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Sein Teſtament, als er 1859 ſtarb, warf ein eigen⸗ thümliches Licht auf das Mistrauen, das ſeine Seele ſo ganz umkruſtete. Er hatte einen Sohn und eine Tochter, die er mit fürſtlicher Freigebigkeit erziehen ließ. Sie hatten die vorzüglichſten Lehrer, ein glänzendes Wohnhaus, Equipage, Diener und was ſonſt noch. Eines Tages überzeugte er ſich, daß die Mutter der Kinder ihn auf unverantwortliche Weiſe auszubeuten verſuche. Er erklärte alſo rundweg, die Kinder würden während ſeines Lebens und nach ſeinem Tode keinen Thaler mehr von ihm bekommen.
Sehmour hielt Wort. Er vermachte den Hospitälern von Paris anderthalb Millionen Revenuen. Sein Sohn ver⸗ dient jetzt jährlich 1200 Francs in einem Eiſenbahnbureau, ſeine Tochter ernährt ſich durch Muſikunterricht. Seiner andern Geliebten vermachte er im Teſtament eine Rente von 10000 Franes, ihrem Kinde eine Rente von 30000.
Faſt fünfzig Jahre hindurch wohnte Sehmour ſeinem Bruder, dem Marquis d'ertford gegenüber und grüßte ihn nicht einmal, wenn er ihm begegnete. Er enterbte ihn ſogar. Erklärlich iſt dies, denn die Familie ſtrengte bei ſeiner Geburt einen Proceß an, in welchem ſie behauptete, Seymvour ſei ein untergeſchobenes Kind, ein Verdacht, welchen denn auch ſeine Körperbeſchaffenheit im Vergleich mit der ſeines Bruders zu beſtätigen ſcheint.
Auch ſeine Bedienten, ſelbſt diejenigen, welche in ſeinem Dienſte ergraut, wurden nicht beſſer bedacht als ſeine Ver⸗ wandten. Zu den erſteren gehörte auch ein Italiener, der als Marquis geboren und durch Unglück ſo weit herab ge⸗ kommen war. Cocopani war einer ſeiner Lieblingsdiener; er mußte ſeine Waffen pflegen, ſeine Cigarren überwachen, ſeine Eau⸗de⸗Cologne fabriciren u. ſ. w. Sehmour zeigte ihm ſtets großes Wohlwollen, was ihn aber nicht hinderte, oft Scherze über ſeine adelige Geburt und ſeine Ahnen zu machen. Aber auch nicht einmal der Name des armen Marquis figurirte in ſeinem Teſtament. Ebenſo wenig ſein Kammerdiener, ein alter Unter⸗ offizier, mit dem er oft einen Waffengang machte, und der ihm mit Leib und Seele ergeben war.
Indeß war Seymour's Erbin, die Hospital⸗Verwaltung generös genug, den armen Dienern Penſionen von 1200 Francs auszuſetzen, um dadurch Sehmour's Unrecht wieder gut zu machen.
Deſto zärtlicher war Seymour gegen ſeine Pferde. Er beſtimmte in einer Teſtamentsclauſel eine Penſion von 5 Franes täglich für acht von den Pferden, welche an ſeinem Sterbe⸗ tage ſich in ſeinem Marſtall befänden, außerdem einen Gehalt von 1200 Franes für den Reitknecht, der ſie pflegen ſolle.
Vor Seymour's Tode ſchien nichts ſein nahes Ende zu
prophezeien. Dr. Chemſide, ein alter Chirurg der engliſchen Garde, der ſtets um ſeine Perſon ſein mußte, ein Gehalt von 15000 Franecs bezog und eine Wohnung in ſeinem Hotel hatte, Dr. Chemſide hatte kein bedenkliches Symptom an ihm gefunden. Sehmour aber, der ſich immer unwohl befand, conſultirte eine mediciniſche Berühmtheit, der Dr. Trouſſeau.
Dieſer erkundigte ſich nach ſeiner Lebensweiſe.„Sie ſchlafen nach dem Diner“, ſagte er.„Sie führen ein unthätiges Leben. Was Ihnen fehlt, iſt Bewegung, die friſche Luft, ebenſo ein angenehmes Familienleben und eine zärtliche Pflege. Leben Sie ſo fort wie jetzt, ſo gebe ich Ihnen kaum noch ein Jahr.“
Lord Seymour zuckte die Achſel, legte zehn Louisdor auf den Tiſch und ging.
Zehn Monate ſpäter war er nicht mehr.
Im letzten Augenblicke drehte er ſich im Bette herum, um der Welt den Rücken zu zeigen und murmelte ſehr ver⸗ ſtändlich die charakteriſtiſchen Worte:
„Jetzt müſſen alle meine Schmarotzer vor Hunger ſterben!“
Nie beſtand ein größerer Contraſt zwiſchen Brüdern als zwiſchen Lord Seymour und Marquis Hertford. Der letztere iſt ebenſo ſchwächlich wie ſein Bruder ſtark war. Sein Leben iſt ebenſo ſegensreich, wie das Seymour's unfruchtbar ge⸗ weſen.
