Jahrgang 
1868
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poſt und Ciſenbahn.

Zehn Stunden Poſt, und das ſagen Sie ſo leicht hin, rief mein Nachbar zur Rechten ärgerlich,zehn Stunden Pvoſt, und noch dazu auf einer Chauſſee, die zur Hälfte des Wegs mit verkrüppelten Fichten und zur andern Hälfte mit welken Kartoffelſtauden oder verſchmachtenden Kornhalmen garnirt iſt.

Aber theuerſter Freund, warf ich ein,halten Sie denn dieſen Kiefernwald, durch den wir eben dahin dampfen, oder jene Lupinen⸗Prairie, die wir glücklich hinter uns ge⸗ laſſen haben, für eine angenehmere Gegend? Oder fühlen Sie ſich dadurch entſchädigt, daß Sie jede Viertelſtunde als beſondern Schmuck dieſes paradieſiſchen Gefildes eine Hütte ſehen, deren Styl zwiſchen dem einer Sodawaſſerbude und einer Hundehütte die Mitte hält, und vor der ein zugeknöpfter Menſch mit blanken Knöpfen ſteht, die Hand an der Mütze und im Geſicht die concentrirte Langeweile ſeines Einſiedler⸗ poſtens ſo energiſch ausgeprägt, das Sie unwillkürlich gähnen und dabei die Cigarre aus dem Munde fallen laſſen und ſich die Hoſen verbrennen, wie es Ihnen zu gerechter Buße jetzt eben paſſirt iſt.

Das hätte mir freilich nicht im Poſtwagen zuſtoßen können, ſagte mein Freund und klopfte die Aſche von dem graumelirten Sommerbuckſtin,weil nämlich irgend eine alte, oder junge Dame ſo gütig geweſen wäre, ſich überhaupt das Rauchen zu verbitten. Auch eine Annehmlichkeit des Poſt⸗ reiſens.

Das ließ ſich allerdings nicht in Abrede ſtellen. Im ſogenannten Hauptwagen wird das Verbot des Rauchens mit ziemlicher Strenge aufrecht erhalten. Höchſtens geſtattet die Dame, deren Nerven den narkotiſchen Duft der importirten oder imitirten Havannah nicht ertragen können, ein abwech⸗ ſelndes Rauchen, ſodaß ſtets nur ein Herr dem gewohnten Genuſſe fröhnen darf, während die übrigen in tantaliſcher Sehnſucht ſich verzehren müſſen. Mein Freund ſcheint meiſtens die Ehre des Hauptwagens genoſſen zu haben, was für einen paſſionirten Raucher, wie er, immer eine wahre Pönitenz ge⸗ weſen ſein mag. Mich ſelbſt hat indeſſen mein guter Stern meiſtens einen Beiwagen mit höchſt angenehmer Geſellſchaft finden laſſen, wo ein junges Frauchen um des lieben Gatten willen Nachſicht übte, oder eine väterliche Autorität, die wie ein Schornſtein dampfte, die jungfräulichen Nerven über jede Prüfung hinaus widerſtandsfähig gemacht hatte.

Im Uebrigen beſteht gegen das Reiſen im Poſtwagen ganz mit Unrecht ein ſtarkes Vorurtheil. Wer mit Ungeduld vorwärts will, wer in der Ferne ein dringendes Geſchäft, das keinen Aufſchub geſtattet, erledigen uuß, wer nach langer Trennung in die Arme zärtlicher Aeltern zu eilen oder als erſehnter Gatte heimzukehren hat, wer von einer geliebten Braut ſich erwartet weiß, dem wird freilich, auch wenn er mit Courierpferden reiſt, die Poſt ſo langſam zu gehen ſcheinen, wie damals, als ſie noch mit Recht den Namen der Reichs⸗ ſchnecke trug und der ſorgſame Hausvater, wenn er ſechzig Meilen weit reiſen mußte, vorher ſein Teſtament machte, denn er brauchte dazu dieſelbe Zeit, die man jetzt für eine Reiſe von Hamburg nach New⸗York nöthig hat. Dazu kommt, daß das Reiſen auf der Eiſenbahn, auch wenn man zweiter Klaſſe fährt, an ſich billiger iſt, als im Poſtwagen und dadurch, daß man nothwendig auf ſehr frugale Mahlzeiten beſchränkt iſt und auch für weiteſte Strecken kein Nachtquartier in Ausſicht zu nehmen braucht, noch um Vieles billiger wird. Im Poſt⸗

wagen ununterbrochen von Berlin nach Paris zu reiſen, darf

man wohl kaum ſeinem Körper zumuthen; auch auf der Eiſen⸗ bahn iſt eine ſolche Reiſe eine ungewöhnliche Anſtrengung, aber doch nicht eine geradezu aufreibende. Mit der Poſt hätte man wenigſtens zweimal ſich die Erholung einer wirk⸗ lichen Nachtruhe in einem Hotel gönnen müſſen, mit der Eiſenbahn aber wird dies einem geſunden Menſchen ſchwerlich nöthig erſcheinen.

