Jahrgang 
1868
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Man ſchilt die Deutſchen pedantiſch, aber nein! ſie fangen ſeit den letzten Jahren an, franzöſiſcher zu werden als die Franzoſen; ſie ſuchen dieſe an Leichtigkeit und Leichtfertigkeit in Wahl und Behandlung von Stoffen zu überflügeln, und an dieſem unſeligen Streben geht ſo manches ſchöne Talent zu Grunde. Bevor man aber eine deutſche Copie acceptirt, nimmt man lieber das franzöſiſche Original; der franzöſiſche Einfluß auf deutſche Bühnen datirt nicht von geſtern her, und man braucht nicht lange nach der Urſache zu ſuchen, wegen der ſeiner Zeit Frankreich die theatraliſche Oberhand in Deutſch⸗ land erlangt hat. Aus der hiſtoriſchen Thatſache läßt es ſich dann erklären, daß der franzöſiſche Einfluß ſo mächtig geworden, daß er zu Iffland's Zeit jeden germaniſchen Funken anf der Bühne erſtickte, und daß er noch in unſerer Zeit mächtig genug iſt, um einen Mann wie Heinrich Laube zum Protektor aller franzöſiſchen Dichter wie man be⸗ hauptet: auf Koſten der deutſchen zu machen! Im fechzehnten Jahrhundert hatten in Frankreich die Improviſa⸗ tionsgeſellſchaften, die Vertreter der commedia dell' arte, ge⸗ endet, weil in Jodelle der erſte Künſtler Frankreichs(nur der Zahl nach der erſte) erwacht war. Jodelle fand un⸗ zählige Nachahmer, und ſchnell bequemte ſich das franzöſiſche Theater in die Ertreme; von den luſtigen Spielen der Frores de la Bazoche ſich abwendend, machte es der langweiligſten pedantiſchen Gründlichkeit Platz. Aber dieſe Pedanterie gefiel, weil man der ſteten Improviſationsſpiele müde war.

In Deutſchland hatten bis dahin wenige franzöſiſche Elemente geherrſcht; man hatte Einiges von den Holländern, aber nur Geringfügiges von Franzoſen, Spaniern und Ita⸗ lienern herübergenommen. Nun ſollte es anders kommen! Man wollte die Gründlichkeit Jodelle's und ſeiner Nachfolger als Mittel gegen die deutſche Leichtfertigkeit gebrauchen. Wie ſich doch die Zeiten ändern! Jetzt ſind wir Deutſchen gründ⸗ lich, und die Franzoſen ſind die Leichtfertigen; wer weiß, ob nicht wieder ein Umſchlag ſtattfinden wird?! Das deutſche Komödiantenweſen war herabgekommen, es bedurfte eines energiſchen Hülfsmittels, und dieſes glaubte Prof. Gottſched, vereint mit derNeuberin, in den Dramen Jodelle's gefunden zu haben. Die Abſicht, das Improviſiren zu verdrängen, gelang, aber die deutſche Bühne war an die franzöſi⸗ ſchen Dichter verkauft. Die Oper wurde nach dem Muſter von Verſailles umgeſtaltet, franzöſiſche Geſellſchaften über⸗ fluteten Deutſchland, und wie uns Deutſchen die Vorliebe für alles Fremdländiſche ſeit jeher innewohnt, ſo florirten auch damals die Künſtler von jenſeits des Rheins, und die deut⸗ ſchen Truppen gingen zu Grunde, wenn ſie nicht mit dem franzöſiſchen Strome ſchwimmen wollten; ſo mußte z. B. Löwen's Theater in Hamburg nach ſechswöchentlichem Beſtehen geſchloſſen werden, weil die franzöſiſchen Künſtler das geſammte Publikum an ſich zogen. Magiſter Velthen, dieſe bedeutende Erſcheinung in der Geſchichte der deutſchen Schauſpielkunſt, verſuchte es bei ſeiner Truppe eine Zeit lang mit deutſchen Stücken nach Jodelle's Muſter, bis er darauf gerieth, Moliere bei uns einzubürgern. Racine und Corneille drangen weniger

