ſeinen Armen, die er hier und dorthin ausſtreckt, zieht er die grünen Praterinſeln an ſeine feuchte Bruſt,— er wagt ſich ſogar in das ſtolze Häuſermeer hinein, und murmelt ſeufzend:„Wie ſchön iſt's hier!“ Die Schickſals⸗Polizei aber viſirt ihm ſein Wanderbuch und — weiſt ihn aus. Nun geht's ins Ungarland hinein, am glänzen⸗ den Peſth, am altehrwürdigen Königshügel zu Ofen vorüber, grollend an Sumpf⸗ und öden Felſenufern hin, bis ſich das„Eiſerne Thor“ öffnet und den chriſtlich⸗germaniſchen Danubius einladet, in Mahmud's Reich einzutreten. Da ſenkt ein unheimlicher Trübſinn ſich auf ſein glänzend blitzendes Waſſerauge nieder. Er wird zum„Zerriſſenen“, der mit der letzten Lebenskraft ſeine einzelnen Glieder, ſeine getrenn⸗ ten Arme, ſein ganzes„Ich“ in die düſtern Wellen des Schwarzen Meeres ſtürzt, und ſo ſein Ende findet. Sic transit gloria Danubii!—
Ich liebe den Danubius,— oder beſſer: die Donau. Der weibliche Namensklang fällt eben für die Liebe entſcheidender ins Gewicht. Oft ſchon bin ich auf ihren Wogen geſchwommen, nicht als waghalſiger Leander, ſondern als bequem⸗genießender Dampfboot⸗ Paſſagier von Regensburg nach Wien. Ich rathe allen Touriſten zu dieſer amönen Bädeker⸗Fahrt, und wer meinen Rath befolgt, und drückt mir dafür nicht dankbar die Hand, der— nun der läßt's bleiben. Von Wien abwärts bis ins Schwarze Meer hinein, auch darauf hatte ich mich bei meiner letzten Orienttour vor zehn Jahren gefreut, eine Freude, die mir aber, wenn nicht zu Waſſer, ſo doch zu November-Eis wurde, das den Dampfbvoten plötzlich den Befehl gab: „Bleibt daheim und ruht angenehm aus bis zum Frühling!“ Mir aber ward die eiskalte Weiſung:„Geh' nach Trieſt,— die Adria friert nicht zu!“
Es war aber in dieſem Sommer, als mich in Wien wieder „Ungarnſehnſucht“ überfiel, und Zeit blieb, dieſe zu befriedigen. Das Dampfboot war bereit, mein Sehnen zu mäßigem Preiſe und mit üblicher Bequemlichkeit zu befriedigen. Man will doch aber auch wieder einmal extra⸗ordinär für die Gegenwart, ſo reiſen, wie man es in alter ordinärer Weiſe gethan. Ich hatte eines Tages einen nahen Ausflug nach den blutigen Schlachtfeldern von Aspern, Eßling und Wagram gemacht und war nach der waldbewachſenen Inſel Lobau übergeſetzt, um auch dort den Spuren des öſterreichiſchen Ehrenkampfes gegen den Corſen nachzugehen. Da lag im Strom ein breites, etwas plumpes Schiff,— eine ungariſche Platte, die weit⸗ her aus den ſüdlichen Niederungen des Magyarenlandes goldkörnigen Weizen nach der Hauptſtadt geführt, damit dieſe nicht Mangel leiden ſolle an Material zu Kaiſerſtrudel, Dampfnudeln und andern wohl⸗ ſchmeckenden Mehlſpeiſen. Und am nächſten Tage ſollte die Noah⸗ Archen⸗ähnliche Platte wieder heimwärts ſchiffen mit dem, was Ungarn von Wien bedarf und mit— Paſſagieren. Gemeldet hatten ſich deren ſchon genug aus dem plauſibeln Grunde, daß nur„Vornehme“ das Minimum eines„Fahrgeldes“ bezahlen, die„niedere ungariſche Menſchenſchicht“ aber ſtatt deſſen dem„Kapitän“— Ehre dem Ehre gebührt, wenn auch ſein Aeußeres eben nicht an unſere üblichen Schiffskapitäne erinnerte— ihre Kräfte zur Arbeit verdingen ſollten. Ich bot mich als„Mitglied erſter zahlender Klaſſe“ an bis Peſth und ward mit Handſchlag auf⸗ und angenommen.
