Jahrgang 
1868
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dir hier in den neuen unfreundlichen Verhältniſſen vorzüglich zu Statten kommen.

Anlage, meinſt Du? Da irrt der liebe Fritz! Ich habe mir meinen Charakter errungen. Das Kind beſitzt noch keinen, und ich war ohne Grund ein immer ernſtes, faſt melancholiſches Kind. Später, als ſich Urſache zur Traurig⸗ keit fand, als Trübſal über Trübſal mich umdrängte, trieb ich fleißig Muſik, und neben meinem trockenen Brotſtudium lag ich Wiſſenſchaften ob, die Herz und Geiſt erquicken und zu einer hellen, heitern Weltanſchauung führen.

Entſchuldige, lieber Arnold, fiel hier der Zuhörer etwas zaghaft ein,bei dieſer Gelegenheit muß ich dir eine Indiscretion beichten.

Du, der Gewiſſenhafteſte aller erſchaffenen Menſchen? fragte der Regierungsrath verwundert.

Erinnerſt du dich, wie wir dich vom Schlachtfelde ins Lazareth trugen?

Geſchätzter Mitcombattant, wie ſoll ich das, da die Granate, die mich auf die Naſe warf, wenigſtens ſo anſtändig war, mir alle Beſinnung zu rauben?

Ich nahm deine Brieftaſche an mich, Andere weiter,damit ſie nicht verloren ging. von ſelbſt

Diavolo! unterbrach Arnold,du haſt meine Gedichte geleſen.

Mit tiefſter Rührung! bekannte der Secretair.

Das glaub' ich, gab der Verfaſſer zu;denn die Verſe ſind jammervoll!

O, verſpotte deine eigene Muſe nicht! bat Fritz aus

Ueberzeugung. Weißt du, wer meine Muſe iſt? fragte Arnold.Um ihre Ehre meinen Poeſien gegenüber zu retten, muß ich dir's jetzt geſtehen. Sie iſt eine Bürgerin dieſer annectirten Pro⸗ vinz, anſäſſig in dieſer Stadt.

Wie? Ja, nun begreif' ich, erklärte der Secretär, was ich bisher nicht faſſen konnte, daß du vom Miniſter deine Verſetzung in dies Rabenneſt erbeten, während wir übrigen Beamten nur dem Befehl gefolgt!

Die Audienz, die ich hatte, ſagte Arnold mit leiſem Lächeln,war ſehr ergötzlich; ich mußte ein Compliment in die Taſche ſtecken für meine Bereitwilligkeit und meinen Eifer, dem Staat zu dienen. Beinahe wäre mir das Bekenntniß entſchlüpft: Excellenz, ich bin ſchuldlos! 8

Aber, wenn ich fragen darf, hob der Freund wieder an,haſt du die Dame ſchon aufgeſucht?.

So weit ſind wir noch nicht, verneinte Arnold;zu⸗ vörderſt muß ich auskundſchaften, ob ſie nicht bereits wohl⸗ beſtallte Gattin und Mutter iſt! In dem Foall laſſe ich aus Rache meine Gedichte drucken!

Ein Mädchen, das du liebſt, kann dir keinen Andern vorziehen! ſagte Rauch mit vollem Ernſt.

Für dieſe Schmeichelei würd' ich dich heirathen, Fritz, wenn du Friederike hießeſt! ſcherzte Arnold, ihm auf die Schulter klopfend.Aber meine Polyhymnia weiß nicht einmal, daß ich ſie geliebt habe, geſchweige daß ich ſie noch liebe.

Der theilnehmende Seeretär erhob ſich mit überraſchen⸗ der Lebhaftigkeit:Laß mich's ihr ſagen, Arnold! Ich will ſo eindringlich reden, daß ihr die Augen übergehen!

Der Regierungsrath zog ihn lachend auf den Sitz zurück: Unſere Urgroßväter ſchickten wohl Freiwerber aus; doch andere Zeiten, andere Hochzeiten!

Verzeih', bat Fritz kleinlaut,es war gut gemeint, aber nicht paſſend, ich ſeh' es ein; ich wollte dir nur ſo gern einen Dienſt leiſten!

Dann ſchaffe mir einen Barbier! Der Figaro des Elephanten hat mir aus politiſchen Rückſichten ſeine Seife verweigert, und ich muß nachher meiner Hauswirthin die ſchuldige Aufwartung machen, da ich bis jetzt nur ihren Gemahl kenne. Ein ungemein verſtändiger, vorurtheilsfreier Mann, dieſer Herr Kühl!

Das muß er ſein, bekräftigte Rauch,ſonſt hätte er

erzählte der Sie löſte ſich

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ja alle Häuſer vor uns ab, als könnten wir die Pocken hinein⸗ tragen.