durch, aber Moliere's lebensvolle Schöpfungen eroberten im

Sturme den Beifall der Kenner wie der Laien. Velthen gab

franzöſiſchen Comödianten Moliere. Mit Moliere begann wie Devrient ſagt, die Periode der Menſchendarſtellung für Deutſchland, denn in den bis dahin aufgeführten Stücken begegnete man nie einer lebenswahren Figur. Doch gerade dieſer Vortheil, den Moliere brachte, verdrängt das Deutſch⸗ thum wieder um ein Beträchtliches von der Bühne. Zuletzt ſahen auch jene Leute das ein, die in franzöſiſchen Stücken das Heil der deutſchen Bühne erblickt hatten; namentlich mußte Jeder erkennen, wie ſchäblich das aus Frankreich geholte Genre der Operetten auf das Repertoire wirken müſſe. Aber es war zu ſpät! Dazu kam noch, daß Friedrich der Große das franzöſiſche Schauſpielweſen begünſtigte. Mit Ausnahme Joſeph's II. und des Kurfürſten Karl Theodor von der Pfalz, protegirten alle deutſchen Regenten im vorigen Jahrhunderte das franzöſiſche Schauſpiel; ſchließlich waren ja auch Iffland's Stücke der Form nach nicht deutſch(die Charaktere waren es dennoch), und es iſt charakteriſtiſch für den patriotiſchen Kunſtſinn der damaligen gekrönten Häupter, daß es Aufſehen machte, als Maria Thereſia einmal das deutſche(²) Schauſpiel beſuchte, wo man Diderot'sHausvater aufführte! Was nützten die wenigen Kämpfe für deutſches Bühnenweſen, was fruchteten Leſſing's nationale Beſtrebungen? Die Fürſten erhielten nach wie vor und auch in Wien war es ſo italieniſche Opern⸗ und franzöſiſche Schauſpielergeſellſchaften. Intereſſant iſt es, was Sonnenfels 1768 über die Bevorzugung der franzöſiſchen Truppen ſchrieb; er hüllte ſich bekannntlich in die Maske eines in Wien wohnenden Franzoſen, weil er nicht als Autor der bekannten Briefe über das wiener Schauſpiel⸗ weſen erſcheinen wollte.Dem deutſchen Schauſpieler, ſo heißt es in den Briefen,werden zwar in Wien auf ſeinem Sterbelager die Sakramente nicht verſagt, aber es ſind auch nur wenig Häuſer, die ſich über das Vorurtheil wegzuſetzen und ihm den Eintritt zu gönnen das Herz haben. Wo es ja geſchieht, da geſchieht es allenfalls auf dem Fuße eines Luſtigmachers und Hausſchalken, welche Rolle einem ehrlichen Manne ſehr ſauer werden muß. Die Geringſchätzung der Nationalſchauſpieler fällt deſto ſichtbarer in die Augen, weil man unſere Truppe(die franzöſiſche) mit aller Unter⸗ ſcheidung empfängt und beinahe möchte ich ſagen: auf eine läppiſche Art vergöttert. Da, wo der deutſche Schauſpieler in der Ecke eines Vorgemaches mit der Livrée vermengt, in demüthiger Stellung wartet, bis er das Glück haben kann, der ihn überſehenden Vornehmen im Vorübergehen den Saum des Kleides zu küſſen, da wird der Franzoſe unangemeldet eintreten und mit einer Umarmung empfangen werden. Dieſe kleinlichen Fälle charakteriſiren die Oberherrſchaft des franzöſiſchen Theaters, über deren Fortdauer oder Ende Nie⸗ mand etwas vorauszuſagen vermag. Das Jahr 1813 verkürzte für einige Zeit das überrheiniſche Rägime auch auf der Bühne, allein das dauerte nicht lange; ſogar die theatraliſchen Fachaus⸗ drücke hat man dem Franzöſiſchen entnommen; die Flamme von 1813 hatte nicht vermocht, den franzöſiſchen Einfluß zu ver⸗ nichten. Sogar zu Schiller's und Göthe's Zeiten beherrſchte Frankreich, in Voltaires Werken, unſere Theater; und ſtellt man Voltaire den beiden Dichterfürſten gegenüber, ſo erſcheint er uns nicht viel größer, als manche der jetzigen pariſer

ſelbſt eine Ueberſetzung ſeiner Stücke unter dem Titel heraus Dramatiker. Was nützt aber das Erkennen, das Be⸗ Histrio gallieus comico-satyricus sine exemplo, oder die klagen dieſer Zuſtände wenn man keine Mittel beſitzt, ſie überaus anmuthigen und luſtigen Comödien des fürtrefflichen zu ändern? Millionen über Millionen. (Scꝙluß.)

Als er nach Paris zurückgekehrt, trug ein herabgekom⸗ mener Bildhauer eine Statuette der Venus von Milo von Haus zu Haus. Eine Dame von Sehmour's Bekanntſchaft, die von dem Unglück des Künſtlers gehört, legte bei dem Lord ein gutes Wort ein, mit dem Hinzufügen, der Künſtler ſammt ſeiner Familie müſſe den Hungertod ſterben.

Wie verkauft er ſeine Statuetten? fragte Seymour.

Fünfundzwanzig Franes für jede. 46

Gut, ſagte Seymour, ein Tauſendfrancs⸗Billet hervor⸗ ziehend,ſo ſoll er mir hierfür ſechs Dutzend Venuſſe anfertigen.

Seymour's Lebensweiſe war folgende. Um ſieben Uhr Morgens erhob er ſich, ging in ſein Toilettenzimmer, wo er auf ſeine Perſon die größte Sorgfalt verwendete, machte dann

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