künftiger Schwager ſtets gute Küche bei ihm finden wird!“
„Erlaube, Freund“, plaidirte der Juriſt,„man muß ſich doch einigermaßen orientiren!“
Der Andere ſchlug ihm kurz auf die Schulter:„Gib ihm auf meine Verantwortung Credit, doch laß den Aaron aus dem Spiel, das bitt' ich!“
„Was haſt du nur mit dem Aaron?“ lehnte Fürſt un⸗ muthig die Erinnerung ab.
„Ich habe nichts mit ihm, denn ich bin Chriſt. Doch ich weiß, daß er jüdiſche Ehen ſtiftet, und erzähle dir, wenn du willſt, einen intereſſanten Fall.“
„Herr Doctor“, fiel die Commerzienräthin unruhig ein, „Sie haben uns eine Schilderung vom Weſen Ihres Freun⸗ des entworfen, an deren Wahrheit ich mit Freuden glaube.
Ich bitte Sie, Herrn Roſenberg zu ſagen, daß unſer Haus ihm offen ſteht.“
Wieder machte ihr Stephani eine Verbeugung:„Ich würd' es ohne Zaudern, müßt' ich hier“— er deutete auf den Rechtsanwalt—„nicht mein Verſprechen noch erfüllen. Merk auf, Juriſt! Der intereſſante Fall betrifft einen Mann, dem jener Aaron eine Frau verſchafft hat, ein ſchönes, junges Weib voll Herz und Geiſt, von zu viel Geiſt ſogar für einen Gatten, der keinen höheren Sinn des Genuſſes kennt, als ſeine Zunge.“ Fürſt trat einen Schritt zurück. Der Spre⸗ cher ließ ihn nicht los.„Höre weiter! Der Mann, ſtatt von der feinern Frau zu lernen, beſpöttelt ihre Freuden und vergällt ſie. Dies iſt nicht nur erbärmlich ungeſchickt, es iſt zugleich unbeſonnen und gefährlich.“
„Gefährlich?“ ſtammelte Fürſt, während ſeine Schwie⸗ germutter auf ihren Sitz ſank.
„Wenn ein Weib ſich nicht verſtanden fühlt von dem, der ſie verſtehen ſollte, wie kein Anderer, ſo geſchieht es leicht, daß ihr ein Andrer naht und darauf ausgeht, der ſtilllei— denden Frau Erſatz zu bieten.“
„Stephani!“ keuchte Fürſt, ſich entfärbend.
„Nimm an, eine ſolche Ehe löſte ſich, und es handelte ſich vor dem Richter um die Entſcheidung:(wer iſt der ſchul— dige Theil?“ wen würdeſt du als Anwalt vertreten mögen, den Gatten oder die Gattin?“
Fürſt fuhr mit der Hand über die Stirn:„Großer Gott!“ Sein Blick bekam etwas Wirres.
„Sammle dich!“ redete ſein Vernichter ihm zu.„Noch ſchwebt der Fall in ſeiner erſten Hälfte, noch iſt die Gefahr acht eingetreten, noch kann der Gatte thun, was er bisher verſäumt, nur darf er keine Zeit verlieren.“
Fürſt's Auge irrte noch umher:„Iſt die Gefahr ſo nahe?“
„Nicht näher, als ſie anderer Orten war“, beſchwich⸗ tigte Stephani;„des Klugen Aufgabe iſt, der Möglichkeit den Weg zur Wirklichkeit zu verlegen.“
Fürſt's Finger ſtreckten ſich zitternd nach ſeinem Hut nus.„Ich werde dir morgen für deine Erzählung danken!“ Den Kopf vorgeneigt, ſchritt er der Hauptthür zu und hin— aus in die Nacht.