Und am nächſten Tage war ich„an Bord“, ſogar im Beſitz eines dunkeln, mit Stroh und einer„Kotze“— eine langhaarige Pferde⸗ decke— gepolſterten Schlafwinkels„unter Deck“, vielmehr unter dem Dach des Bretterhauſes, das den größten Theil des Fahrzeuges ein⸗ nahm. Stromabwärts ging die Fahrt, gefördert alſo ſchon durch den Lauf des Fluſſes, und beſchleunigt durch die vier koloſſalen Ruder, mit denen ſich plaudernd, ſingend, rauchend viermal ſechzehn alte und junge Magharen beſchäftigten, und nach gethaner Arbeit ebenſo viel Erſatzmänner fanden. Außer ein paar Handwerksburſchen, die nach dem fernen Süd-Oſten der ſchmutzigen Walachei ſtrebten, waren ich und mein vom Buchbinder roth uniformirter Bädeker die ein⸗ zigen Deutſchen, die dieſe ungariſche Stromfahrt mitmachten. Da ich, mit Zuſtimmung der Redaction dieſer Blätter, aber nicht geſonnen bin, den Reiſebeſchreiber zu machen, bitte ich den wißbegierigen Leſer, ſich an Freund Bädeker zu halten, der ein trefflicher Cicerone. Meines Amts iſt nur, auf unſer Bild hinzudeuten, und eben zu ſagen, daß dem Leſer aus demſelben das echte rechte Magharenthum von der Vorder⸗ und Hinterſeite charakteriſtiſch entgegentritt. Mit der ori⸗ ginellen Kopfbedeckung, halb Hut, halb Mütze, hat die moderne Damenwelt Europa's ſeit ein paar Jahren uns in Paris wie in Berlin hinreichend bekannt gemacht; den Mitgliedern unſerer civili⸗ ſirten Männerwelt würden wir ſie als kleidſam eben ſo dringend empfehlen, wenn das Antlitz im Beſitz feueriger dunkler Magharen⸗ augen, und ein ſchwarzer lockiger Haarwuchs ſich unter der Mütze hervorzudrängen im Stande iſt. Eine Bemerkung, die ein kenntniß⸗ reich⸗prüfender Damenblick ſicher unterſtützen wird. Was von den das Schiff füllenden männlichen, nervigen Männergeſtalten in ſchnur⸗ beſetzter Jacke und Kurtka, in enganſchließenden Hoſen und in die Wade deckenden Tſchismen erſcheint, gehört vorzugsweiſe zur mehr oder
— 176„—
weniger, aber doch etwas„beſitzenden“ Klaſſe, zu den einigermaßen „Vornehmen“, wogegen ärmelloſe halbtürkiſch geformte Weſte, Hemd und ſchlotternde„Gattjen“(Beinkleider) die kennzeichnenden Feigen⸗ blätter des„niedern Volks“ bilden. Wenn ich noch hinzufüge, daß neben meinem Lager„unter Deck“, aber nicht unter einer Decke, noch ein paar arg gebräunte zigeuneriſche Precioſen das ihrige auf⸗ geſchlagen, ſo möge man ſich nicht verleiten laſſen, daß deren Coſtüm quantitativ und qualitativ dem der Berliner liebenswürdigen Hof⸗ theater⸗Precioſe glich, ſondern zu jenen„Enthüllungen“ gehörte, die dem männlichen Auge keinesweges wehe thun oder unangenehm er⸗ ſcheinen.
Ich ſehe eben, daß ich auf dem beſten, oder vielmehr ſchlechteſten Wege bin, eine Indiscretion zu begehen. Darum genug für jetzt;— mit dem„Magharenſchiff und ſeiner Mannſchaft“ incluſive der „Mädchenſchaft“ habe ich den geneigten Lefer oberflächlich bekannt gemacht, und mehr iſt von mir nicht verlangt worden. Wer gründ⸗ lichere Donaufahrt⸗Studien machen will, der reiſe im nächſten Sommer nach Wien und ſuche ſich meinen maghariſchen Schiffs⸗Kapitän auf. Er heißt Ervarh, und wer ihn ſich recht geneigt machen und ein freundliches Grinſen auf ſeinem ſchnurrbärtigen Geſicht hervorrufen will, der füge ſeinem Namen noch Uram hinzu: Erväry Uram, was zu deutſch„Herr“ Ervarh heißt. Höflichkeit ſchadet nirgend, auch nicht einem maghariſchen Schiffskapitän gegenüber.
Vom Weihnachts⸗Büchertiſch.
Die Zahl der eingegangenen Novitäteu iſt eine ſo große, daß wir diesmal nur diejenigen zu erwähnen vermögen, welche einen wirklich hervorragenden Platz darunter einnehmen.