Mit der Schnelle und Billigkeit ſind aber auch die Vor⸗ züge des Reiſens auf der Eiſenbahn völlig erſchöpft. Ohne

Aufenthalt brauſt der Dampfwagen dahin, an Wald und Feld, Dörfern und Städten derart vorbei, daß man von Allem nur einen höchſt flüchtigen Eindruck gewinnt. Man

fährt durch keinen alten gezackten Thorthurm in ein freund⸗

liches Städtchen hinein und die Straßen entlang, die Fenſter muſternd und, wie es im Liede heißt,hinter Roſen und Gelb⸗ veigelein vielleicht ein blondes Engelsköpfchen entdeckend, oder aus zwei ſchwarzen, brennenden Augen einen verſtohlenen Blick auffangend. Man ſieht keine moſige Dorfkirche, kein ſtattliches Herrenhaus in der Nähe, keine Eigenthümlichkeit von Land und Leuten genauer; Alles bleibt in der Ferne liegen und iſt, kaum geſehen, ſchon wieder verſchwunden.

Wie anders, wenn man im Poſtwagen fährt, wenn mög⸗ lich im Kabriolet, oder neben dem braven Schwager, der mit Land und Leuten vertraut iſt wie mit dem eigenen Heerd und der eigenen Familie, der längs des Wegs, ſo zu ſagen, jedes Haus und jeden Schornſtein kennt und aus jedem größeren Ort eine in ihrer Art intereſſante Geſchichte weiß. Er bläſt zwar manchmal ein wahres Schreckenshorn, aber melodiſcher klingt es immerhin doch noch als der ſchrille Pfiff der Lokomotive, und fährt man am ſtillen Abend durch den ſtillen Wald, da hört man auch wohl, wenn ſein letzter Ton verklungen, einen muntern Finkhahn antworten, oder aus tiefem Gebüſch mit ſchmelzender Cadenz die Nachtigall. Und nun vollends, wenn man vom Glück ſo begünſtigt wird, daß man einen hübſchen, bequemen Beiwagen nur mit einem rei⸗ zenden jungen Mädchen zu theilen hat, etwa mit einer kleinen Gouvernante, die ihren erſten Ausflug in die Leibeigenſchaft einer Gutsherrin macht, oder einer Pfarrerstochter, die von einem Beſuche heimkehrt, einzig und allein dem Schutze des Himmels empfohlen, den Papa auch im Poſtwagen für aus⸗ reichend hält; ja, das iſt ein Reiſen, bei dem man die Stun⸗ den nicht zählt und das Ziel möglichſt fern geſteckt wünſcht, ſobald die erſte Befangenheit überwunden iſt und das junge Herz an den Gedanken ſich gewöhnt hat, daß ſolch ein un⸗ vermeidliches téte-téte die jungfräuliche Würde nicht com⸗ promittiren kann.

Zehn Stunden Poſt! ſtöhnte mein Freund undZach⸗ bar von Neuem und ſtörte mich in einer der ungenehmſten Rückerinnerungen, in der ein herrliche: Herbſttag, ein ſchmet⸗ terndes Poſthorn, ein endlos! Kiefernwald und eine mehr intereſſante, als regeſ- b chone Gouvernante, der das naive und muthwillige Gepauuder ihrer ſechzehn Jahre ganz entzückend von den Lippen floß, zu einer romantiſchen Begebenheit ſich zuſammenthaten, die es zwar nicht zu dem gewöhnlichen Ab⸗ ſchluß einer zärtlichen Scene brachte, aber doch mit einem herzlichen Händedruck und dem leider unerfüllt gebliebenen Wunſche endete, daß der Zufall auf irgend einer deutſchen Landſtraße, und wäre es auch in einer turn⸗ und taxiſchen Beichaiſe, noch einmal ein ſolches téte-à-téte veranſtal⸗ ten möge.

Aber ſo ſchweigen Sie doch mit Ihren Unkenrufen, zürnte ich den mismuthigen Nachbar an und erzählte ihm zum Troſte die gedachte romantiſche Begebenheit, indem ich ihm einen ähnlichen Beiwagen mit dem nämlichen Glück in lockende Ausſicht ſtellte; doch er glaubte an keinen Beiwagen und vermaß ſich hoch und theuer, daß dieſes Inſtitut, ſeit die Eiſenbahn die großen Heerſtraßen in Beſitz genommen und den Poſtverkehr auf die Nebenchauſſeen beſchränkt hätte, überhaupt nicht mehr exiſtire, oder doch nur zur Anwendung komme, wenn die Juden zur Leipziger, reſp. Frankfurter Meſſe reiſen.Da haben Sie Ihren romantiſchen Beiwagen fügte er hinzu,ich danke dafür.

Der Zug hielt; wir waren an der Station angelangt, wo wir die Eiſenbahn mit der Poſt vertauſchen mußten. Ich war darüber natürlich nur in mäßiger Betrübniß. Wegen der Sommerhitze und mit Rückſicht auf unſern Kaſſenbeſtand hatten wir es vorgezogen, dritter Klaſſe zu fahren, und gleich

auf der erſten Station unſere Geſellſchaft um einige Vieh⸗