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Die Matrone ſah ihn ſo ſcharf an, als wollte ſie ſein Innerſtes durchſchauen. Darauf ſagte ſie langſam:„Um von der Commerzienräthin Braun zu ſprechen, erſucht' ich Sie, zu bleiben.“
Stephani's Erſtaunen verdoppelte ſich. Er gab ihr den Blick zurück:„Das deutet auf ſehr nahe Bekanntſchaft!“
„Sie täuſchen ſich nicht. Ich weiß um die Beziehung, in der Sie zu einer Tochter der Dame geſtanden. Doch außer mir“, ſetzte ſie ſchneller hinzu,„iſt Niemand eingeweiht!“
Das folgende Geſpräch wurde ſo geführt, daß hinter jeder Rede, ob ſie von ihm oder ihr ausging, eine kleine Pauſe eintrat, während die Augen der Beiden unabläſſig an einander hingen, als wären ſie durch magnetiſche Ketten ver⸗ bunden.
„Seltſam!“ verſetzte der Doctor.„Und noch ſeltſamer, daß eine Dame jene Beziehung zuerſt berührt.“
„Es geſchieht aus Mitgefühl für alle Theile!“ „Beſonders wol für die Commerzienräthin ſelbſt!“ „Das leugne ich nicht. Ich brächte der alten Frau gern Beruhigung, einen Troſt.“
„Iſt die alte Frau von Gewiſſensbiſſen gemartert?“ „Nein; denn ſie hat gethan, was ſie für Recht hielt!“ „Und ſcheint doch zu bereuen, was ſie gethan?“ „Nein, ſie bereut nicht, daß ſie ihr Kind vermählt!“ „So iſt ihre Tochter glücklich geworden?“ Ausweichend erklärte die Gefragte:„Ich kenne jetzt den Mann, den Helene begehrte, und kann ihn mit dem ver⸗ gleichen, den ſie beſitzt.“
„Und welchen Schluß ſoll ich mir hieraus bilden?“
„Noch keinen, bis ich erfahren, mit welchem Gefühl Sie an das Vergangene denken.“
„Wie kann ich antworten, eh' ich weiß, ob Helene be⸗ dauernswerth iſt?“
„In meinen Augen iſt ſie es nicht! Ihr Gatte iſt brav und tüchtig, erfüllt Ihr jedes Verlangen und zeigt ſich ſtolz auf ſein Weib. Daß Eigenthümlichkeiten an ihm haften—“
„Genug!“ unterbrach Stephani ſanft.„Ihr bliebe auch an dem geliebteſten Manne gar Vieles zu dulden.“
Die alte Frau ſchöpfte tief Athem, als fiele ihr eine ſchwere Laſt von der Bruſt. Mit auffallend erheiterter Miene fragte ſie:„So würde Doctor Stephani, wenn ein Zufall ihn mit Helenen wieder zuſammenführte, die Ruhe ihres Her— zens nicht gefährden?“
„Die Ruhe ihres Hauſes ſicherlich nicht!“
„Ich wiederhole: die Ruhe ihres Herzens?“
„Die Frage wäre an Helene zu richten!“
Die glatte Stirn der Matrone furchte ſich wieder. gernd hob ſie an:„Und wenn ich das nicht wagte?“
Dem Doctor ſtieg das Blut in die Schläfe:„Dann müßte die Commerzienräthin Braun ſich ſelber fragen, ob ſie wohlgethan, als ſie ihr Kind dem Manne entriß, der Helenen unſäglich geliebt!“
Die Hörerin zitterte:„Und dann würde Doctor Ste⸗ phani der alten Frau kein Opfer bringen?“
„Hat ſie mir's gebracht?“ kochte es dumpf. aus ſeiner Bruſt.
„Sie hing an den Geboten ihres Glaubens!“ vertheidigte ſie matt.
„An Vorurtheilen, die ſie büßen mag!“ entſchied er hart.
„Aus Ihrem Munde hätte ich Anderes erwartet!“ ſtöhnte die halbgebrochene Frau.
Der Gegner erdrückte ſie völlig:„Den Anſpruch ſtellen Sie an einen Menſchen und wiſſen doch aus dem Alten Teſtament, daß ſelbſt Ihr Gott auflodert und niederſchmet⸗ tert, wenn ihm gerechter Zorn das Herz durchzuckt?“
Vernichtet ſank ſie in einen Seſſel und brach in Schluch⸗ zen aus. Da öffnete ſich das Glasportal, Fürſt und Fanny kehrten zurück, unbemerkt, bis ſie dicht hinter den Beiden ſtanden.
„Wie ſind Sie ihn losgeworden, Mama?“ fragte der Rechts anwalt, ſich niederbückend, leiſe. Stephani's Kopf fuhr herum. Die Commerzienräthin ſchrak jäh empor.