Ich war, fuhr Arnold zu berichten fort,meinem Wirth ein ſehr annehmbarer Miether. Seit dem Kriege hat ihm dies Stockwerk leer geſtanden; einer Familie die Räume abzutreten, behagt ſeiner Frau nicht, Madame ſcheut den Kinderlärm.

Das ſpricht für kein gutes Gemüth, warf Rauch ein. Sie iſt kinderlos, vertheidigte Arnold,daher mag die Abneigung rühren. Im Uebrigen muß ſie eine treffliche Frau ſein.

Du ſchließeſt von ihrem Manne auf ſie? fragte der Secretär. Arnold ſchüttelte den Kopf:Nein, von dem wunder⸗ vollen Kaffee, den ſie mir durch ihre Küchenzofe heut herauf⸗ geſchickt.

Ich glaube, es hat geklopft! bemerkte Fritz, nach der Thür zeigend.

Der Regierungsrath ſtand ſchnell auf:Nichts leichter, als ſich davon zu überzeugen! Er öffnete. Eine Dame in einfach elegantem Hauskleide trat ihm entgegen mit der Frage: Herr Regierungsrath Römer?.

Zu dienen. Iſt's gefällig?

Sie folgte der Aufforderung, die Schwelle zu überſchreiten, Rauch erhob ſich, beide Männer legten ihre Cigarren aus der Hand.

Sie ſehen in mir, begann die Dame mit Haltung, die Beſitzerin des Hauſes. Frau Kühl, ſagte Arnold erfreut,deren Ruhm ich ſoeben meinem Freunde, Herrn Regierungs⸗Secretär Rauch, verkündet? Der alſo Vorgeſtellte machte eine tiefe Reverenz, die von der Dame jedoch nur mit kurzem Kopfnicken erwidert wurde, worauf ſie ſich wieder gegen ihren Miether kehrte:

wir einander völlig unbekannt ſind! Ihre Werke zeugen für Sie, Madame er ver⸗ beugte ſich artigich wollte nur Toilette machen, ehe ich mich Ihnen in aller Form vorſtellte und für den unvergleich⸗ lichen Kaffee dankte, mit dem Ihre Güte mich verſorgt. Eben deshalb komme ich herauf. Arnold misverſtand die Meinung; das Sofa:Darf ich erſuchen, Platz zu nehmen? Ich

denn er deutete auf habe

emich alſo in meiner Vorausſetzung nicht betrogen: die Frau des Hauſes iſt von derſelben Liebenswürdigkeit wie der Herr!

Er wollte ſie an den Sitz führen. Mein er

Aber ich bitte, Madame!

Ich denke ſehr, lehnte ſie ſteif ab. mit nichten Herr des Grundſtücks, es gehört mir! Regierungsrath Freunde. Die Dame ſprach ohne Pauſe weiter:Mein Mann hat, ohne mich zu fragen, Ihnen das Logis vermiethet. Es war ihm thörichter Weiſe nur darum zu thun, unſere überflüſſigen Räumlichkeiten zu verwerthen. Aus beſonderer

iſt mir indeſſen für die Folge nicht möglich; auch kann mein Mädchen Ihre Bedienung nicht ferner übernehmen, Sie müſſen ſich einen eigenen Bedienten halten!

Arnold wechſelte einen zweiten Blick mit Fritz und ent⸗ gegnete artig, wie zuvor:Ich danke Ihnen, Madame! Be⸗ fleißigten ſich alle Menſchen einer ſolchen Deutlichkeit der Ausdrucksweiſe, ſo würden ſich bei Weitem weniger Misver⸗ ſtändniſſe und Täuſchungen in den Verkehr einſchleichen. Er hielt inne, da er an ihrem Geſichte merkte, ſie wolle ſprechen.

haben mir noch mehr zu ſagen? Da Sie Täuſchungen nicht lieben, begann ſie,muß

ſich ſonſt jedenfalls nach angenehmeren Zimmern umgethan. Freund Fritz, wandte Arnold ſich an dieſen,was fehlt den Zimmern an Annehmlichkeit? Rauch verſtand den Wink:Ich finde es äußerſt behag⸗

dir nicht die reizende Wohnung überlaſſen. Das Volk ſperrt

lich hier, Madame!

Ich wüßte nicht, was Sie an mir rühmen könnten, da

ſutzte und wechſelte einen Blick mit dem

Gefälligkeit habe ich Ihnen heut das Frühſtück bereitet; es

Galant ſagte er, als ſie nicht ſofort das Wort ergriffSie

ich Sie auf gewiſſe Eigenſchaften dieſer Wohnung aufmerk⸗ ſam machen, was mein Mann leider unterlaſſen; Sie hätten

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