Neues deutſches Märchenbuch von Ludwig Bechſtein.— Peſth, Wien, Leipzig, N. Hartleben's Verlag. Zehnte Auflage. Es bedarf keiner Empfehlung dieſes Buches mehr, nur erinnern wollen wir unſere Leſer, nicht zu vergeſſen, es ihren Kleinen auf den Weih⸗ nachtstiſch zu legen. Wenn das Spielzeug und die Luſt am Spielzeug längſt verſchwunden ſind, werden Bechſtein's Märchen noch eine liebe Erinnerung bleiben.
Eben ſo dringend empfehlen wir die im Verlage von Eduard Trewendt in Breslau erſchienenen Jugendſchriften: Der Waldläufer von Julius Hoffmann.— Die jungen Büffeljäger von Karl Müller.— Aus frommer, fröhlicher Kinderwelt von Marh Oſten. Die beiden erſtgenannten ſind für die reifere Jugend, das letztere iſt für Kinder von zehn bis zwölf Jahren berechnet; alle drei mit reizenden, bunten Bildern verſehen, werden den Empfängern hohe Freude machen.
Cornelia, Taſchenbuch für deutſche Frauen auf das Jahr 1868 von Frater Hilarius.— Darmſtadt, Guſtav Georg Lange.— Der neun⸗ undfunfzigſte Jahrgang gibt der anſehnlichen Reihe ſeiner Vorfahren nichts nach in Ausſtattung und Inhalt. Gehört gleich die Aera der Taſchenbücher und Almanachs in die Vergangenheit unſerer Literatur⸗ geſchichte, ſo hat ſich doch das vorliegende in der Gunſt ſeines Pub⸗ likums behauptet und verdient dies auch mit vollem Recht.
Gedichte von M. Anton Niendorf. Dritte Auflage.— Verlin, Hausfreund⸗Expedition.— Niendorf iſt unſern Leſern kein Unbekannter.„Die Kaiſerwahl“,„Des Friedens Recht“,„Das Erbe der Smirzickh's“ im vorigen Jahrgange des Hausfreund haben den ungetheilteſten Beifall gefunden. Seine Beliebtheit datirt von dem großen Erfolge ſeiner erſten bedeutenden Dichtung:„Die Hegeler Mühle“(Berlin, Otto Janke). In der vorliegenden Sammlung tritt uns NRiendorf als reiner Lyriker entgegen, ob mit Recht, darüber iſt nicht mehr zu ſtreiten, denn zwei Auflagen dieſer Gedichte ſind in kurzer Zeit verkauft worden, eine Thatſache, die bei der Ueberflutung des Büchermarktes mit Gedichtſammlungen am beredteſten ſpricht.
Waarenkunde für die Frauenwelt. I. Nahrungs⸗ und Genußmittel, von Karl Ruß.— Breslau, Eduard Trewendt.— Auch Karl Ruß iſt unſern Leſern durch ſeine beiden Skizzen„Die Wald⸗ verderber“ und„Der Roſe Freunde und Feinde“ im Hausfreund vorgeſtellt worden, ſonſt gehört ſein Name wol zu den bekannteſten, die es überhaupt gibt. Faſt kein deutſches Journal mag ſeine natur⸗ wiſſenſchaftlichen Artikel entbehren, denn er verſteht es wie Wenige, ſeine Leſer an einen ſcheinbar unbedeutenden Gegenſtand zu feſſeln und demſelben Bedeutung zu geben, weil er ſelbſt ein warmer Ver⸗ ehrer der Natur iſt, weil er darum aus vollem Herzen zum Herzen zu ſprechen und weil er endlich ſtets die Bedeutung der Naturwiſſen⸗ ſchaft für das praktiſche Leben ins hellſte Licht zu ſtellen vermag. Die Waarenkunde für die Frauenwelt zerfällt in die Abſchnitte: Ge⸗ würze, Würzen, Genußmittel, Nahrungsmittel, Delikateſſen. Sie behandelt ſämmtliche im täglichen Haushalt vorkommende Gegenſtände, ihre Entſtehung, Anwendung, Verfälſchungen und Nachbildungen, und wird unſern Frauen und Töchtern ein liebes Weihnachtsgeſchenk
Verlag der Hausfreund⸗Expedition(E. Graetz) in Berlin, Kronenſtraße Nr. 21. Verantwortlicher Herausgeber: Hans Wachenhuſen.
Haupt⸗Expedition und Druck bei F. A. Brockhaus in Leipzig.
—————