Hertford iſt der größte Verehrer der Künſte; im Beſitze eines Vermögens, das man auf ſechs Millionen Renten taxirt, iſt er im Ankauf von Bildern und Kunſtſammlungen ſtets der eifrigſte Concurrent mit den Königen, die für ihre National⸗ galerien ſorgen. Als z. B. der gegenwärtige König von Holland auf die Idee kam, ſich aus der herrlichen Sammlung ſeines verſtorbenen Vaters Geld zu machen, ſchlug Hertford die Gebote Englands und Rußlands aus dem Felde und ließ jenen nur, was er für mittelmäßig hielt.
Sein Sinn für die Kunſt und ſeine Kenntniſſe erſtrecken ſich auf Alles, und wenn man den Marquis von Hertford mit ſeinem Regenſchirm unter dem Arm in den Straßen von Paris ſieht, ahnt Niemand in dieſem, allen äußeren Lurus verachten⸗ den kleinen Herrn den Beſitzer und Verehrer der koloſſalſten Kunſtſchätze.
Als unter Louis Philipp die Luftreiſen Mode wurden, war Hertford einer der Erſten, der mit den Ballon beſtieg.
Einige Tage darauf trat auf dem Maskenball der Oper eine Dame auf ihn zu, in der er eine bekannte käufliche Schönheit erkannte.
„Man ſagt, du kommſt vom Monde, Marquis“, redete ſie ihn an.„Was haſt du dort geſehen?“
„Den Merkur“, antwortete der Marquis.„Er hat nach dir gefragt.“ E. M.
C—
Venedig, auch eine ſchöne Gegend.
(Ein⸗ und Ausdrücke von Fr. Tietz.)
Ich weiß nicht, wie viele Städte der Welt ſich den Titel:„superba“ beilegen— Venedig mag es mit Recht thun, wenn auch nur rückwärts in ihre Vergangenheit ſchauend. Es iſt eine ſtolze Stadt geweſen, als ſie noch lebte, und auch noch jetzt, in ihrem ſtaatlichen Schlummer, erinnert die„Provinzialſtadt des Königreichs Italien“, daß ſie eine beſſere Gegenwart verdiente, die ihre ſtolze Vergangenheit wenigſtens wieder wach riefe. Warum man ſie nicht zur „Freien Stadt Venetia“ gemacht, wie unſere norddeutſche ſtolze Hammonia es auch nächſtens— geweſen ſein wird? Es iſt ein wunderlich Ding, die Gegenwart des Staa⸗ tenlebens“, die in dem Sturm, der über die Welt, über Europa vorzugsweiſe weht, ſo raſch zur Vergangenheit wird; Menſchenwerk, nicht Gottes Werk, darum vergänglich. Der Schein der Abendſonne beleuchtet den ſtolz über der Ein⸗ trittshalle zu Fürſtenpaläſten in goldnen Lettern prangenden Spruch:„Groß und mächtig jetzt und bis in alle Ewigkeit!“ und aus dem Nebel des nächſten Morgens tritt uns ſtatt
deſſen in düſtern Buchſtaben der neue Wappenſpruch des nächtlichen Geſchicks entgegen:„Fuimus Troes!“
Es giebt im Staatenleben keine„Dauer der Größe“. Als ich vor ein paar Jahrzehnten im Abendgrauen über die Ebene von Troja ritt, ſtöhnte es geſpenſterhaft aus den Erd⸗ hügeln der weiten Fläche, aus den ſpärlichen Mauerreſten des„Heiligen Jliums“, auf denen das armſelige Dörflein Bunasbaſchi liegt, zu mir herauf:„Fuimus!“— Und als ich mich verleiten ließ, einige Wochen ſpäter das„goldene Corinth“ zu beſuchen, wurde mir klar, warum der Apoſtel Paulus ſeine Bibelbriefe„an die Corinther“ geſchrieben. Weil eben der wackere alte Briefſchreiber, zu deſſen Zeit die Zeit das Gold von Corinths Tempeln und Paläſten längſt abgeätzt, die verzeihliche und zu billigende Scheu gehabt, ſich perſönlich in dies zu einem Conglomerat von erbärmlichen Lehmhütten zuſammengeſunkene griechiſche Wanzen⸗ und Läuſeneſt hineinzuwagen.— Und wenn nach ein paar tauſend Jahren meine Enkel— ich habe zwar noch keine, doch hoff' ich, daß
mein Tour ſtum ſie n Mer Steit mit
Stal Koh ſeine — der ſiche Johr
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