Die Schwiegermutter ſtand auf, breitete ihm die Arme nach und wollte ihn zurückhalten, Stephani jedoch drängte
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ſie ſanft in den Seſſel zurück und ſprach bedeutſam:„Die Nachtluft wird ihm jetzt ſehr heilſam ſein!“
Die alte Frau hielt die Hände des jungen Mannes feſt, beugte das Haupt, und ihre Thräne fiel brennend auf ſeinen Handſchuh. Faſt mit Zärtlichkeit fuhr er fort:„Iſt nun Ihr Wunſch erfüllt, der Commerzienräthin Braun einen Troſt zu bringen?“
Die Weinende blickte zu ihm empor, und aus der Tiefe ihres Herzens quoll es:„O, daß ich nicht ſagen kann; mein theurer Sohn!“ ich heute ſagen: gute Nacht, meine Mutter!“ Schnell ent⸗ zog er ihr die Hände und verließ den Saal. Kein Laut war mehr zu hören, als das Summen des Gaſes, das vom Kronleuchter flackerte, und bitteres Schluchzen aus einer be⸗ ladenen Bruſt.
Die Kerzen, welche ein boudoirähnliches Stübchen im erſten Stockwerk des Curhauſes erhellten, waren halb nieder⸗ gebrannt. Die junge Frau, deren Haupt und Arme auf den Tiſch geſunken lagen, merkte es nicht. Sie wurde ebenſo wenig gewahr, daß die Corridorthür aufging.„Helene!“ klang es hinter ihr, und eine ſanfte Hand legte ſich auf ihren Scheitel.
„Mutter!“ fuhr ſie empor. Es überlief ſie.
Die Commerzienräthin blickte ihr in die gerötheten Augen: „Du haſt geweint?“ Statt zu antworten, ſuchte Helene ge⸗ ſchwind ein kleines Buch zu verſtecken, das aufgeſchlagen unter ihren Händen geruht. Die Mutter legte den Finger auf die Blätter:„Ein Buch, das du meinen Blicken entziehen willſt?“
„Ich bitte dich, Mutter, lies nicht darin!“ flehte die Tochter ängſtlich.
„Helene!“ ſprach die alte Dame vorwurfsvoll. Die Tochter gab das kleine Werk preis und verbarg ſeufzend ihr Geſicht. Die Commerzienräthin hielt die Blätter gegen das Licht:„Ein Lied?“
Da ſprang die junge Frau vom Stuhl, warf ſich ins Sopha und drückte den Kopf in das Kiſſen. Die Mutter verfolgte ihr Gebahren mit bedenklicher Miene, dann lenkte ſie den Blick zurück auf das ominöſe Lied und las abſicht⸗ lich laut:
„Meine Mutter hat's gewollt,
Den Andern ich nehmen ſollt'.“ Betroffen hielt ſie inne, ermannte ſich aber raſch wieder und ſetzte die Lektüre fort:
„Was es zuvor beſeſſen,
Mein Herz ſollt' es vergeſſen,
Das hat es nicht gewollt!“ Wieder ſetzte ſie ab und ließ das Auge nach dem Sopha ſchweifen. Die dort Ruhende rührte ſich nicht. Die alte Frau holte tief Athem und las von Neuem:
„Meine Mutter klag' ich an,
Sie hat nicht wohlgethan.
Was ſonſt in Ehren ſtünde,
Nun iſt es worden Sünde.
Was fang' ich an?“ Wieder dieſelbe Bewegung des Geſichts nach dem Sopha, und wieder dort dieſelbe Regungsloſigkeit. Um den Mund der Mutter gruben ſich zwei tiefe Falten. Noch ein Mal rang ſie nach Athem, aber ihre Stimme vibrirte, während ſie den Schluß des Liedes las:
„Für all meinen Stolz und Freud'
Gewonnen hab' ich Leid.
O, wär' das nicht geſchehen!
O, könnt' ich betteln gehen
Ueber die braune Haid'!“
Sie ſchloß das Buch, legte es nieder und trat dicht vor die Tochter. Mit feſtem, faſt hartem Ton hob ſie an:„Dies führt die Entſcheidung ſchneller herbei. Steh auf, Helene, ich habe mit dir zu ſprechen!“ Die Angeredete gehorchte ſchweigend, aber ihr Haupt blieb niederwärts gekehrt. Die
Weich, doch unerſchüttert entgegnete er:„Dann dürfte