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„Die Mutter weint!“ rief Fanny entſetzt.
Mit raſcher Herrſchaft über die Situation gab Stephani ſtatt der Dame zur Antwort:„Ich bin der Urheber dieſer Thränen, mein Fräulein!“ Die Commerzienräthin blickte ver⸗ zagt zu ihm auf. Er lächelte ein wenig und ſprach gelaſſen: „Es iſt recht ſonderbar: über gewaltige Weltereigniſſe weint Niemand, und ein winziger Vorgang im einzelnen Menſchen⸗ leben macht die Augen feucht!“
„Mama iſt überhaupt ſehr leicht zu rühren!“ bemerkte Fürſt, ſeinen Hut aus der Hand ſtellend.
Stephani aber that, als wäre nur Fanny zugegen.„Sie fragten vorhin, wer der Mann ſei, den Ihr Schwager ſo unhold begrüßte.“
Hugo will mir keine Auskunft über ihn geben, verſetzte das Mädchen mit einem Seitenblick auf Fürſt, den die Worte des Doctors nicht wenig verlegen machten.
Stephani fuhr raſch fort:„Fürſt kennt den alten Bur⸗ ſchen von einer Seite, von der Sie ihn nie kennen lernen ſollen!“
„Woher kennſt du ihn?“ ſtotterte der Juriſt.
Der Hiſtoriker nickte, ohne ihm einen Blick zu ſchenken: „Durch meinen Freund Roſenberg, dem er ſich aufdrängt, wie er ſich ihrer Frau Mutter aufdrängen will. Ich warnte in Ihrer Abweſenheit die Dame und erzählte ein Stückchen aus ſeiner Vergangenheit, das wol geeignet iſt, Herzen trau⸗ rig zu ſtimmen.“
„Herr Doctor!“ bebte es flehend von der Lippe der ge⸗ ängſtigten Commerzienräthin.
„O fürchten Sie keine Wiederholung!“ beruhigte Ste⸗ phani.„Ich ſage vielmehr unverzüglich gute Nacht.“ Er bückte ſich nach ſeinem Hut, den er unter ſeinen früheren Sitz geſtellt.
„Es iſt ſpät geworden. Du weißt Beſcheid in der Stadt“, wandte er ſich zu Fürſt,„würdeſt du mich ein paar Straßen weit begleiten, damit ich den Weg in mein Hotel nicht verfehle?“
„Sie verzeihen, Herr Doctor“, ſagte haſtig die Commer⸗ zienräthin,„mein Schwiegerſohn ſoll ſich vor der Nachtluft hüten.“
„Ah!“ Weiter erwiderte Stephani nichts, aber ſeine Verbeugung vor der Dame gab zu erkennen, daß er den Sinn der gefährlichen Nachtluft verſtanden.
Geſchwind knüpfte die Commerzienräthin an:„Geh auf unſer Zimmer, Fanny, ich folge dir gleich.“
„Wie du befiehlſt, liebe Mutter!“ Das junge Mäd⸗ chen verneigte ſich graziös gegen die Anweſenden und fragte: „Muß ich mich Herrn Doctor Stephani heute ſchon em⸗ pfehlen?“
„Ich reiſe morgen noch nicht!“
Da ſchwand alle Befangenheit, die ſich bisher auf ihren Zügen ausgedrückt, und mit kindlicher Freude rief ſie:„Ach das iſt gütig! Dann ſieht meine Schweſter Sie doch auch!“
„Ich hoffe, mir wird die Ehre.“
„Das muß ich ihr gleich ſagen!“ klatſchte Fanny in die Hände. 5
Doch ernſt hielt die Mutter ſie zurück.„Du wirſt dich auf unſer Zimmer begeben, mein Kind; Helene bedarf der Ruhe!“
ugeſhuchter durch das Gebot, verloren des Mädchens Augen den ſtrahlenden Glanz. Mit ſinkender Stimme ent⸗ gegnete ſie:„Ich hätte ihr gern heute noch eine Freude gebracht!“
Sie ſchlug die Wimpern nur wenig auf:„Gute Nacht, Herr Doctor!“.
„Auf Wiederſehen, mein Fräulein!“ ſprach Stephani zuverſichtlich mit leiſem Lächeln. Leichtfüßig ſchwebte ſie durch die Seitenthür.
Kaum war ſie den Uebrigen aus dem Geſicht, ſo trat Fürſt nahe zu Stephani.„Was weißt du von Aaron?“
„Jetzt, da wir allein ſind, kann ich es dreiſt ſagen“, verſetzte der Doctor laut, indem er ſich der Commerzienräthin zukehrte,„und ſpäter eines Begleiters nach Hauſe entbehren.
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